„Papa, wir vermissen dich“: Angela Erwins Rede im Wortlaut
zuletzt aktualisiert: 30.05.2008 - 08:19Düsseldorf (RPO). Als Angela Erwin gestern am Ende der Trauerfeier für Joachim Erwin über die letzten Jahre mit dem todkranken Vater sprach, konnten die meisten Zuhörer die Tränen nicht zurückhalten. Mit bewegenden Worten schilderte sie das Leiden des an Krebs erkrankten Oberbürgermeisters - und wie die Familie mit ihm litt.
Überraschend für viele der rund 1700 Gäste in der Tonhalle trat nach den offiziellen Rednern Angela Erwin, die Tochter des verstorbenen Oberbürgermeisters, auf die Bühne, und hielt eine sehr persönliche Rede. Alle im Saal waren davon tief berührt. Es flossen viele Tränen.
Im Folgenden die Rede im Wortlaut:
„Es gab den Politiker Jochen Erwin, es gab aber auch den Menschen, den Ehemann und Vater.
Papa war früher immer für uns da. Als wir Kinder waren, ging er mit uns jeden Samstag ins Rheinstadion zum Leichtathletik-Training, mindestens dreimal die Woche zum Basketball-Training, Tennis-Training und zum Schwimmen. Da hatte er noch Zeit. Papa hat uns die Welt zu Füßen gelegt. USA, Hawaii, Dubai, Südafrika, Kenia, Lago Maggiore, alles haben wir durch ihn kennen und lieben gelernt. Er hat versucht, uns Weltoffenheit und Internationalität zu vermitteln.
Vor ein paar Wochen haben wir mit ihm noch Pläne geschmiedet, nach Rügen zu fahren. Rügen hat und wird er nicht mehr sehen und erleben.
Er war unser Vorbild, unser Freund, unser Helfer. Sobald Markus oder ich als Kinder Mist gebaut hatten, kam das große Donnerwetter von Mama. Wir sind daraufhin immer zu Papa gerannt. Er hat dann immer alles geklärt, er wollte keinen Krach und keinen Streit in der Familie. Kurz bevor er starb, hat er uns gesagt, wir sollen zusammenhalten. Das werden wir immer tun!
Die große Wende in unserem Leben: 1999. Gemeinsam haben wir die Entscheidung getragen, dass Papa für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert. Völlig naiv waren wir in dem Glauben, es wird sich schon nichts ändern. Welch ein großer Irrtum!
Auf einmal änderte sich alles. Papa hatte keine Zeit mehr für uns, keine Zeit mehr für Mama. Wie froh war ich, ihn bei offiziellen Veranstaltungen zumindest mal für zwei Minuten zu sehen. Er ging um 7 Uhr morgens aus dem Haus, kam nachts erst wieder und das sieben Tage die Woche. Unser Familienleben musste dadurch fast ohne ihn stattfinden. Wir hatten auf einmal keine Zeit mehr, mit ihm für uns wichtige Dinge zu besprechen, Sorgen auszudrücken oder ihn um Rat zu fragen. Wir hatten ihn in weiten Teilen an die Stadt verloren.
Im Laufe der Jahre hatte man sich jedoch an diese Situation gewöhnt. Ich möchte mich heute jedoch nicht beklagen. Dass Papa Oberbürgermeister geworden ist, war sein größter Lebenstraum und wir standen und stehen voll hinter ihm.
Dann kam die schreckliche Nachricht. Papa hat Darmkrebs! Er ist unheilbar krank. Nur noch zwei Jahre zu leben, das wurde ihm und uns gesagt. Wir waren fassungslos, standen unter Schock. Wir dachten: Das kann doch nicht sein, das darf nicht sein, nicht Papa, er ist viel zu jung, hat noch viel zu viel vor, muss für uns da sein. Er hatte doch noch kurz vor der Diagnose den Marathon gelaufen. Wenn ich mich jetzt so zurück erinnere, auch da war er nicht mehr gesund. Körperlich völlig ausgelaugt, fertig, nicht ansprechbar, so haben wir ihn am Rheinufer nach dem Marathon erlebt. Er konnte sich kaum noch bewegen, aber er hatte es geschafft, er war so stolz, dass er es geschafft hatte. Sein Wille war damals noch unbesiegbar. Mit dieser Diagnose hörte die Unbeschwertheit unseres Lebens auf. Papa hat die Krankheit so behandelt, wie er mit sonstigen politischen Problemen auch umgegangen ist. Er sah nur das Ergebnis und nicht den Weg dorthin. Nebenwirkungen der Chemo waren halt auszuhalten. Sein Spruch: „Habe ich denn eine Alternative?“ Die fast fünf Jahre Chemo haben an ihm gezerrt, aber er sagte immer nur: „Wenn es denn hilft...“
Papa war der Macher. Er lebte nach dem Motto: Neque queri, neque loqui, agere! Das bedeutet übersetzt: Sich nicht beklagen, nicht palavern, handeln! Er hat seine Krankheit zur Nebensache erklärt. Das Leben, insbesondere das öffentliche Leben sollte weitergehen. Das hat er auch von uns verlangt. Er hat nie über Schmerzen geklagt, versucht, nie Schwäche zu zeigen. Wenn er mal wieder im Krankenhaus war, meistens in lebensbedrohlichen Situationen, hat er uns bewusst auf öffentliche Veranstaltungen geschickt. Es kann doch gar nicht so schlimm sein, wenn die Familie in der Öffentlichkeit auftaucht, das war sein Credo. Wir haben es immer mitgetragen. Wie schwer das für uns war, hat er, glaube ich, nie ermessen. Nun müssen wir nicht mehr lügen, uns verstellen.
In den letzten fünf Jahren sind wir immer wieder an Punkte gestoßen, wo er und wir nicht wussten: Wie soll es weitergehen? Zwei Jahre - das war die Prognose der Ärzte. Diese Aussage hat er weggewischt, wie sonstige Dinge, die er nicht hören wollte. Auch darin war er ja erfolgreich. Seine Überlebensstrategie war: Ich muss Ziele haben, immer neue Ziele. Er hat versucht, uns durch sein Nichtbeachten der Krankheit das Leben einfacher zu machen. Selbst wenn wir ihn im Krankenhaus besucht haben, war sein erster Satz zu Markus und mir: „Habt ihr nichts besseres zu tun, was macht Eure Arbeit?“
Bis vor ein paar Monaten ist es ihm gelungen, die Krankheit nicht die Überhand in unserem und seinem Leben gewinnen zu lassen. Papa, dafür sind wir dir unendlich dankbar.
In den letzten Monaten mussten wir dann dennoch sein Leiden miterleben. Er wurde immer schwächer, hatte keinerlei Lebensqualität mehr. Er kam immer früher nach Hause, hat dann nur noch geschlafen, geschafft von seiner Arbeit.
Unseren gemeinsamen Weihnachtsurlaub mit ihm mussten wir abbrechen, es klappte einfach nicht. Es hat sich keiner mehr getraut, uns zu besuchen, weder Familie noch Freunde, keiner wollte Papa stören. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber irgendetwas muss auf seiner letzten China-Reise vor eineinhalb Wochen passiert sein. Er kam Sonntagmorgen wieder, Mama und ich saßen auf der Terrasse. Er war verändert. Er freute sich über die Natur, hatte keine Lust zu arbeiten, keine Lust, die Zeitungen zu lesen. Er war auf einmal emotional, das kannte ich nicht von ihm. Er hatte auf einmal Zeit. Zeit, sich über unsere Zukunft zu unterhalten. Zeit, über Gott und die Welt zu reden. Zeit, einfach nur den Augenblick zu genießen. Er wollte träumen, schlafen, sich ausruhen. Er wollte keine Schmerzen mehr haben. Zum ersten Mal hat er zu uns gesagt: Ich habe die letzten fünf Jahre keinen Tag ohne Schmerzen erlebt. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Wenige Tage später war er dann im Krankenhaus. Plötzlich keine Hoffnung mehr, keine weitere Therapie mehr möglich.
Das war schwer für ihn und für uns. Es kam so schnell, der Boden wurde uns unter den Füßen weggerissen. Warum jetzt? Warum er? Wir haben zusammen geweint und gebetet. Wir sind froh Papa, dass du dich von uns und wir uns von dir verabschieden konnten. Du hast zu uns gesagt: Wir hatten doch ein schönes Leben. Seid nicht traurig. Bitte haltet zusammen. Das tun wir und werden es auch in Zukunft tun.
Papa, es ist so schwer, nach Hause zu kommen, die Tür aufzuschließen. Alles erinnert an dich. Deine tausend Krawatten auf dem Esstisch. Deine Post in der Küche. Dein totales Chaos in jedem Raum, in dem du Dich aufgehalten hast. Mama durfte nie was wegräumen. Bis heute liegt alles noch so da.
Papa, wir lieben dich. Papa, wir vermissen dich. Wir werden dich nie vergessen.“
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