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Müller stellt Wirtschaftsbericht vor: Wirtschaftsminister Müller und die Geschichte der Sarah M.

zuletzt aktualisiert: 17.07.2001 - 16:09

Berlin (rpo). "...irgendwann ist die Summe des Verdrusses größer als die Summe des Genusses." Mit diesem Zitat des preußischen Staatsbeamten Hermann Heinrich Gossen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts beginnt der dritte "Wirtschaftsbericht" von Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, den er am Dienstag in Berlin vorlegte.

Es betreffe aber in keiner Weise ihn selbst oder gar das Vergnügen, das ihm die Arbeit im rot-grünen Kabinett bereite, versichert der parteilose Minister.

Der Ausspruch sei vielmehr gemünzt auf das bequeme Leben, das man führen könne, "wenn man die Zukunft im Jetzt verlebt", auf Kosten der zukünftigen Generationen. Ausgerechnet die Mätresse Madame Pompadur habe Gossen dafür zur Kronzeugin angerufen, dass man das nicht dürfe. "Wir müssen für die Zukunft leben, nicht gegen sie", betonte der Wirtschaftsminister und das gelte auch und vor allem für die Wirtschafts- und Finanzpolitik.

Müller nutzte seinen Wirtschaftsbericht zu einem eindringlichen Aufruf zur Renaissance der sozialen Marktwirtschaft im Sinne Ludwig Erhards. Sie folge klaren, einfachen Regeln, an denen man sich orientieren könne: Leistung muss sich für den lohnen, der sie erbringt. Oder: Was der Einzelne tun kann, muss der Staat nicht leisten.

Wem das allzu sehr nach den Thesen der FDP klang, den beschied der Wirtschaftsminister gleich abschlägig. Manches was die FDP sage, sei ja nicht so falsch. Aber sie richte sich weder heute danach noch habe sie es in ihrer Regierungszeit getan - obwohl sie 26 Jahre lang den Wirtschaftsminister gestellt habe. "Liberale Wirtschaftspolitik hatte in der FDP ganz offensichtlich keine Heimat", konstatiert der Minister, ohne sich jedoch allzu sehr auf eine parteipolitische Auseinandersetzung einzulassen.

Er sehe sich auch eigentlich nicht als "Berufspolitiker", bekennt er gleich anschließend. Er hätte schon Probleme damit, überhaupt in eine Partei einzutreten, sagt er auf die Frage, ob die Regierungsarbeit ohne Parteibuch nicht schwierig sei. Aber selbstverständlich hege er gewisse Sympathien.

Mehr aber geht es ihm um die Sache. Sein Wirtschaftsbericht sei kein Regierungsbericht, sondern eine Art Geschäftsbericht und Diskussionsanregung seines Ressorts, betonte Müller. Die 70-Seiten Lektüre unterscheidet sich denn auch wesentlich von jeder anderen Vorlage dieser Art. Fast wie eine Aufklärungsbroschüre mutet sie an. Aber sie hat auch beinahe persönliche Teile, einschließlich einer Fotografie des 24-jährigen Müllers als Student, der bei dem Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Knut Borchardt lernte.

In einem Zwiegespräch mit seinem früheren Lehrer zu Beginn des Berichts überlässt es der Minister dem Wissenschaftler, zu erläutern, wovon er - Müller - offenbar selbst fest überzeugt ist. Da ist die Rede von Eigenverantwortung des Einzelnen und dass sich die Bevölkerung viel zu sehr daran gewöhnt habe, der Staat werde es schon richten.

"Es wäre gut gewesen, solche Illusionen frühzeitig abzubauen", sagt Borchardt. Und weiter: "Politiker dürfen nicht versprechen, dass jeder kriegt, was er braucht". Und Müller vertritt die These, dass es zum Beispiel ja früher "das A und O einer Lebenseinstellung war, dass man auch für sein Alter vorsorgt".

Dann zeigt der Wirtschaftsbericht dem Leser, dass es bei all diesen Themen nicht um graue Theorien geht, sondern um ganz normalen Alltag. Er beschreibt - zumindest ansatzweise - den Lebensweg der fiktiven Sarah M. von ihrem fünften bis zum 85. Lebensjahr mit all den Themen dazwischen: Ausbildung, Jobsuche, Teilzeitarbeit, Kinder, Weiterbildung bis zur Rente. Prominente von Cosma Shiva Hagen über die Tagesthemen-Moderatorin Anne Will, die evangelische Bischöfin Maria Jepsen bis hin zu Inge Meysel kommentieren. Zu der Frage, warum nur Frauen zu Wort kommen, sagte Müller: "Wir haben nach Qualität und Inhalt der Worte gewählt."

Quelle: RPO Archiv

 
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