Düsseldorfer über 60 Jahre NRW: Als der Hafen noch öde und trist war
zuletzt aktualisiert: 29.08.2006 - 16:38Düsseldorf (RP). Zum 60-jährigen Jubiläum von Nordrhein-Westfalen hat Seniorenbeirat Horst Graß das Gespräch mit Menschen gesucht, die das Land von seiner „Geburt“ bis heute erlebt haben. Herausgekommen ist eine spannende Zeitreise durch eine Region, die jeden Befragten auf andere Art geprägt hat.
Nordrhein-Westfalen feiert einen runden Geburtstag. Am 23. August 1946 schlossen sich die Provinzen Westfalen und Rheinland unter britischer Besatzung zum heute bevölkerungsreichsten Bundesland zusammen. Neben den nackten Zahlen sind es vor allem die Erinnerungen an besondere Erlebnisse und Eindrücke, die einem solchen Jubiläum seinen Reiz verleihen. Was hat sich in all der Zeit verändert? Wie blicken die Menschen in Düsseldorf auf 60 Jahre NRW zurück? Wer könnte das anschaulicher beschreiben als Zeitzeugen, dachte sich Horst Graß, Seniorenbeauftragter der Stadt.
Immer wieder wurde er in seinem täglichen Umgang mit Senioren auf das bevorstehende Fest angesprochen. Darum beschloss er, ältere Menschen zu besuchen, damit sie ihre „ganz persönlichen Geschichten zum Thema erzählen können“, wie er sagt.
So wie Richard Isselhorst, der im April 98 Jahre alt wurde. Der gelernte Möbelschreiner lebt seit 1959 auf der Kalkumer Straße. Vieles ließe sich zu den Veränderungen sagen, die sich in all den Jahren vor seiner Haustür abgespielt haben. Ihm ist aber besonders ein Bild im Gedächtnis geblieben: „Damals standen am Thewissenweg noch Baracken, in denen früher Kriegsgefangene untergebracht waren. Einige Kinder haben mit den Knochen Fußball gespielt“, erzählt er immer noch sichtlich berührt.
Das war aber die einzige Geschichte eines Zeitzeugen, die direkt auf den Krieg Bezug nahm - zu Graß' Erleichterung. „Wir haben schon so viele schreckliche Geschichten dazu gehört. Diesmal wollte ich, dass die Menschen vor allem positive Erfahrungen schildern, die sie mit ihrem Heimatland verbinden.“ Da war er bei Jürg Baur genau richtig. Der kauzige Musikprofessor, 1918 als „echter Düsseldorfer“ geboren, fühlt sich NRW sehr verbunden. Vielleicht auch wegen der diversen Preise, die ihm Stadt und Land im Lauf seiner bewegten Karriere verliehen haben.
„1957 bekam ich den Schumann-Musik-Preis der Kulturverwaltung Düsseldorf. Davon sind meine Frau und ich prompt nach Griechenland gefahren“, erzählt er vergnügt. „1990 überreichte mir Johannes Rau das Verdienstkreuz des Landes NRW, ein besonderer Mann“, erinnert er sich. Ganz nebenbei habe er auch noch das Bundesverdienstkreuz erster Klasse bekommen, „aber das ist jetzt ja hier nicht so wichtig“, meint er.
Mit solchen Auszeichnungen kann Dieter Görtz, Vorstandsmitglied in der Stiftung für Seniorenbetreuung nicht dienen. Die braucht der 70-Jährige aber auch nicht, um sich seiner Stadt und NRW verbunden zu fühlen. „Ich bin im Theresienhospital in der Altstadt geboren. Das ist jetzt ein Altenheim, und wenn ich dort hinkomme, schließt sich der Kreis“, sagt er grinsend.
Als technischer Kaufmann haben es ihm vor allem Bau und Architektur der vergangenen 60 Jahre angetan. „Die Verschiebung der Oberkasseler Brücke vor 30 Jahren war weltweit einmalig. Aber auch, dass beim Bau der Theodor-Heuss-Brücke das Mittelstück kurz vor der Montage vom Kran ins Wasser gekracht ist, werde ich nie vergessen“, bekräftigt er mit leuchtenden Augen. Auch ein Düsseldorf ohne Promenade und schicken Medienhafen, heute kaum vorstellbar, hat er noch lebhaft vor Augen: „Der Bau des Tunnels war das Beste, was der Stadt passieren konnte“, ist er sicher. An NRW liebt Görtz die „schöne Landschaft, weil sie so abwechslungsreich ist.“
Bei einer Rallye konnte er das kürzlich bewundern, als er vom linksrheinischen Flachland hinüber ins Bergische Land knatterte. „Einfach schön“, setzt er nach. Dieses Wort hörte Horst Graß bei seinen vielen Gesprächen immer wieder. „Trotz der anstrengenden Aufbauarbeit nach dem Krieg ist der Tenor bei allen positiv. Sie haben sich aus der Not heraus einen gewissen Wohlstand erarbeitet und sind daher sehr heimatverbunden“, sagt das Seniorenbeiratsmitglied.
Ursula Müller, Jahrgang 1933, drückt es so aus: „Seit meiner Geburt lebe ich hier und bin dankbar dafür, dass ich so viele gravierende Veränderungen, Aktivitäten und Angebote, im positiven Sinne, miterleben durfte.“ „Der Tunnel war das Beste, was der Stadt passieren konnte“ Kinoprojekt zu NRW Horst Graß' gute Kontakte zu den Senioren in Düsseldorf haben das Interesse des Medienzentrums Rheinland geweckt.
Das Institut plant für Anfang September ein Projekt unter dem Titel „Im Kino NRW erleben“. Ziel ist es, Schülern in Spielfilmen und Dokumentationen die Geschichte ihres Bundeslandes näher zu bringen. Danach sollen sie mit Zeitzeugen, die Graß gerade fleißig zusammen telefoniert, über die Filme sprechen.
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