| 08.04 Uhr

London/Düsseldorf/Berlin
Zwischen Jubel und Entsetzen

London/Düsseldorf/Berlin. Angel Merkel ruft die EU nach dem Brexit zur Besonnenheit auf. In England kochen die Emotionen hoch. Der Tag im Minutenprotokoll. Von Christian Schwerdtfeger

Es ist kurz vor fünf Uhr englischer Zeit gestern Morgen, als die drei großen Fernsehsender Großbritanniens das Rennen für entschieden erklären: ITV, BBC und Sky News berichten übereinstimmend, dass beim Referendum eine Mehrheit der Briten für den Austritt aus der EU, den sogenannten Brexit, gestimmt hat. Wenig später tritt auch schon der Wahlgewinner, Ukip-Chef und Brexit-Befürworter Nigel Farage, mit einem breiten Grinsen vor die Kameras. "Ich glaube, wir haben es geschafft", sagt er. "Möge der 23. Juni als unser Unabhängigkeitstag in die Geschichte eingehen." Seine Anhänger jubeln. Und Farage legt noch einen drauf: "Wir haben gewonnen, ohne eine einzige Kugel abgefeuert zu haben." Als er das sagt, fliegt im Londoner Pub "The Lexington" ein Bierglas gegen die Leinwand. Eine Frau brüllt: "Shut up, you dickhead!" "Halt die Klappe, du Blödmann!" 6.19 Uhr Die Nachricht vom Sieg der Brexit-Befürworter verbreitet sich in ganz Europa wie ein Lauffeuer. Der deutsche Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) twittert bereits um 6.19 Uhr: "Damn! Ein schlechter Tag für Europa." Eine halbe Stunde später meldet sich der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders zu Wort. Ebenfalls über den Kurznachrichtendienst Twitter fordert er ein EU-Referendum auch für sein Land. 7.03 Uhr Das vorläufige amtliche Endergebnis ist da: 51,9 Prozent der Wähler (17,1 Millionen) haben für den Brexit gestimmt, 48,1 Prozent (16,1 Millionen) dagegen. Die Wahlbeteiligung hat bei rund 72 Prozent gelegen. Großbritannien ist zerrissen.

8.09 Uhr In Brüssel herrscht Katerstimmung. Versteinerte Mienen auf den Fluren der Volksvertretung in der belgischen Hauptstadt. Viele Abgeordnete sind nach dem Votum traurig und bestürzt. Es herrscht Hektik im Europaviertel. Zahlreiche Reporter berichten live und interviewen Parlamentarier. Deren Reaktionen sind unterschiedlich: Während es der Grünen-Fraktionschefin Rebecca Harms "zum Heulen zumute" ist, will die stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende Beatrix von Storch feiern. 8.32 Uhr Der Brexit erschüttert die Finanzmärkte. Aktienkurse brechen rasant ein. Der Dax startet mit einem Minus von zehn Prozent. Das britische Pfund und der Euro verlieren an Wert. Die Deutsche Börse ruft den Ausnahmezustand aus. 8.34 Uhr Die berühmte schwarze Tür mit der Nummer 10 in Londons Downing Street bleibt noch verschlossen. Premierminister David Cameron will noch nicht an die Öffentlichkeit treten. Mehr Mut als er beweist sein Kater "Larry the Cat". Larry ist das einzige Lebewesen, das die Reporter dort zunächst zu sehen bekommen. 9.03 Uhr Endlich öffnet sich die schwarze Tür an der Downing Street. Premierminister David Cameron tritt vor die TV-Kameras und gesteht seine Niederlage ein. An seiner Seite steht seine Ehefrau Samantha, als er in einer emotionalen Rede an das britische Volk seinen Rücktritt bis spätestens Oktober ankündigt. Er liebe sein Land und werde seinen Beitrag dazu leisten, dass die Folgen des EU-Austritts so gut wie möglich bewältigt werden können, sagt er. "Nun ist die Entscheidung zum Verlassen der EU gefallen - und wir müssen den besten Weg finden", erklärt er und fügt hinzu: "Ich glaube aber nicht, dass ich der richtige Kapitän bin, der unser Land an einen neuen Bestimmungsort steuert." 9.05 Uhr Im Berlin wird eine Krisenrunde von Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Bundestagsparteien und mehreren Ministern im Kanzleramt einberufen. 9.58 Uhr Viele Briten haben sich erst nach Schließung der Wahllokale über mögliche Folgen ihrer Entscheidung informiert, schreibt das Digital-Magazin T3n. "In Anbetracht dieser durchaus vorhersehbaren Entwicklungen verwundert es ein wenig, dass Google-Trends im Vereinigten Königreich erst zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale einen massiven Anstieg bei der Suchanfrage ,Was passiert, wenn wir die EU verlassen' verzeichnen konnte." 10.01 Uhr Die Abstimmung ist gerade erst gewonnen, da bricht Nigel Farage bereits ein zentrales Wahlversprechen. Er könne - anders als versprochen - nicht garantieren, dass die 350 Millionen Pfund, die Großbritannien pro Woche nach Brüssel schicke, jetzt an das staatliche Gesundheitssystem NHS gehen. Dieses Versprechen sei ein Fehler gewesen, räumt er ein. 10.17 Uhr In London kochen die Emotionen hoch. Boris Johnson, ehemaliger Bürgermeister der Stadt und einer der populärsten Brexit-Befürworter, wird ausgebuht, als er sein Haus verlässt. Er wird als "Drecksack" und "Mistkerl" beschimpft. Polizisten beschützen ihn. Trotz des Protestes wird er bereits als Nachfolger von Cameron als Premierminister gehandelt. 11.19 Uhr Die schottische Regierungspartei SNP strebt nun einen neuen Volksentscheid zur Loslösung von London an, um in der EU bleiben zu können. Ein zweites Unabhängigkeitsreferendum sei nun höchstwahrscheinlich, sagt Ministerpräsidentin Nicola Sturgeon. 12 Uhr David Cameron ist in den Buckingham-Palast geeilt. Er informiert Queen Elizabeth II. über seinen bevorstehenden Rücktritt. Was die Queen über den Brexit denkt, ist nicht bekannt. Sie schweigt zu dem Thema, sie ist politisch neutral. 12.09 Uhr In Brüssel fordert die Europäische Union Großbritannien auf, "so schnell wie möglich" Konsequenzen aus dem Referendum zu ziehen. "Jede Verzögerung würde die Unsicherheit unnötig verlängern", sagt EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker.

12.31 Uhr In Berlin gibt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Erklärung ab. Darin ruft sie zu Ruhe und Besonnenheit auf. "Die Europäische Union ist stark genug, um die richtigen Antworten auf den heutigen Tag zu geben", sagt sie. Es dürfe jetzt keine schnellen und einfachen Schlüsse geben, die Europa nur weiter spalten würden, warnt Merkel. "Der heutige Tag ist ein Einschnitt für Europa, er ist ein Einschnitt für den europäischen Einigungsprozess." 14.02 Uhr Englands Fußballnationalspieler geben sich wortkarg. Sturmstar Harry Kane: "Niemand weiß, was wirklich passieren wird. Ich warte ab, was passiert." Dagegen hat Englands ehemaliger Weltklassespieler Gary Lineker eine deutliche Meinung zum Austritt. "Verdammter Mist! Was haben wir getan", twittert Lineker. "Ich gestehe ein, dass ich mich für meine Generation schäme." 14.39 Uhr US-Präsidentschaftsbewerber Donald Trump meldet sich auf seiner Facebookseite zu Wort "Das britische Volk hat sein heiliges Recht ausgeübt, das allen freien Völkern zusteht", schreibt er. Er sichert den Briten im Falle seines Wahlsieges zu, die Beziehungen zu einem "freien und unabhängigen Großbritannien" zu stärken. 15.29 Uhr Nach dem Brexit will Malta im kommenden Jahr nicht den EU-Vorsitz Großbritanniens übernehmen. "Wir sind nicht offiziell angesprochen worden", sagt der maltesische Premier Joseph Muscat auf die Frage, ob sein Land zu einer Verlängerung der EU-Präsidentschaft bereit wäre. 16.12 Uhr Endlich gibt es auch eine Reaktion aus dem Weißen Haus in Washington. US-Präsident Barack Obama, der sich zuvor für den Verbleib der Briten in der EU ausgesprochen hatte, erklärt, dass er die Entscheidung des britischen Volkes respektiere und die besondere Beziehung zwischen Washington und London fortbestehen werde. Sowohl Großbritannien als auch die EU blieben "unersetzbare Partner". 17.11 Uhr Die Pubs in London füllen sich. Bier fließt in Strömen - oft wird irisches Guinness ausgeschenkt. Es wird diskutiert und gestritten. Einige fragen sich, wie das mit dem Austritt nur passieren konnte und ob man jetzt einen irischen Pass beantragen könne. Denn die Iren stehen nicht nur treu zur EU, sondern können auch richtiges Bier brauen.

Quelle: RP
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