Vor den Augen des kleinen Bruders: 14-Jähriger stirbt unter Rheinbahn
VON JULIA BRABECK UND STEFANI GEILHAUSEN - zuletzt aktualisiert: 29.10.2008 - 07:44Düsseldorf (RPO). Gymnasiast Youssef R. rannte am Rather Broich über die Schienen, um einen gegenüber wartenden Zug zu erreichen. Dabei wurde er von einer gerade einfahrenden Straßenbahn erfasst und mitgeschleift. Sein Bruder und mehrere Schulkameraden mussten hilflos zusehen.
Wenige Meter von seiner elterlichen Wohnung, vor den Augen seines kleinen Bruders, ist gestern Morgen der 14-jährige Youssef R. auf dem Weg zur Schule von einer Straßenbahn erfasst, mitgeschleift und tödlich verletzt worden.
Um 7.30 Uhr wollte der Gymnasiast mit seinem elfjährigen Bruder die Rheinbahn 719 erreichen, die bereits an der Haltestelle Rather Broich stand. Am Anfang der Bahnsteige ist die Querung des Gleisbetts mit weißen Linien eingezeichnet, sind Warnlampen installiert. Die sollen, so berichteten Augenzeugen, geblinkt haben, als Youssef über die Schienen rannte. Der Bruder blieb stehen, musste mitansehen, wie Youssef kopfüber zwischen dem eben einfahrenden Niederflurzug der Linie 712 und dem Bahnsteig eingeklemmt wurde.
Vorausschauend setzte die alarmierte Feuerwehr sofort auch die Notfallseelsorger in Bewegung. Zwei Pfarrer kümmerten sich an der Unfallstelle um die fassungslosen Augenzeugen, viele von ihnen Freunde und Mitschüler von Youssef. Auch an dessen Schule boten die Seelsorger ihre Hilfe an. Schon vor drei Jahren hatten sie am Goethegymnasium bei der Verarbeitung eines Todesfalls geholfen: Damals war ein Elfjähriger auf dem Schulweg vor ein Auto gelaufen.
Rheinbahner mussten mit hydraulischen Kissen die Bahn anheben, um den leblosen Youssef zu befreien. Während der Notarzt vergeblich versuchte, ihn zu reanimieren, versorgten Rettungssanitäter acht Zeugen, betreuten zudem die Mutter des Verunglückten, die sofort an die Unfallstelle geeilt war.
Die Familie wollte nächste Woche vom Rather Broich ins eigene Haus ziehen. „Dann hätte Youssef nicht mehr hier entlang gemusst“, sagte eine schockierte Freundin des Schülers. Auch die Familie wird seit gestern von den überkonfessionellen Seelsorgern betreut.
Nach ersten Erkenntnissen der Polizei, so deren Sprecher André Hartwich, haben die „Lichtsignalanlagen an der Querung ordnungsgemäß funktioniert“. Auch sei die Bahn den Vorschriften entsprechend mit gedrosseltem Tempo in die Haltestelle eingefahren. Das hat offenbar auch der Fahrtenschreiber des Unglückszugs ergeben, der von der Polizei sichergestellt worden war. Hartwich sprach von „Millisekunden der Unachtsamkeit“, die den Schüler das Leben kosteten.
Anwohner hatten schon lange Angst vor Unfall
Am Rather Broich haben Anwohner schon lange einen Unfall befürchtet. „Die Kinder rennen immer achtlos über die Schienen“, sagt ein Rentner. Nachbarin Heidi Moonen klagt über Mängel bei den Warnanlagen. „Die blinken nicht immer, wenn ein Zug kommt.“
Ihre Tochter Stefanie, 16 Jahre alt, fährt jeden Morgen mit der Rheinbahn. „Die bremsen oft erst vor den Bahnsteigen, fahren viel zu schnell hier herein“, sagt sie.
Rheinbahn-Sprecher Georg Schumacher kann sich weder das eine noch das andere vorstellen. Die Einhaltung der Geschwindigkeit werde nicht nur per Fahrtenschreiber streng überwacht, die Warnanlagen regelmäßig kontrolliert. Natürlich würden nun die Sicherheitsvorkehrungen überprüft, so wie es nach dem Unfall auf der Luegallee vor drei Jahren der Fall war (siehe Artikel unten). Aber: „So ein Unfall ist für uns kein Alltagsgeschäft. Das geht uns verdammt nah“, sagte Schumacher. Die 46-Jährige Fahrerin der Unglücksbahn ist seit gestern Nachmittag im Krankenhaus. Sie hat einen schweren Schock erlitten.
Der jüngste Rheinbahn-Unfall hat eine neue Diskussion über die Sicherheit von Haltestellen in Gang gesetzt. Wir haben eine Übersicht zu Unfällen mit Straßenbahnen und Fußgängern in den vergangegen Jahren erstellt.
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