Interview mit Ina Müller: "Beim Mann fängt die Krise mit 50 an"
zuletzt aktualisiert: 02.12.2008 - 11:34Düsseldorf (RPO). Ina Müller ist der Paradiesvogel der deutschsprachigen Pop-Szene. Die 43-Jährige moderiert eine eigene Talkshow im NDR und zeigt in der Reihe „Ina Norden“ ihre Lieblingsorte. Am Montag gastiert die Cuxhavenerin in der Tonhalle.
Nach einer Ausbildung zur pharmazeutisch-technischen Assistentin arbeitete Müller in der Inselapotheke auf Sylt. Sie schrieb plattdeutsche Bücher und machte Kabarett – im Duo mit Edda Schnittgard unter dem Namen Queen Bee. Erst seit kurzem ist die 43-Jährige als Sängerin erfolgreich.
Ihr aktuelles Album „Liebe macht taub“ ist seit über 20 Wochen in den Charts und damit auf dem besten Wege, den Erfolg ihres Debüts „Weiblich, ledig, 40“ zu übertreffen.
Mit „Weiblich, ledig, 40“ haben Sie die Lebensumstände der Frau um die 40 erforscht. Ist dieser Aspekt Ihrer Arbeit inzwischen abgeschlossen?
Ina Müller: Dieses Feld habe ich zur Genüge beackert. Auf meiner neuen Platte wollte ich vor allem Songs mit anderen originellen Themen haben...
...zum Beispiel Männer in der Midlife Crisis. Die triefen bei Ihnen vor Selbstmitleid oder sehnen sich nach Freiheit und Abenteuer. Gehen Frauen mit der Midlife Crisis anders um?
Müller: Ich glaube, Frauen haben ihre Midlife Crisis zu einem anderen Zeitpunkt. Sonst wäre die dynamische Frau um die 40 nicht Thema jeder Frauenzeitschrift. Wobei ich Überschriften wie „Sie ist 40 und total glücklich“ mittlerweile nicht mehr lesen kann. Meine Theorie ist: Beim Mann fängt die Krise mit 50 an. Der hat dann seinen Job und seine Kinder. Mich nervt, dass sich der Mann sein halbes Leben lang in den besten Jahren befindet. Aber wann soll das bei der Frau sein?
Sie bekommen regelmäßig Heiratsanträge. Was sehen Männer in Ihnen?
Müller: Ich weiß es nicht. Ich kriege zum Teil seitenlange Briefe von Männern, die glauben, wir würden zusammen passen. Manche kommen sogar direkt zu mir nach Hause, was mich verwundert. Oft sind das auch Männer, die ihr Schicksal beschreiben. Ich bin halt in einer Position, in der sehr viel in einen hinein interpretiert wird. Das meiste kann ich aber nicht erfüllen. Ich möchte auch nie ein Groupie heiraten.
„Liebe macht taub“ spielt auf die Unfähigkeit vieler Menschen an, dem Partner richtig zuzuhören. Ergibt sich daraus das ganze Elend der Partnerschaft?
Müller: Daraus ergibt sich sogar das ganze Elend in zwischenmenschlichen Beziehungen. Man hat herausgefunden, dass derjenige, der zuhört, der Schwache ist. Zuhören hat immer auch etwas von Gehorchen. Während derjenige, der redet, die Macht hat. Das Nicht-Zuhören ist eine Weise, sich gegen den anderen zu stellen. Ich habe keine Lust mehr, in meinen Songs Geschichten wie „Männer können nicht zuhören und Frauen nicht einparken“ zu bedienen. Ich finde es inzwischen viel spannender, mich mit Psychologie zu beschäftigen.
In Ihrer Late-Night-Show „Inas Nacht“ beweisen Sie Mut zum Experiment. Das sind seltene Momente im deutschen Fernsehen.
Müller: Ich habe jetzt endlich eine eigene Redaktion. Das ist ganz toll und hört sich auch gut an (lacht). Als ich in der Presse als TV-Anarchistin bezeichnet wurde, habe ich die Arme hoch gerissen. Im Fernsehen schwimme ich gegen den Strom. Ich möchte Leute anders zeigen, wenn sie sich drauf einlassen. Bei den Wildecker Herzbuben ist es mir gelungen und auch Reinhold Beckmann hat sich bei mir ungewohnt präsentiert.
Sie kennen sowohl das Musik- als auch das TV-Geschäft. Was ist aus Ihrer Sicht der grundlegende Unterschied?
Müller: Musikmacher kommen mir persönlich kreativer und künstlerischer als Fernsehleute vor. Die gehen anders mit Ehrlichkeit um. TV-Macher sind abgebrühter. Man sagt immer, die Musikindustrie geht unter. Mir scheint aber das Fernsehgeschäft noch härter zu sein. Im Fernsehen wird unheimlich viel übers Fernsehen gelabert, aber unterm Strich passiert nur wenig. In der Musikwelt wird mehr gehandelt als geredet. Das ist viel fruchtbarer. Trotzdem könnte ich auf keines von beiden verzichten.
Anfangs schrieben Sie Bücher und Lieder, um der plattdeutschen Sprache und ihrer Kultur neuen Raum zu verschaffen. Welche Rolle spielt das Plattdeutsche heute noch bei Ihrer Arbeit?
Müller: Plattdeutsch macht mich definitiv glücklich, aber im Moment komme ich einfach nicht dazu. Unter anderem auch, weil diese Sprache so regional ist, dass es mich schon sehr im Norden halten würde. Nichtsdestotrotz denke und träume ich weiterhin in meiner Muttersprache. Ich möchte mir immer wieder neue Orte angucken und neue Mentalitäten auf mich wirken lassen. Die Münchner und die Zürcher fahren zum Beispiel voll auf meine plattdeutschen Lieder ab.
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