Gedankenleser Jan Becker im Apollo Varieté: Alles nur getrickst?
VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 26.08.2005 - 16:57Düsseldorf (dto). „Zugang zu neuen Dimensionen menschlichen Daseins“ verspricht das Apollo Varieté den Besuchern von „Mental Kicks“, der Show von Gedankenleser Jan Becker, der im Juli bei stern tv für Furore gesorgt hatte. Und auch der selbst ernannte Magier sparte nicht mit vielversprechenden Ankündigungen, „subtilen Horror und eine geheimnisvolle Atmosphäre“ wollte er verbreiten. Doch magischer Zauber wollte bei der Premiere am Donnerstag nicht recht aufkommen. Auch wenn Becker Geburtsdaten, Sternzeichen oder Telefonnummern des Publikums in Serie und fast fehlerlos erriet.
Vielleicht gingen die magischen Kunststückchen des 30-jährigen Wahl-Berliners, der seine Biographie bewusst im Dunkeln lässt, einfach zu reibungslos über die Bühne. Fast im Minutentakt holte der ganz in Schwarz gekleidete Künstler Zuschauer auf die Bühne. „Konzentriere dich auf dein Geburtsdatum, Sternzeichen, Telefon-Nummer!“ lauteten die Order an die Kandidaten des selbst ernannten Gedankenlesers. Übrigens fast ausschließlich junge Frauen, die erstaunlich gelassen auf ihre Auftritte im Scheinwerferlicht reagierten und sich über das Gelingen von Beckers Experimenten nicht zu wundern schienen.
Liest Becker tatsächlich, wie er selbst behauptet, Gedanken, oder entziffert er vielmehr körperliche Reaktionen? Körperkontakt spielt jedenfalls in vielen seiner Bühnennummern eine Rolle. „Denk an den Namen deiner ersten großen Liebe!“ befahl er Jessica, fixierte dabei ihre Augen und umfasste ihr Handgelenk. „Marco“ schrieb Becker dann auf eine Tafel und lag damit richtig. Um einen Cocktail wettete Becker mit einer anderen Kandidatin aus dem Publikum. Fünf Mal in Folge wollte er erraten, in welcher Hand sie eine Münze verborgen hielt, auch dabei berührte er ihren Unterarm. „Stell dich unter einen Saalscheinwerfer deiner Wahl“, befahl er seiner letzten Testperson. Mit einem großen Luftballon wartete das Mädchen auf Becker, der sich mit zugeklebten Augen und einer Stahlmaske im Gesicht blind an sie herantastete. Inneres Auge oder einfach gutes Gehör und Gespür für die Reaktionen der Zuschauer in der Nähe der Zielperson?
Natürlich lassen sich Beckers Nummern vom Laien nicht als Tricks enttarnen. Dazu ist Becker zu gut. Und eigentlich wäre das auch unwichtig, wenn der magische Funke überspringen und sich im Publikum eine leichte Gänsehaut verbreiten würde. Doch das schien nicht immer der Fall. Auch wenn Pianistin „Ming“ in wechselnden Gewändern zwischen Beckers Bühnennummern mit dramatischem Gestus Melancholisches auf dem Klavier zum Besten gab und mysteriöse Videoprojektionen für Unterhaltung sorgen sollten. Da wurden unter Verweis auf Science-Fiction Autor Philip K. Dick zusammenbrechende Realitäten heraufbeschoren, Max Frisch zitiert („Nimmt man den Menschen die Rätsel, stirbt die Hoffnung“) oder einzelne Worte wie „Wut“, „Angst“ auf die Leinwand projiziert.
„Ich bin euer Verführer, euer Führer ins Nichts“ stilisierte sich Becker zu Beginn seiner Show als geheimnisvoll-düsterer Magier, stellte sich in die Nähe des umstrittenen Hellsehers Jan Erik Hanussen, der 1933 ermordet wurde. Nach einem Häppchen Nietzsche („Ich bin ein Übermensch“) folgte ein bisschen Fatalismus („Unser Schicksal steht fest“) und dick aufgetragener Pessimismus zum Schluss der Show: „Ich sehe Verrat, Gewalt, nur das Glück finde ich nicht“. Das könnte an diesem Abend auch auf das Publikum zugetroffen haben, das die Show mit eher mäßigem Beifall honorierte.
„Mental Kicks“, Apollo Varieté, 26.8., 27.8.2005, 20 Uhr Karten: 14,80 Euro bis 22,80, Tel. 0211-8289090
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