Astrid-Lindgren-Grundschule: Behinderte Schüler gehören dazu
VON NINA SAUERLAND UND GÖKÇEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 24.04.2010 - 13:11Düsseldorf (RPO). An der Astrid-Lindgren-Grundschule sitzen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam im Unterricht. Auch Schüler mit Down-Syndrom lernen dort. Künftig werden wohl mehr behinderte Kinder in die Regelschule gehen können.
Die siebenjährige Annika ist wie alle anderen Mädchen in ihrer Klasse. Sie schwärmt für Hannah Montana und wünscht sich nichts so sehr wie ein Handy. Nur eines unterscheidet sie: Annika ist das einzige Kind mit Down-Syndrom in der zweiten Klasse der Astrid-Lindgren-Grundschule in Eller. Die ist eine von acht Düsseldorfer Grundschulen, an denen behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden.
Als ihre Tochter Annika eingeschult werden sollte, erfuhr Stephanie Steinbrücker: Nur wenige der integrativen Schulen akzeptieren neben lern- und körperbehinderten Kindern auch solche mit geistigen Entwicklungsstörungen. In der Astrid-Lindgren-Grundschule ist das kein Problem: "Wir haben jetzt drei Kinder mit Down-Syndrom und zwei autistische Schüler, die sich alle gut entwickeln", so Schulleiterin Manuela Hasselmann.
Manche Fächer, wie Sport oder Sozialkunde, lernt Annika mit der ganzen Klasse. In anderen Unterrichtsstunden bekommt sie von einer Sonderpädagogin ihre eigenen Aufgaben. Die löst sie mit Integrationshelferin Katharina Bauß, die an der Schule ein freiwilliges soziales Jahr macht und Annika durch jeden Schultag begleitet.
Während ihre Mitschüler die Hefte zum Diktat rausholen, lernt Annika heute Wörter, die mit dem Buchstaben "D" beginnen. Dach, Daumen und Drillinge – Annika hat ein fotografisches Gedächtnis und prägt sich genau ein, wie die Wörter geschrieben werden, erklärt Bauß. Auch ihre Sozialkompetenz zeichne sie aus. "Annika geht selbstbewusst auf ihre Mitschüler zu", sagt Bauß, "so verlieren die anderen Kinder schnell alle Berührungsängste." "Im gemeinsamen Unterricht lernen die Kinder, dass jeder anders ist", ergänzt Hasselmann.
Annikas Mutter ist es wichtig, dass ihre Tochter in eine ganz normale Schule geht. "Förderschulen sind geschützte Inseln", so Steinbrücker, "aber Annika soll auf die richtige Welt da draußen vorbereitet werden, um später so selbständig wie möglich leben zu können." Kinder mit Down-Syndrom hätten unterschiedliche Bildungschancen, erklärt Rektorin Hasselmann. "Viele Betroffene können im ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen, manche studieren sogar."
Genau das aber droht Hasselmanns Schützlingen nach Beendigung der Grundschule. Zwar sollen gemäß einer UN-Konvention seit 2009 auch Schüler mit Behinderungen an regulären Schulen unterrichtet werden, doch es wird an der nächsten Landesregierung sein, für alle Schulen verbindliche Gesetze zu verabschieden. Bis dahin ist die Aufnahme behinderter Kinder für Schulen in NRW noch freiwillig. Von den weiterführenden Schulen in Düsseldorf sind dazu bisher nur drei Hauptschulen gut genug ausgestattet, sagt Hasselmann.
Derzeit baut die Stadtverwaltung insgesamt 22 Schulen aller Schulformen behindertengerecht um, damit zumindest körperbehinderte Kinder die Wahl haben zwischen Förder- und Regelschule. Zur Aufnahme verpflichtet sind Schulen erst, wenn es ein Landesgesetz und Ausführungsbestimmungen für die Kommunen gibt. Klar ist, dass auch bei einer neuen Gesetzeslage Förderschulen gefragt bleiben: Viele Eltern schätzen gerade die individuelle Förderung in der Schulform und fürchten vielmehr, dass ihr Kind in einer Regelschule stigmatisiert und gemobbt werden könnte.
Annika macht sich darüber noch keine Sorgen. Sie hat ein Ziel: unbedingt Schreiben und Lesen lernen. "Ich bin ganz normal", sagt sie.
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