An Leukämie erkranktes Baby: Arthur ist wieder gesund
VON REGINA GOLDLÜCKE UND STEFANIE WINKELNKEMPER - zuletzt aktualisiert: 25.12.2009 - 09:59Düsseldorf (RPO). Vor einem Jahr verbrachte die Familie des kleinen Arthur ihr traurigstes Weihnachtsfest. Niedergeschlagen saßen alle am Bett des leukämiekranken Babys. Niemand hat geglaubt, dass Arthur das Fest in diesem Jahr erlebt und sich dabei so freut. Die Geschichte eines kleinen Wunders.
Jedes Lachen von Arthur ist das pure Glück für seine Familie und schenkt vielen Menschen Hoffnung. 17 Monate ist der kleine Kerl nun alt. Wie jedes Kind in seinem Alter tobt er durch das Haus. "Arthur ist schon so kräftig, dass er den Kinderwagen am liebsten selbst schiebt", erzählt seine Oma Hermine aus Düsseldorf.
Die Bedeutung dieser Worte kann nur ermessen, wer die Geschichte von Arthur kennt. Als "Baby Arthur" wurde der Kleine unter traurigen Umständen bekannt. Im Alter von nur vier Monaten erkrankte er an Akuter Lymphatischer Leukämie (ALL). Die Prognose war niederschmetternd: Ohne eine schnelle Transplantation von Stammzellen waren Arthurs Überlebenschancen gleich Null.
Kurz vor dem Weihnachtsfest im vergangenen Jahr brach diese traurige Nachricht über Arthurs Eltern in Dresden und die rührigen Großeltern in Düsseldorf herein. Die Festtage erlebte Oma Hermine wie eine drückende Last. "Wir rissen uns zusammen und versuchten, es Arthur in der Klinik so schön wie möglich zu machen", erinnert sie sich. Innerlich habe jeder gedacht, es sei Arthurs erstes und letztes Weihnachten. "Selbst nach einer Stammzell-Therapie gab man ihm nur eine Chance von 20 Prozent", sagt sie.
Damals begann die große Zeit des Bangens. Die Sorge um Arthur bestimmte jeden Tag. Auch Großmutter Hermine ließ nichts unversucht, um ihrem einzigen Enkelkind zu helfen. Sie startete in Düsseldorf mehrere Aktionen zur Typisierung, die von der Rheinischen Post begleitet und unterstützt wurden. Die Resonanz war riesig. Viele Familien, die selbst kleine Kinder haben, kamen. Aber nicht nur sie: Motorradfahrer in Lederkluft, Polizistinnen und Maler im Kittel reihten sich ein, um sich ein Röhrchen Blut abzapfen zu lassen.
Zur Aktion gab es ein Gästebuch. Die Einträge dokumentieren, wie stark Arthurs Schicksal die Menschen berührte. Ein Mädchen hat "persönliche kleine Glückspilze" für ihn gemalt. Eine Spenderin schreibt an Arthur: "Ich bin 80 Kilometer gefahren, um mich für dich typisieren zu lassen. Alles Liebe." Ein Paar wiederum macht Mut: "Wir hoffen, dass du noch als Erwachsener deinen Enkeln von dieser Typisierungsaktion erzählen kannst."
Ziel war es, einen geeigneten Stammzell-Spender für Arthur zu finden. Zuvor war die Suche nach einem "genetischen Zwilling" bei der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) erfolglos geblieben. Auch die Typisierungen führten zu keinem Spender. Doch dann gab es plötzlich neue Hoffnung: Aus einer Nabelschnurblutbank stimmten die Werte eines kleinen Italieners mit denen von Arthur zu 80 Prozent überein. Bis zur Transplantation im Sommer jedoch vergingen weitere Wochen, in denen Ärzte und Familie um Arthurs Leben kämpften.
Fünf Chemotherapien musste der Säugling über sich ergehen lassen. Lange war nicht klar, ob er die fünfte – und unausweichlich letzte – überhaupt würde beginnen können. Seine Leukozyten-Werte waren zu schlecht. Diese weißen Blutkörperchen sind für die Immun-Abwehr im Körper zuständig. Bei der Art des Blutkrebses von Arthur entartet ausgerechnet der Typ von Blutkörperchen, der für die Abwehr von Infektionen zuständig ist.
Fünfte Chemotherapie
Schließlich jedoch reichten die Werte, so dass am 3. Juni dieses Jahres die fünfte Chemotherapie begann, die ihn auf die Transplantation vorbereitete. "Er hat im letzten Moment die Kurve bekommen", freut sich Oma Hermine. Die Gefahr jedoch war nicht vorüber, sondern eher größer geworden, denn Arthurs Immunsystem musste zerstört werden, damit der Körper die fremden Zellen nicht abstößt.Vier Wochen lang lebte er ungeschützt vor Infektionen und Krankheiten. Die Familie saß am Babybett mit Mundschutz und Kittel.
Die besondere Dramatik in Arthurs Fall war sein junges Alter. "Nur fünf Prozent aller Leukämie-Fälle bei Kindern treten im Säuglingsalter auf", sagt Arndt Borkhardt, Direktor der Klinik für Kinderonkologie am Uniklinikum Düsseldorf. Seine Klinik ist eines der größten Zentren im Land und Leukämie das Hauptproblem, weil sie die häufigste Krebsform bei Kindern ist. Borkhardt jedoch macht Mut: "Generell können 75 Prozent aller Krebskrankheiten bei Kindern geheilt werden."
Auch für Arthurs Familie wurde das Wunder wahr. "Seine Werte verbesserten sich ständig. Gleichzeitig nahm das Risiko eines Rückfalls ab. Ein Restrisiko besteht noch, aber wir können aufatmen. Unser tapferer kleiner Kerl hat die schlimmste Gefahrenzone hinter sich", sagt Oma Hermine. Sichtbares Zeichen dafür, dass Arthur wieder gesund ist: Er muss ab sofort keine Medikamente mehr nehmen. Der Katheter, der die Medizin über den Schenkel zugeführt hatte, ist entfernt und die Therapie damit beendet. Nun muss der Kleine nur noch einmal wöchentlich zur Blutabnahme, um die Werte kontrollieren zu lassen.
Mit der Familie freuen sich ganz viele Menschen, die Arthurs Schicksal verfolgen. Sie schreiben ihre guten Wünsche in ein weiteres Gästebuch, das auf einer Homepage für Arthur eingerichtet wurde. "Ich bin so froh, dass es dir gut geht und du so schön isst. Das Christkind wird dich bestimmt für alles, was du geleistet hast, belohnen", schreibt Miriam darin. "Alles Gute auf deinem weiteren Weg und deinen Eltern eine gute Erholung nach dieser schrecklichen Zeit", wünscht Marion. Viele weitere Stimmen machen Mut. Die Homepage soll vorerst weiter bestehen.
Ein glücklicheres Weihnachtsfest könnte es für die Familie nicht geben. Die Großeltern aus Düsseldorf reisen nach Dresden, wo Tochter, Schwiegersohn und Enkel leben. Das Auto ist beladen mit Geschenken für Arthur: Kindermöbel aus Naturholz, Bücher und ein Baukasten. "Großeltern haben die Lizenz zum Verwöhnen", sagt Hermine schmunzelnd.
Sie freut sich, dass Arthur anderen Kindern in nichts nachsteht, auch wenn Hektoliter an Infusionen durch seinen Körper geflossen sind. Die lange Isolation und die schmerzhaften Behandlungen hätten keine erkennbaren Spuren hinterlassen, sagt sie. "Jetzt wollen wir dieses Kapitel aber auch abschließen. Es ist an der Zeit, dass unsere Familie wieder in ein normales Leben findet."
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