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Das Vermächtnis: Berührt von Erwins letztem Willen

VON HANS ONKELBACH - zuletzt aktualisiert: 22.05.2008 - 10:15

In dem einem Tag nach seinem Tod veröffentlichten Schreiben hat Joachim Erwin dargelegt, was er sich für die Zukunft der Stadt wünscht. Das Papier des Verstorbenen hat alle aufgewühlt, die es gestern in die Hand bekamen. Entstanden ist es drei Tage, bevor der Oberbürgermeister starb.

Unten links steht „Gott schütze diese unsere Stadt. Joachim Erwin Düsseldorf, 17. Mai“. Darüber ein knapper Text, geschrieben in einem Sprachstil, den viele diesem Mann nicht zugetraut hätten: „Joachim Erwins politisches Vermächtnis“ hat er es genannt. Oder nennen lassen. Ein Schreiben, das gestern nur einige wenige Politiker erhielten, das aber an alle Medien ging. Erwin spricht darin ausdrücklich die Bürgerinnen und Bürger und „alle Politiker“ an.

Wo und wie es entstanden ist, wer die Worte aufschrieb, ob Erwin die Sätze jemandem diktierte oder sie mit der Hand oder am Laptop schrieb - dazu gibt es keine Informationen. Ein kleiner Kreis der Eingeweihten aus der engeren Umgebung des verstorbenen Oberbürgermeisters hüllt sich in eisernes Schweigen. Sein Sprecher Kai Schumacher: „Zu den Details sagen wir nichts!“ Nur so viel: Es sei der ausdrückliche Wunsch Erwins gewesen, diesen Text einen Tag nach seinem Tod zu veröffentlichen. Daran habe man sich gehalten.

Das Datum - der 17. Mai - lässt ahnen, dass Erwin zwei Tage vor seinem Tod (er starb kurz nach Mitternacht am 20. Mai um 0.15 Uhr) gewusst hat, wie es um ihn stand. Und dass dieser Krankenhausaufenthalt nicht so enden würde wie die vielen anderen in den Jahren davor. Jedenfalls brachte er die Themen zu Papier, die ihm in den letzten Jahren und Monaten ganz besonders am Herzen lagen - die Schuldenfreiheit, den Kö-Bogen, den Aquazoo, die Kita-Gebühren, die Stadtsparkasse, das Grün in der Stadt.

Alles Dinge, die er in der jüngsten Vergangenheit entscheidend mit geprägt hat, deren Vollendung er aber nicht mehr erleben würde, wie ihm an diesem Samstag offenbar klar geworden war.

Wer Erwin kannte, der weiß, dass ihn dieser Gedanke gequält haben muss: etwas Unfertiges zu hinterlassen und keine Chance mehr zu haben, es bis zur Fertigstellung zu gestalten.

Typisch für ihn, dass er versucht, eine - über kurz oder lang mit Gewissheit kommende - Diskussion zum Thema „Eine Straße oder ein Platz für Joachim Erwin“ zu verhindern: „Streitet nicht um eine Straße oder Hausnummer für mich!“ schreibt er. Er wusste wohl um die Bedeutung solcher Dinge, sah sie aber eher pragmatisch: Nie vor Ablauf eines Jahres nach dem Tod über die Ehrung verdienter Menschen in Form von Straßennamen reden, war die Maxime, die er ausgegeben hatte. Und an die er sich auch hielt, als kurz nach dem Tod Jörg Immendorffs die Diskussion um einen Immendorff-Platz entbrannte.

Dass man sich dereinst solche Gedanken auch im Zusammenhang mit seiner eigenen Person machen würde, war ihm sicher klar, aber es dürfte ihn wenig bewegt haben. Anerkennung, die ihn weiter brachte, war ihm wichtiger. Wenngleich er durchaus für richtig hielt, die Arbeit verdienter Frauen und Männer auch nach deren Tod zu würdigen.

Dirk Elbers, Erster Bürgermeister und nun vorläufiger Repräsentant des Rates, war von Erwins Vermächtnis hörbar berührt. Dass es einen solchen Brief geben würde, hatte er nicht gewusst - bis er ihn gestern bekam. Beeindruckt vom „weichen Stil“ des Textes stellte der CDU-Fraktions-Chef fest, all die dort aufgeführten Punkte seien ja die Themen, die man auf den Weg gebracht habe und natürlich auch im vereinbarten Sinne realisieren wolle. Spürbar verunsichert wunderte sich Elbers über den Sprachstil, den er, der langjährige Parteifreund, aber auch Mit-Streiter, so von Erwin nicht kannte.

Auch die Chefin der FDP-Fraktion, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, war zuerst buchstäblich sprachlos, als sie von diesem letzten Willen des OB erfuhr. Inhaltlich sieht sie es ganz ähnlich wie Elbers: Gemeinsam mit der Union habe man diese Entscheidungen gefällt und werde sie entsprechend umsetzen. Insofern umfasse Erwins Vermächtnis einen Themenkatalog, der im Sinne des Verstorbenen umgesetzt werde. Mehr jedoch wollte sie dazu nicht sagen: „Die Tagespolitik sollte ruhen in diesen Zeiten, zumindest bis zur Beerdigung Erwins!“


 
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