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Homoseualität ist kein Skandal mehr: Wolwereit: "Bin schwul, und das ist gut so"

zuletzt aktualisiert: 11.06.2001 - 14:38

Berlin (rpo). Was früher noch nach einem Skandal geklungen hätte, geht heute wesentlich ruhiger über die Bühne: Mit Klaus Wowereit bekommt Deutschland in diesen Tagen erstmals einen offen homosexuellen Ministerpräsidenten - und kaum einer findet es schlimm. Vor allem Wolwereit nicht.

"Ich bin schwul, und das ist auch gut so", erklärte der Berliner SPD-Fraktionschef Klaus Wowereit (47) am Sonntag unter tosendem Beifall seiner Genossen. Einstimmig wählten sie ihn danach zum Spitzenkandidaten. Am Wochenende soll er nach dem erwarteten Sturz von Eberhard Diepgen (CDU) neuer Regierender Bürgermeister der Hauptstadt werden.

Noch Anfang der 90er Jahre hatte Homo-Aktivist Rosa von Praunheim einen Skandal ausgelöst hatte, weil er im Fernsehen Prominente wie Alfred Biolek "outete". Doch inzwischen hat sich Hetero- Deutschland verändert: Stars wie Komiker Dirk Bach, "Tatort"- Kommissarin Ulrike Folkerts, Ulknudel Hella von Sinnen oder "Lindenstraße"-Darsteller Georg Uecker leben offen homosexuell. Es gibt schwule Werbung, Homo- Hotels, schwul-lesbische Stadtführungen, Reiseveranstalter, Zeitschriften und Verbände.

In der Politik allerdings hat sich der eher verschämte Umgang mit Homosexualität noch erhalten. Zwar hat der Bundestag kürzlich die so genannte Homo-Ehe beschlossen, doch in den eigenen Reihen bleibt Schwulsein meist ein Tabu. Grünen-Parlamentarier Volker Beck ist einer der wenigen, der offen in einer "schwulen Lebensgemeinschaft" lebt, wie es sogar im Bundestagshandbuch heißt.

"Schwulsein keine große Sache mehr"

Er lobt Wowereit für dessen mutigen Schritt: "Das macht ihn freier und sicherer. Man macht sich unangreifbarer, wenn man kein Geheimnis daraus macht." Durch den Kampf der Schwulenbewegung für Gleichberechtigung sei erreicht worden, dass Schwulsein keine große Sache mehr sei, meint Beck. "Wir sind froh, dass das Outing so problemlos über die Bühne gegangen ist", sagt auch der Sprecher des Lesben- und Schwulenverbandes, Klaus Jetz. Der Sprecher des Berliner Christopher Street Day, Jürgen Bieniek, fordert auch andere Politiker auf, sich zu bekennen: "Es ist an der Zeit."

Das gilt für die politische Landschaft noch nicht lange. Ein "kalter Krieger" sei ihm lieber als ein "warmer Bruder" konnte Franz- Josef Strauß seinerzeit noch unter dem Lachen seiner politischen Freunde sagen. In den 80ern brachte die Affäre um die angebliche Homosexualität des Bundeswehrgenerals Günter Kießling beinahe den damaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner zu Fall. Anfang der 90er Jahre schlugen die Wogen in Sachsen hoch, als der CDU- Innenminister Heinz Eggert der sexuellen Nötigung mehrerer Mitarbeiter beschuldigt wurde. Eggert, der dies bestritt, trat zurück.

Doch heute zuckt in der Hauptstadt kaum einer zusammen - schon gar nicht der politische Gegner, der das Ganze schlicht zur "Privatsache" erklärt. Wowereit hat aus seiner Orientierung nie ein Geheimnis gemacht. Mit seinem Freund tritt er öffentlich auf. Er habe aber immer gedacht, das sei Privatsache, erklärte er. Dass er sich dennoch zu dem Bekenntnis entschloss, war auch ein Befreiungsschlag, um in einem Schmuddelwahlkampf nicht verwundet zu werden. Angst vor Stimmenverlusten oder heftigen Reaktionen hat er nicht. Berlin sei weltoffen, sagt er. Und Homosexualität sei für viele Berliner eine Normalität.

Quelle: RPO Archiv

 
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