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Heinrich August Winkler
"Wir sind nicht die Leitnation Europas"

Berlin . Deutschlands bedeutendster lebender Historiker sieht die Bundesrepublik in der Flüchtlingsfrage in einer isolierten Position. Von Lothar Schröder

Er zählt zu den wichtigsten Analytikern der deutschen Geschichte: der 1938 in Königsberg geborene Historiker Heinrich August Winkler. Im vergangenen Jahr konnte er sein vierbändiges Monumentalwerk über die "Geschichte des Westens" abschließen. Dafür wird er im März im Leipziger Gewandhaus mit dem Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt.

Herr Winkler, wie heikel ist es für einen Historiker, sich auch aktuellen Fragen zu stellen und Aussagen zu treffen, die später keine Gültigkeit mehr haben könnten?

Winkler Alle Urteile von Historikern stehen ja ohnehin unter einem Quellenvorbehalt. Wenn wichtige Quellen nicht zur Verfügung stehen, müssen die Urteile natürlich subjektiver ausfallen. Sie laden zum Widerspruch ein. Das Risiko, widerlegt zu werden, ist in der Tat dann sehr viel größer. Obwohl wir uns dieser Gefahr durchaus bewusst sind, müssen wir das Risiko eingehen, weil der Versuch, die Gegenwart historisch zu verorten, der Geschichtswissenschaft nicht abgenommen werden kann.

Ihre jüngste Aufsatzsammlung heißt "Zerreißproben" - ein Titel, der auch für die aktuelle Situation in Deutschland zu passen scheint.

Winkler Der Begriff taucht im Titel eines Aufsatzes von mir aus dem Jahr 2002 auf. Damals ging es vor dem Hintergrund des drohenden Irak-Krieges um die "Nato in der Zerreißprobe". Heute ist Europa in der Tat in einer Situation, wie es sie so wohl noch nie gegeben hat. Es sind multiple Krisen, die unseren Kontinent derzeit belasten: Die Krise der Währungsunion ist noch nicht überwunden, wir haben grundlegende Meinungsverschiedenheiten über die Einhaltung der Kopenhagener Beitrittskriterien von 1993; und in Ungarn und neuerdings in Polen legen die Regierungen diese Kriterien höchst eigenwillig, nämlich illiberal aus. Es gibt genug Gründe, um über den Zusammenhalt der Europäischen Union nachzudenken. Und dieses Problem stellt sich jetzt natürlich auch, wenn es um die Sicherung der europäischen Außengrenzen geht und die Verteilung von Flüchtlingen und Asylsuchenden. Da ist Deutschland in einer besonderen Verantwortung. Gleichzeitig erleben wir eine Isolierung Deutschlands, die uns nachdenklich stimmen muss.

Wird die politische Debatte momentan mehr von Hysterie als von rationalem Denken beherrscht?

Winkler Nein. Das gilt jedenfalls nicht für die offizielle Politik. Und dennoch bin ich der Meinung, dass der Eindruck von deutsch-österreichischen Alleingängen in der Flüchtlingsfrage nichts ist, was Europa beruhigen könnte.

Ist es nicht skurril, dass in Deutschland aktuell eine Krisenstimmung weit verbreitet ist und auf der anderen Seite die wirtschaftliche Situation des Landes besser ist denn je?

Winkler Die Krisenstimmung ist kein deutsches Spezifikum, sondern allgemein in Europa verbreitet. Unser Problem besteht darin, dass wir lernen müssen, einen humanitären Ansatz in der Asyl- und Flüchtlingsfrage mit der nüchternen Betrachtung unserer begrenzten Integrations- und Aufnahmefähigkeiten zu verbinden. Dazu gehört natürlich auch die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung. Da ist noch viel an Überzeugungsarbeit zu leisten. Im Übrigen dürfen wir uns nicht als die moralische Leitnation Europas fühlen, die anderen die Richtung vorgibt.

Hat demnach Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrem Wir-schaffen-das-Optimismus die Bevölkerung überfordert?

Winkler Ich hätte mir gewünscht, dass die deutsche Entscheidung zur Grenzöffnung mit unseren Nachbarn und vor allem mit der EU-Kommission zuvor abgestimmt worden wäre - auch, um diese nicht aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Zudem wäre es wichtig gewesen, die Einmaligkeit dieser Maßnahme zu betonen. Das muss man selbstkritisch anmerken.

Wie unsicher oder labil ist dieses Europa überhaupt, wenn seine Freiheit nach innen scheinbar nur mit der Abkapselung nach außen gewahrt werden kann?

Winkler Die Sicherung der Außengrenzen erfordert eine enge Zusammenarbeit mit der Türkei, die wahrlich kein bequemer Gesprächspartner für die Europäische Union ist und deren innere Entwicklung sehr beunruhigend ist. Die Europäer werden weder ihren Ansatz aufgeben dürfen, Menschenleben auf See zu retten, noch dürfen sie Illusionen erzeugen oder bestärken, dass Europa ein Kontinent der unbeschränkten Möglichkeiten ist. Mit diesen Illusionen produzieren wir Tragödien, weil wir permanent Erwartungen wecken, die wir nicht erfüllen können.

Um diesen Illusionen wirksam und dauerhaft ein Ende zu bereiten, muss man dann nicht auch versuchen, stärker als bisher die Konflikte in den Herkunftsländern abzustellen?

Winkler Wenn wir schon von den tieferen Krisenursachen sprechen, dann müssen wir auch daran denken, dass die Agrarpolitik der Europäischen Union katastrophale Auswirkungen auf viele afrikanische Länder hat. Deren Agrarmärkte liegen danieder, weil die europäischen Produkte so gezielt subventioniert werden. Auch haben wir jahrelang die Anrainer-Staaten Syriens mit dem Flüchtlingsproblem alleingelassen. Das gilt auch für Italien und Griechenland. Heute rufen wir Deutsche nach Solidarität. Das wäre glaubwürdiger, wenn wir in der Vergangenheit nicht auf Kosten Dritter eine Politik relativer Abschottung bestritten hätten.

Aber wie kann man jetzt in Syrien agieren?

Winkler Nichts wird sich in Syrien zum Besseren wenden, wenn nicht Saudi-Arabien und Iran wenigstens in dieser Frage einen Modus Vivendi finden. Auch muss Russland eingebunden werden. Russlands strategische Interessen in Syrien müssen respektiert werden, aber an einer Stabilisierung des Assad-Regimes darf der Westen nicht mitwirken. Mit Assad hat Syrien keine Zukunft.

Quelle: RP
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