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Analyse
Wohin der Papst die Kirche steuert
Rio. Papst Franziskus ist vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro nach Rom zurückgekehrt. Der Jubel war bei all seinen Auftritten groß, doch wird der Zuspruch möglicherweise von falschen Erwartungen genährt. Von Tobias Käufer und Lothar Schröder

de Janeiro Der Strand gefüllt mit drei Millionen Menschen, ein Papst, dem die Herzen zufliegen – die erste Auslandsreise von Papst Franziskus glich einem phänomenalen Triumphzug. Dem ersten Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri ist es auf seinem Heimatkontinent gelungen, der katholischen Kirche zumindest für den Moment ein neues Image zu geben. "Geht raus auf die Straße, verlasst die Kirchen", hat er den Priestern, Bischöfen und Kardinälen zugerufen. Er wünscht sich eine Kirche der Armen, eine Kirche der Straße. Plötzlich wirken die Missbrauchsskandale, die die Kirche über Jahre lähmten und das Pontifikat von Benedikt XVI. überschatteten, weit weg. Viele Menschen, die der Kirche zwar nahestehen, sich aber zuletzt distanzierten, scheinen sich wieder mit ihr versöhnen zu wollen.

Franziskus ist eine Identifikationsfigur, ein Seelsorger, wie ihn sich die Gläubigen auch für ihre eigene Pfarre wünschen. Er schafft es, die Menschen wieder für die Kirche und ihr Anliegen zu begeistern. Er wirkt wie ein gutmütiger Großvater und nicht wie ein gestrenger Lehrmeister.

Franziskus hat in Lateinamerika zu den Problemen der Menschen vor Ort Stellung bezogen. Er benutzt dabei eine Sprache, die die Menschen verstehen. Wo sein Vorgänger Benedikt XVI. glänzende theologische Vorträge hielt, die aber in den Armenvierteln der Welt nicht verstanden wurden – wenn sie überhaupt angehört wurden –, redet Franziskus mit den Menschen auf Augenhöhe. Seine Botschaften klingen schon deshalb authentisch und überzeugend, weil Franziskus in seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires Stammgast in den Armenvierteln seiner Heimat war.

Der permanente Vergleich mit Benedikt XVI. wird nicht allein deshalb so oft bemüht, weil der Papst-Vorgänger noch lebt. Diese Gegenüberstellung scheint vieles leicht zu machen und zu erklären: den vielleicht weltfremden Professoren-Papst auf der einen, und der den Menschen zugewandte amtierende Papst auf der anderen Seite. Das ist eine Konstruktion, die mit der Wirklichkeit wenig zu tun hat. Die Entweltlichung, die Benedikt seiner Kirche als eine Konzentration auf sich selbst einst verordnet hatte, ist auch im Denken von Franziskus tief verwurzelt. Sein Name ist tatsächlich sein Programm und eine Kultur und Zivilisation der Genügsamkeit sein Ziel. Das hört sich niedlicher und bekömmlicher an, als es in seiner Konsequenz sein wird. Als Franziskus Anfang Juli auf der Mittelmeerinsel Lampedusa die verheerende Lebenslage afrikanischer Flüchtlinge hautnah kennenlernte, war auch das ein Bekenntnis. Eine Kirche mit dem Anspruch der Weltkirche hat dem Anspruch einer Solidarität gerecht zu werden, die über das Verteilen von Kirchensteuergeldern hinausgeht. Die Solidarität wird nämlich bei uns – den reichen Europäern mit unserem fast ungehemmten Verbrauch von Energie und Nahrung sowie der Frage, ob eine Überflussgesellschaft überhaupt noch akzeptabel ist – beginnen müssen . Und da wird es mit Papst Franziskus für viele Menschen, die heute noch dem bescheidenen Pontifex zujubeln, ungemütlich werden.

Von einem "Zeugnis der Einfachheit" ist die Rede, das insbesondere jene anspricht, die nie etwas anderes als ein einfaches Leben kannten. Entweltlichung heißt darum auch, Grenzen unserer Lebensweisen zu akzeptieren. Dieser Geist wird die Gewichte innerhalb der römisch-katholischen Kirche nicht nur nach Lateinamerika, sondern auch nach Afrika verschieben. Konsequent solidarisches Leben ist aber keine Revolution, sondern gelebtes Christentum. Und in diesem Sinne ist Franziskus ein Konservativer. Man wird von ihm kaum erwarten dürfen, dass er beispielsweise den Zölibat infrage stellen oder das Priesteramt für Frauen fordern wird. Das sind Kirchenfragen. Sein Bild vom Menschen ist weiter: Gestern wünschte er einen offeneren Umgang mit Homosexuellen.

Viele seiner Reden sind vor allem bei den dominierenden sozialistischen Regierungen Lateinamerikas gehört und wohlwollend aufgenommen worden. Zumindest versuchen sie, die Äußerungen des Papstes in ihre Richtungen zu deuten. Boliviens sozialistischer Präsident Evo Morales zeigte sich beeindruckt: "Ich habe zwei Dinge gelernt. Erstens: Gehe ohne Angst zum Volk wie wir es jeden Tag tun. Zweitens: Ein Christ ist nicht christlich, wenn er nicht revolutionär ist. Ich bin revolutionär." Die Reden Franziskus' seien eine Aufforderung, die Befreiungstheologie wiederzubeleben, so Morales weiter. Dies werde er nun umsetzen. Auch Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hatte eine "strategische Allianz" des sozialistischen Staatenbundes mit dem Vatikan angeregt, um den Hunger und den Analphabetismus zu bekämpfen.

Die neue Begeisterung der zuvor als Kirchenkritiker bekannten Politiker könnte auch innenpolitisch motiviert sein. Mit den katholischen Ortskirchen in Venezuela und Bolivien liegen Maduro und Morales über Kreuz: Beide Kirchen haben sich in der Vergangenheit in bester Franziskus-Manier eingemischt, Korruption und Machtmissbrauch angeprangert und sind somit fleißig gegen den Strom geschwommen.

Im Vatikan werden Franziskus nun die alten Probleme wieder einholen: die Reform der Vatikanbank, die Angst der Europäer vor einem Machtverlust angesichts einer schleichenden Lateinamerikanisierung der Kirche. Mit Spannung wird erwartet, wen Franziskus als Nachfolger für den einflussreichen Posten des ungeliebten Kardinalstaatsekretärs Tarcisio Bertone präsentieren wird. Dessen Ablösung erwarten Experten für den Herbst. Spätestens dann weiß der Rest der Kirchenwelt, wohin die Reise des Vatikans während des Pontifikats von Franziskus gehen wird.

Quelle: RP
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