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Wotan Wilke Möhring im Interview: "Der Einsamste von allen"

VON JUTTA LAEGE FÜHRTE DAS GESPRÄCH - zuletzt aktualisiert: 18.08.2010 - 07:33

Wotan Wilke Möhring spielt in „Das letzte Schweigen“ einen zerbrochenen Mann, der vor 23 Jahren Schuld auf sich geladen hat und nicht darüber sprechen kann. Heute Abend läuft der aufwühlende Film im Frankenheim-Kino am Rhein als NRW-Premiere.

Wotan Wilke Möhring spielt in "Das letzte Schweigen" den Architekten Timo Friedrich, den die Vergangenheit einholt.  Foto: ddp
Wotan Wilke Möhring spielt in "Das letzte Schweigen" den Architekten Timo Friedrich, den die Vergangenheit einholt. Foto: ddp

"Das letzte Schweigen" ist, wie der Titel schon sagt, ein Film, in dem viel geschwiegen wird. Sie spielen einen Mann, der Zeuge und Mitwisser einer Vergewaltigung und eines Mordes an einem elfjährigen Mädchen wurde und das 23 Jahre für sich behält. Was hat Sie an der Rolle interessiert?

Möhring Die Herausforderung lag darin, mit wenigen Mitteln viel zu sagen. Timo Friedrich, den ich spiele, ist ein Mann, der sich schämt für seine pädophile Neigung, der davor wegrennt. Aber weil die Neigung stärker ist als er, zerbricht er daran. Er ist der Einsamste von allen im Ensemble, ohne Freunde, ohne Dialog. Um ihn und dieses innerliche Aufreiben zu spielen, das Zermürbende darzustellen, bleiben nur drei bis fünf Millimeter im Gesicht. Das hat mich gereizt.

Wie kann man sich denn einer solchen Figur nähern – gerade als Vater einer anderthalbjährigen Tochter?

Möhring Es war natürlich schwierig, weil ich in der Regel die Figuren mag, die ich spiele. In diesem Fall ist es die mir moralisch entfernteste Figur überhaupt. Und das Letzte, was ich wollte, war, eine Lobby für diese Menschen zu schaffen. Aber, so paradox es klingt: Ich bin diesem Timo Friedrich näher gekommen, weil ich mich, genau wie er im Film ja auch, in keiner Weise mit dieser Neigung identifiziert habe. Die Vorstellung ist absolut unvorstellbar und unaussprechlich.

Also wird geschwiegen bis zum Schluss...

Möhring Der Film liefert eine Sichtweise auf Opfer und Täter, wie wir sie bisher nicht kannten. Dennoch müssen wir uns schon fragen: Wann immer wir schweigen, warum schweigen wir? Und wann muss dieses Schweigen gebrochen werden? Die Figur Timo Friedrich hat das verpasst.

Der Film wartet auf mit hochkarätigen deutschen Schauspielern: Burghart Klaußner, Katrin Sass, Sebastian Blomberg, Karoline Eichhorn. Wie bewerten Sie den deutschen Film im Allgemeinen?

Möhring Dieser Film ist ja eine mutige Genre-Produktion, wie schon "Das Experiment" oder auch "Das Leben der Anderen". Aber er ist nicht so typisch deutsch. Er ist universell, könnte überall auf der Welt spielen. Und er traut sich was. Das ist, glaube ich, das Entscheidende: Der deutsche Film hat eine tolle Entwicklung genommen, die man sich lange erarbeitet hat. Heute heißt deutsches Kino eben nicht mehr zwingend Komödie.

Sie haben sich von jeher schwer auf eine Rolle festlegen lassen. Sie haben Komödien, Krimis, Thriller, Historienfilme und Hollywood-Streifen gedreht, spielten Durchgedrehte, Prolls und eben jetzt einen Pädophilen. Gibt es denn etwas, was Sie ablehnen würden?

Möhring Das könnte ich so nicht sagen. Ich entscheide immer aus dem Bauch heraus, nach einer inneren Stimme und bin immer für Neues und Herausforderungen zu haben. Als Privatmann habe ich natürlich moralische Grenzen, in einer Rolle habe ich die nicht.

Heute läuft "Das letzte Schweigen" in einer NRW-Premiere im Open-Air-Kino. Ist solch ein Stoff das Richtige für die lockere, romantische Atmosphäre?

Möhring Die Frage geht an die Kinobetreiber und letztlich ans Publikum. Ich komme gerade aus Locarno, da wurde der Film auf Riesenleinwand open Air vor 8000 Leuten gespielt. Es ist natürlich kein Film, den man euphorisiert verlässt. Aber wenn er zu Diskussionen auf dem Nachhauseweg führt, kann er auch dort nur richtig sein.

Sie sind nicht nur Schauspieler, sondern waren auch lange Zeit Musiker, Punkrocker. Da müssten Sie sich ja mit Düsseldorf verbunden fühlen, der Heimat der Toten Hosen?

Möhring Ich kenne natürlich den Ratinger Hof, kenne Campino und war auf Partys in der Kiefernstraße dabei, klar. Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen, da war Düsseldorf nicht weit. Mein Vater hatte zudem seine Firma an der Cecilienallee. Insofern ist mir auch der Blick auf den Rhein, wie man ihn ja ebenfalls im Open-Air-Kino hat, vertraut.

Inzwischen konzentrieren Sie sich aufs Schauspiel, drehen mindestens fünf Filme pro Jahr. Kommt da die Familie nicht zu kurz?

Möhring Ich habe viel Energie und nehme gerne viel vom Leben mit. Aber bei den Projekten bin ich wählerischer geworden. Das hat mit dem täglichen Wunder zu tun, ein Kind zu haben. Ich bin ja nicht Vater. Ich werde ja Vater – mit jedem Tag ein bisschen mehr. Das ist die spannendste Aufgabe meines Lebens.

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Quelle: RP

 
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