Serie: Mein Düsseldorf (5): "Abenteuer-Spielplatz Altstadt"
VON CHRISTIAN HERRENDORF - zuletzt aktualisiert: 28.06.2009 - 10:27Düsseldorf (RPO). In unserer Serie besuchen prominente Düsseldorfer ihren Lieblingsort in der Landeshauptstadt. Diesmal kehrt Bestseller-Autor Jan Weiler zur Ratinger Straße zurück. Dort erzählt er, wie die Punkbewegung begann und in welchen schweren Lebenslagen er mit den Toten Hosen telefoniert.
Für Jan Weiler beginnt der Tag mit einem Schock. "Hier gibt es Kölsch? Ich bin entsetzt", sagt der Schriftsteller ("Maria, ihm schmeckt's nicht"), als er sich ins Café Einhorn setzt. Weiler ist zurück auf der Ratinger Straße, dem rauen Mittelpunkt und Wohnzimmer seiner Jugend.
Die Abende Anfang der Achtziger liefen nach festem Muster ab. Mit der K-Bahn von Meerbusch bis zum Ratinger Tor, erster Stopp am ersten Büdchen, Dosenbier kaufen, dann auf der Straße stehen, reden, trinken und irgendwann mal gucken, welche Band diesmal die Bühne im Ratinger Hof zerlegt. "Man hat da alle gesprochen und getroffen, die man kannte. Das war wie ein Abenteuerspielplatz. Es kam uns völlig frei und unkontrolliert vor."
Auf der Bühne und in der Menge sieht Weiler die Helden des Punk: Tommi Stumpf, Bodo von Rheingold, Der Plan, DAF und vielleicht auch die jungen Toten Hosen. "Ich kann mich kaum an ein Konzert von ihnen erinnern, obwohl ich sie damals öfter gesehen habe. Typisches Achtziger Jahre-Phänomen." Sehr vor Augen hat er dagegen die Auftritte von einem Mann namens King Kurt: Der Sänger wirft Mehl ins Publikum und anschließend Wasser. "Eine unfassbare Schweinerei." Irgendwann entwickeln die Fans die Gewohnheit, auch Mehl und Wasser mitzubringen. Die Karriere von King Kurt endet, weil er sich nach jedem Auftritt eine neue Ausrüstung kaufen muss.
In die restliche Altstadt setzen Weiler und seine Freunde keinen Fuß. "Schlicht und einfach, weil wir vermutlich eins aufs Maul gekriegt hätten. Aber es hatte auch keinen Reiz. Die Bolkerstraße war eine spießige Spaßmeile. Da haben sie Holländer-Käse auf die Pizza gelegt. Da wollte keiner von uns sein."
Wunsch und Wille, anders zu sein, nehmen bei Weiler noch eine seltsame Form an. Weil alle um ihn herum Gladbach- oder Schalke-Fans sind, sucht er eine Lieblings-Fußballmannschaft, die keine Anhänger hat. "Ich nahm an, dass der FC Bayern München keine Fans hat und auch nie haben würde. Und so eine Liebe vergibt man eben nur einmal im Leben."
München und die Liebe bleiben im Leben des erwachsenen Jan Weiler eng verbunden. Als er die Ratinger Straße und seine Geburtsstadt hinter sich lässt, um als Journalist in München zu arbeiten, kennt er nur einen Bewohner der bayerischen Landeshauptstadt: Maria, eine Bekannte aus der Heimat. Er fragt, ob er während der Wohnungssuche bei ihr übernachten darf, sie sagt ja, und am ersten Wochenende verlieben sich die beiden fürchterlich. "Eine neue Freundin hat natürlich vieles leichter gemacht, aber die ersten eineinhalb Jahre habe ich in München gelitten wie ein Tier. Es gab kein Altbier, sondern nur dieses bayerische Bier – und das ist Mist." Die ersten neuen Freunden sind Menschen, die nicht aus München kommen. Mittlerweile hat sich das geändert: "Ich bin ein Mensch, der sehr wurzelt. Ich will da nicht mehr weg."
Als inzwischen überzeugte Bayer leidet der Schriftsteller bis heute. Verlieren die Münchener Fußballer, klingelt eine Minute nach dem Abpfiff sein Handy. Am anderen Ende startet einer von den Toten Hosen die Schmähungen, "der Rest gackert im Hintergrund". Seit einer Reportage über die Musiker ist Weiler gut mit ihnen befreundet, die Konzerte im ISS Dome kurz vor Weihnachten sind fürs Wiedersehen schon fest verabredet.
Noch bevor Weiler die Hosen und andere Punkrocker kennen lernte, traf er in Düsseldorf einen anderen, später berühmten Musiker. Weiler sitzt noch im Kinderwagen, als eine Cousine zu Besuch kommt und ihn durch Oberkassel schiebt. Neben ihr läuft ein Junge, der gerne der Freund der Cousine werden würde. Der Junge heißt Marius Müller-Westernhagen.
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