Serie: Schule im Umbruch (1): 25 Nationen in einer Schule
VON GÖKÇEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 25.09.2009 - 07:37Düsseldorf (RPO). Ramja stammt aus Ghana, Mohammed aus Marokko. Vargas Eltern sind Bulgaren, Emres Türken. Mati ist zur Hälfte Schwede, Lisa ist in Polen geboren. Sie gehören zu den Erstklässlern an der Katholischen Grundschule (KGS) Mettmanner Straße und spiegeln mit ihren Einwanderungsgeschichten die Zusammensetzung an Düsseldorfer Schulen.
Denn die landesweit meisten Menschen mit einem Migrationshintergrund leben in der Landeshauptstadt: Jeder dritte Einwohner hat eine Einwanderungsgeschichte, im Landes-Durchschnitt ist es nur jeder Vierte. Nach Zahlen des statistischen Landesamtes liegt bei Jugendlichen und Neugeborenen der Anteil im Vergleich zur deutschen Bevölkerung noch darüber. 40 Prozent der Teenager und die Hälfte aller Babys gehen auf einen ausländischen Elternteil zurück. Die meisten Eingewanderten stammen aus Polen, die zweitgrößte Gruppe kommt aus der Türkei.
Für die Grundschulen bedeutet das, dass jedes dritte Kind eine Migrationsgeschichte hat, an der KGS Mettmanner Straße – stellvertretend für etliche weitere Schulen – sind es weit mehr. 90 Prozent der 240 Schüler haben Eltern, die einst anderswo zuhause waren und nun in Flingern leben. Nur 80 von ihnen haben keinen deutschen Pass.
In Düsseldorf sind knapp 15.000 von insgesamt 87.000 Schülern Ausländer oder Aussiedler, die genauen Zahlen zum Migrationshintergrund werden erst seit neuestem erfasst und beruhen derzeit auf den Hochrechnungen der Statistiker.
Unabhängig vom Pass: An der KGS Mettmanner Straße sprechen inzwischen alle i-Dötzchen Deutsch. Sie sind der erste Jahrgang, der vor zwei Jahren in den Kitas den Deutschtest ablegen musste; jedes vierte Düsseldorfer Kind wurde und wird seitdem während seiner letzten beiden Kitajahre in der deutschen Sprache eigens gefördert. "Das merken wir deutlich", so Schulleiterin Henriette Lange. Probleme mit der Sprache hätten in diesem Schuljahr nur noch Kinder, die in keiner Kita waren.
Dass die meisten ihrer Schüler eine Einwanderungsgeschichte haben, registriert man an der KGS unaufgeregt: "25 Nationen unter einem Dach", sagt Lange. "Das ist die Normalität." Auch an weiterführenden Schulen ist die Internationalität angekommen. So ist die Mischung der Nationen an Gymnasien, Real- und Gesamtschulen ganz ähnlich. Noch vor zehn Jahren waren die einzelnen ethnischen Gruppen größer, gab es weniger Herkunftsländer.
Tatsächlich bemerkt der erste Integrationsbericht der Landesregierung, dass die eingewanderte Bevölkerung immer internationaler wird. So ist der Anteil der Migranten aus asiatischen Ländern und dem Irak in Düsseldorf gewachsen – was sich schon jetzt in der Eingangsklasse von Lehrerin Birgit Schedautzke an der Mettmanner Straße bemerkbar macht. In fünf verschiedenen Sprachen wünschen sich die Schüler einen guten Morgen, bevor der Unterricht auf Deutsch beginnt.
Dass Grundschulen mit einem hohen Migrantenanteil nicht genügend aufs Gymnasium vorbereiten, bewahrheitet sich an der Mettmanner Straße nicht. Je 30 Prozent eines Jahrgangs gehen nach der vierten Klasse zum Gymnasium und zur Realschule, ein Viertel geht zur Gesamtschule, 15 Prozent werden Hauptschüler. Das gelingt mit besonderen Gruppen, eigenen Sozialpädagogen, intensiven Programmen, Ganztag und Deutschförderung: Auf diese Weise profitiert die Schule davon, in einem "Stadtteil mit besonderem Bedarf" zu stehen und etwas mehr Personal und eine bessere Ausstattung zu haben.
Insgesamt unterstützen Stadt und Land die Schulen mit Sozialpädagogen an Grund-, Haupt-, Förder- und Realschulen. "Und Schulsozialarbeit haben wir an allen Hauptschulen, an allen Realschulen und an 15 Grundschulen inzwischen etabliert", so Schuldezernent Burkhard Hintzsche. Experten sehen hierin zwar den richtigen Weg – und Düsseldorf als Vorbild. Dennoch dauere der Prozess viel zu lange, die Stadtteile drifteten auseinander. Arme Migrantenkinder blieben zu oft unter sich.
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