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Aiken
Zirkus Trump

Aiken. Es beginnt mit einer Panne. Das kleine Mikrofon, das die Regie ans Revers des Kandidaten geklemmt hat, funktioniert nicht. In den vorderen Reihen ist zwar noch zu hören, wie der Bewerber verspricht, etwas "Fantastisches für dieses Land" zu tun. Doch die meisten in der Basketballhalle der Aiken Pacers, einem Stadion mit 4000 Plätzen, bekommen nichts mit. Donald Trump, 69, der Profi der Medienbühne, merkt es an der aufkommenden Unruhe. Er reißt das Mikrofon vom Revers, schleudert es mit verächtlicher Geste zu Boden und lässt sich ein neues geben, eines, das er in der Hand halten muss. Von Frank Herrmann

"Mal ehrlich, dem Tontechniker, der hier den Auftrag bekam, würde ich keinen Cent zahlen. Du machst einen lausigen Job, dafür zahle ich nicht", poltert er. Bei Politikern, spinnt er den Faden fort, wäre das sicher anders, die nähmen ja auch nicht ihre eigenen Dollarscheine in die Hand, sondern immer nur das Geld anderer Leute. Von den Rängen prasselt Applaus. So mögen sie ihn, den Boss. Trump, schwärmt David Tolias, stehe für klare Kante.

Tolias, 38, Arbeiter in einer Reifenfabrik, wird den Mann wählen, keinen anderen, so viel ist sicher. Auch für den Fall, dass der Baulöwe die republikanische Kandidatenriege verlässt, um als Unabhängiger anzutreten, womit er die "Grand Old Party" faktisch aller Wahlchancen im Duell gegen Hillary Clinton beraubte. Davids Frau Cecelia, 28, beschäftigt bei einem Paketdienst, sieht einen Mister Tacheles, der "ausspricht, was viele Leute denken, sich aber öffentlich nicht zu sagen trauen".

Dass Trump vorerst keine Muslime mehr einreisen lassen will, nachdem ein radikalislamisches Ehepaar in San Bernardino einen Terroranschlag verübte, finden beide nicht schön, aber richtig. Schwere Zeiten, klare Kante. Sie haben Angst, nicht nur vor Attentaten, auch vor düsteren Szenarien, wie sie in den Debatten des stockkonservativen Fernsehsenders Fox News immer mal durchgespielt werden. David vor allem plagt die Vorstellung, "dass wir eines Tages so viele Muslime im Land haben, dass sie uns ihren Willen aufzwingen können und ich meine Kultur ändern muss".

Kitty Chavis, drei Plätze neben ihm, ein Berufsleben lang bei einer Bank beschäftigt, sieht es deutlich gelassener. Von Sehnsucht spricht sie, von ihrer Sehnsucht nach einem neuen Ronald Reagan. Vielleicht könne Trump "irgendwie, ein bisschen zumindest" ein zweiter Reagan sein. Ronnie, so nennt sie ihren Helden, sei ja anfangs auch gegen den Strom seiner Partei geschwommen, als er die Platzhirsche herausforderte, genau wie es der Bauunternehmer aus New York heute tue.

Kitty Chavis hat in letzter Zeit immer nur Republikaner erlebt, die sie enttäuschten, erst George W. Bush im Oval Office, dann John McCain und Mitt Romney, die nacheinander gegen Barack Obama verloren. "Wenn Herr Trump nur nicht so arrogant wäre", fügt sie zweifelnd hinzu, während ihr Gatte Lonnie allein schon den Geschäftserfolg des Tycoons für ein Qualitätssiegel hält. Der Mittsechziger Lonnie Chavis pflanzt, beschneidet und fällt Bäume, er tut das seit seinem 18. Lebensjahr, seine Unterarme sind übersät von Narben. "Donald weiß, wie es geht, der macht den Politikern allemal etwas vor", sagt er.

Trump hat Senator John McCain, den viele als Kriegshelden verehren, seit er in vietnamesischer Gefangenschaft gefoltert wurde, wegen seiner Gefangennahme verhöhnt. Er hat eine TV-Moderatorin sexistisch beleidigt und einen körperbehinderten Reporter der "New York Times" nachgeäfft. Seine Rivalen greift er grundsätzlich persönlich an, sobald sie ihm in die Quere kommen, er charakterisiert sie als "energiearm" (Jeb Bush), "pathologisch" (Ben Carson) oder "leichtgewichtig" (Marco Rubio). Bei anderen hätte wohl ein Bruchteil solcher Ausfälle gereicht, um sie abstürzen zu lassen. An Trump perlt alles ab. Bislang hat ihn noch jede Kontroverse gestärkt. In den Augen seiner Anhänger darf er sich alles erlauben, weil er ein politisches Establishment herausfordert, von dem sie sich im Stich gelassen fühlen.

"Er ist einer von uns", sagt David Tolias. Ob ein Milliardär für einen Malocher sprechen könne? "Klar, du kannst steinreich sein und dennoch mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen." Außerdem hatte er sich das anders vorgestellt, als die Konservativen bei der Wahl 2010 die Mehrheit im Kongress übernahmen und sie 2014 auf rekordverdächtige Werte ausbauten. "Wir haben die Demokraten richtig vermöbelt. Und was haben unsere Leute für uns getan? Nichts, einfach nichts." Barack Obamas Gesundheitsreform nicht rückgängig gemacht, den Atomdeal mit dem Iran nicht gestoppt, die Legalisierung der Homo-Ehe nicht aufgehalten. Zieht Tolias Bilanz, klingt es verzweifelt. Also Vorhang auf für einen robusten Typen.

Trump, der Populist, der von der Angst lebt. Und vom Frust. Michael Kazin, Historiker an der Georgetown University, erkennt ein Phänomen, wie es tiefe Wurzeln habe in der politischen Kultur der Vereinigten Staaten: Ein reicher Mann, den jeder kenne, verspreche vage, alles zu heilen, woran die Nation kranke. "Und das zu einer Zeit, da nahezu alle Republikaner, aber auch etliche Demokraten glauben, dass Politiker den Niedergang Amerikas entweder nicht aufhalten können oder nicht aufhalten wollen." Im Übrigen, doziert Kazin, sei die Feindseligkeit gegenüber Einwanderern, gegenüber dem Unbekannten, wie Trump sie propagiere, auch einem klassischen Einwanderungsland wie den USA keineswegs fremd. Schon in den 1850er Jahren warf die "American Party", eine Partei alteingesessener Protestanten, irisch- und deutschstämmigen Katholiken vor, sie seien Handlanger des Papstes und daher eine Gefahr für die junge Republik.

"Politisch korrekt zu sein, können wir uns nicht länger leisten. Wir müssen hart sein, Leute, man lässt uns keine Wahl", ruft Trump, worauf seine Fans in Sprechchören jubeln - "America! America! America!" Aber es ist nicht so, dass er immer nur poltert. Trump variiert, mal heizt er die Stimmung an, mal reißt er Witze. "Sagt mal, wer hat das bessere Haar, Alan oder Donald?" Alan Wilson, der Justizminister South Carolinas, der neben ihm in einem grauen Sessel auf der Bühne sitzt, um Fragen zu stellen, tendiert früh zur Glatze. In Sarasota in Florida lieh er einen Elefanten aus, auf dessen Haut er in Kreidebuchstaben seine Erkennungszeile schreiben ließ: "Make America Great Again", Amerika wieder groß machen. Zirkus Trump.

Dann wieder redet Donald Trump von sich selbst. "Ich habe eine wirklich großartige Firma aufgebaut, extrem niedrige Schulden, einige der wunderbarsten Immobilien der Welt." Oder die Mauer, mit der er die Grenze zu Mexiko abzuschotten gedenkt, um zu verhindern, dass Migranten ohne gültige Papiere ins Land kommen. "Hoch wird sie sein, mit einer wunderschönen Tür, durch die man eintreten kann, sofern man ein Visum hat." - "Baut die Mauer! Baut die Mauer!", dröhnt das Echo durch die Halle.

Es ist auch nicht so, dass es keinen Widerspruch gäbe. Kaum hat Trump gegen die Political Correctness gewettert, fährt ihm eine Gruppe von Studenten lautstark in die Parade. Der Ku-Klux-Klan, skandieren sie, habe in den USA nichts zu suchen. Ordner schieben die Störenfriede hinaus, während das Publikum sie niederschreit: "Trump! Trump! Trump!" Bei Jibril Hough geht es weniger glimpflich ab. Hough, ein weißer Südstaatler aus North Carolina, der zum Islam konvertierte, war aufgestanden, um mit den Worten "Schließt Gitmo!" die Auflösung des Gefangenenlagers Guantánamo zu verlangen. Vielleicht liegt es daran, dass er eine Gebetskappe trägt, jedenfalls wird er von zwei kräftig gebauten Sitznachbarn regelrecht aus seiner Stuhlreihe geprügelt, bevor Polizisten einschreiten können. In Trump, sagt Hough hinterher, sehe er einen Clown: "Nur ist er ein Clown, den man langsam ernst nehmen sollte."

Quelle: RP
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