Serie - Geschichte im Rheinland (1): Die Lehre der Nibelungen
VON LOTHAR SCHRÖDER - zuletzt aktualisiert: 30.06.2008Der Ursprung und auch das Wesen des Rheinischen sind unergründlich. Aber es gibt im mittelalterlichen Nibelungen-Epos ein frühes Zeugnis für einen rheinischen Kultur- und Bewusstseinsraum. Der wird auch geschaffen durch Geschichten und Überlieferungen. Im Sinne des Dichters Heinrich Heine – Rheinland, das sind wir selber.
Düsseldorf Am Anfang des sagenhaften Rheinlands steht die Arbeit. Genauer gesagt: die „arebeit“. So jedenfalls ist es im Original gleich in der ersten Strophe des Nibelungenlieds zu lesen, und dort meint arebeit Mühsal, Not, aber auch Kühnheit. Diese Bedeutungvielfalt des Mittelhochdeutschen ist vielleicht eine erste rheinische Lösung, die manchmal das Mögliche dem Nötigen vorzieht.
Sicherlich ist das um 1200 n. Chr. verfasste Nibelungenlied mehr als nur ein rheinisches Epos. Gern werden die Abenteuer der Burgunder als deutsche „Ilias“ bezeichnet, eine Geschichte über die Menschen, eine pathosfreudige Sinnsuche, bei der Liebe und Treue, Niedertracht und Verrat, Triumph und blutiger Untergang nah beieinander liegen.
Markierungspunkt ist der Fluss
Und dennoch, der Rhein und das Rheinische sind wesentlich fürs Epos: Siegfried, der Drachentöter, kommt aus dem niederrheinischen Xanten; der Burgunderhof von Gunther, Hagen und Kriemhild steht in Worms am Rhein; und der sagenhafte Nibelungenschatz wird auf ewig im Rhein versenkt. Der Fluss begleitet das Epos, treibt es voran.
Und der Fluss bleibt letztlich – so banal es auch klingen mag – der einzige Prüfstein, an dem sich das Rheinische bewährt und beweist. Zwar führen wir gern und mitunter stolz das Rheinische im Munde, nennen uns Rheinländer und halten einiges auf Toleranz und Frohsinn und Gelassenheit. Doch fernab dieser gepflegten Klischees ist der einzige Markierungspunkt der Fluss selbst.
Denn das Rheinische ist weder eine ethnische noch eine staatsrechtliche Kategorie. Auch wenn unter Rheinland häufig noch jene preußische Rheinprovinz verstanden wird, die nach dem Ende von Napoleons Herrschaft 1815 auf dem Wiener Kongress entstand. Ein Gebiet zwischen Kleve und Saarbrücken – so heterogen, dass es einer gemeinsamen Identität und Mentalität kaum Unterschlupf gewährt.
Rheinisches Selbstbewusstsein
Allerdings ist erst mit der neuen preußischen Provinz – die bis heute im Gebiet der Evangelischen Kirche im Rheinland sichtbar geblieben ist – eine Art rheinisches Selbstbewusstsein gewachsen.
Im 19. Jahrhundert wird der Rhein zum nationalen Erinnerungsort. Und es mangelt nicht an entsprechenden Emblemen: Der vielfach besungene Loreley-Felsen bei St. Goarshausen gehört dazu, der 1888 fertiggestellte Dom zu Köln, das Niederwalddenkmal der „Germania“ bei Rüdesheim von 1883 und das Deutsche Eck 1897 bei Koblenz. Das nationale Herz ist übervoll und findet jetzt manchmal recht wehrhafte Worte. Auf den Geilenkirchener Gerichtsschreiber Nicolaus Becker gehen diese, gegen den „Erbfeind Frankreich“ gerichteten Verse von 1841 zurück: „Sie sollen ihn nicht haben / Den freien deutschen Rhein / Ob sie wie gier’ge Raben / Sich heiser danach schrein“.
Auch das Nibelungenlied wird im 19. Jahrhundert wieder entdeckt, als episches Rüstzeug gegen Napoleon. Das Werk wird Nationalepos und bleibt es lange Zeit. Die Nationalsozialisten berufen sich auf die so genannte Nibelungentreue, was in seiner Prophetie höchst merkwürdig ist. Schließlich schildert das Epos eine Gewalt-Eskalation, bei der die Nibelungen starrsinnig in ihren vollständigen Untergang stürzen. Dass ausgerechnet dieses Epos nicht als Lehre, sondern als Vorbild begriffen wurde, mag daran liegen, dass der mittelalterliche Text weit häufiger zitiert als wirklich gelesen wurde.
Erst in den deutschen Weltkriegstrümmern entsteht wieder ein Text, der mit diesem Missverständnis aufräumt. Als 1949 in Westdeutschland Bonn die Hauptstadt einer neuen Republik wird – die sich die Rheinische nennt –, schreibt Wolfgang Koeppen den bedeutendsten Roman über diese Zeit. In „Das Treibhaus“ geht es um die deutsche Wiederbewaffnung. Und der Bundestags-Abgeordnete Keetenheuve sitzt zu Beginn im „Nibelungenexpress“ auf seiner Strecke entlang dem Rhein und hängt seinen Gedanken nach, während die Räder rollen und die Rheintöchter ihr „Wagalaweia“ anstimmen.
Immer ist es der Fluss, der die Gedanken lenkt, uns handeln oder verzagen lässt. Das Rheinische aber als eine Haltung zu begreifen, bei der man auch den Unbilden des Lebens mit einer durch Erfahrung getränkten Lässigkeit begegnet, ist ein Klischee. Das Rheinische ist weit eher eine Grenzerfahrung und sein Schlagbaum der Fluss. Dieser ist immer schon ein segensreicher Transportweg gewesen, der Wohlstand verspricht, aber auch ein Hindernis sein kann, das Gefahren birgt. Der Fluss trennt die Menschen, scheidet Kulturen, steckt politisches Terrain ab.
Grenzen können eigensinnig und starrköpfig machen, sie können aber auch zum Brückenbau animieren. Diese Begegnung erfordert viel Anstrengung, viel „arebeit“; oft wird die Rheinquerung zum kühnen Unterfangen. Aber sie gewinnt dadurch noch an Wert. Ihre Pfeiler bestehen aus Einverständnis und Versöhnung, weil zum Brückenbau stets zwei Seiten nötig sind. Das Rheinland sind darum auch seine Menschen, oder – wie es der Dichter Heinrich Heine (1797–1856) im Blick auf Deutschland kompromisslos sagt: Rheinland, das sind wir selber.
Wobei schon die Frage nach dem vermeintlichen „Rheinländer an sich“ jedes übertriebene Nationalgeschrei verstummen lassen müsste. Der Schriftsteller Carl Zuckmayer (1896–1977) nannte das Rheinland völlig zu Recht eine „große Völkermühle“. In seinem Drama „Des Teufels General“ ergründet der Flieger Harras das Rheinische auf diese Weise: „Was kann da nicht alles vorgekommen sein in einer alten Familie. Vom Rhein – noch dazu . . . da war ein römischer Feldmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, der war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubünder Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein schwarzwälder Flößer . . . – das hat alles am Rhein gelebt, geraubt, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt.“
Übergang zur Zivilisation
Fast glaubt man wieder beim Nibelungenlied zu sein, das im Grunde – trotz seines grausigen, monströsen Endes – eine Entwicklungsgeschichte erzählt: Von der archaischen Drachentötung bis zum höfischen Leben markiert sie den Übergang in die Zivilisation.
Auch so wird das Rheinland zu einem Bewusstseinsraum, der auf eins nicht verzichten kann – die Überlieferung. Erstaunlicherweise war dies auch dem Verfasser des Nibelungenliedes schon bewusst. Indem er schon in Strophe eins ankündigt, was seine Leser – vornehmlich werden es Zuhörer gewesen sein – zu erwarten haben: Geschichten und Wunder, Leid und Elend.
Das ist mehr als nur ein mittelalterlicher Marketing-Trick, mit dem die Zuhörerschaft bei Laune gehalten werden soll, es ist auch viel feinsinniger als nur eine Erzählstrategie. In der ersten Strophe kommt ein historisches Bewusstsein zum Ausdruck. Die Menschen sind immer Geschichten erzählende Wesen, die mit dem, was sie weitertragen, eine Orientierung in der Welt geben wollen. Heldengeschichten, die als Vorbild dienen, und Opfergeschichten zur Mahnung.
Das Gedächtnis des Rheinlands
Der Ursprung eines rheinischen Empfindens oder Denkens ist unergründlich. Wie auch das Rheinland selbst bis heute vielgestaltig geblieben ist – reich an Mentalitäten und Kulturen. Getragen aber wird dieser Bewusstseinsraum von der Überlieferung, die uns zeigt, was vor uns geschah, und uns damit auch eine Verantwortung dafür gibt, was uns folgen soll. Wir sind das Rheinland, wie wahr. Wir sind darum auch das Gedächtnis des Rheinlands, das zu Beginn im Nibelungenlied ein frühes Zeugnis fand. Wer es liest, sucht das Alte, und wird das Eigene entdecken.
Die Geschichte des Rheinlandes zu erzählen und so zu bewahren, ist ein Anspruch unserer neuen Serie. Teil zwei lesen Sie morgen in den Rheinischen Post.
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