Köhler und Merkel würdigen Zivilcourage: Bewegende Trauerfeier für Paul Spiegel
zuletzt aktualisiert: 28.05.2006 - 18:17Düsseldorf (dto). Bundespräsident Horst Köhler und Kanzlerin Angela Merkel haben zu Wachsamkeit und Courage gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus aufgerufen. "Wir müssen Extremisten und rassistischen Gewalttaten mit allen Mitteln des Rechtsstaates entgegentreten", sagte Köhler bei der Trauerfeier für den verstorbenen Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, am Sonntag in der Tonhalle. Merkel sagte, im Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit dürfe es keine Kompromisse geben: "Das ist das Vermächtnis von Paul Spiegel."
Merkel und Köhler würdigten Spiegel als Brückenbauer und Menschen mit Zivilcourage. "Er hatte kein Verständnis dafür, wenn - wie er sagte - auch nur verbal gezündelt wurde", sagte Köhler. Man dürfe nicht hinnehmen, wenn Menschen auf Grund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder ihres Lebensstils beleidigt und angegriffen würden. "Wir dürfen nicht dulden, dass hier zu Lande Orte entstehen, an denen Menschen, weil sie als Fremde wahrgenommen werden, fürchten müssen, dass ihre Würde verletzt wird, dass sie um ihre Gesundheit und sogar um ihr Leben bangen müssen."
Für Paul Spiegel sei es selbstverständlich gewesen, dass in Deutschland Juden leben, sagte Köhler. "Er freute sich darüber, dass die jüdischen Gemeinden wachsen." Aber er habe auch Zweifel gehabt: "Seine Sorge war immer wieder: Sind die Anständigen in unserem Land wachsam genug?" Spiegel habe von allen Menschen gefordert, dass sie sich einmischen. Er habe befürchtet, dass Gefahren zu spät erkannt und dadurch zu spät bekämpft werden. "Das darf nicht geschehen", sagte der Bundespräsident.
"Paul Spiegel wird nicht nur Ihnen fehlen", sagte Köhler an die Trauergäste und besonders die Familie des verstorbenen Zentralrats-Präsidenten gewandt: "Er wird unserem Land fehlen." Mit ihm sei auch eine Stimme verstummt, die "für ein demokratisches und offenes Deutschland" eintrat.
Merkel bezeichnete Spiegel auch als eine "moralische Autorität in Deutschland", der diese Rolle aber nie angestrebt habe. "Wir trauern um einen Menschen, der Zivilcourage gelebt hat." Paul Spiegel sei überzeugt gewesen, dass es sich lohne, sich gegen Extremismus und Antisemitismus in Deutschland zu engagieren, sagte Merkel. Sie erinnerte an seine Familiengeschichte: Spiegels Schwester Rosa wurde Opfer des Holocausts, sein Vater überlebte die Haft in mehreren Konzentrationslagern, Spiegel selbst und seine Mutter konnten sich in Belgien verstecken.
Zahlreiche prominente Politiker unter den Gästen
An der bewegenden Zeremonie in der Düsseldorfer Tonhalle vier Wochen nach Spiegels Tod nahmen zahlreiche prominente Politiker teil, darunter Arbeitsminister Franz Müntefering, Außenminister Frank Walter Steinmeier, Innenminister Wolfgang Schäuble und CSU-Chef Edmund Stoiber. Auch Grünen-Chefin Claudia Roth und der FDP-Vorsitzende Guido Westerwelle waren unter den Gästen.
Spiegel war am 30. April nach langer schwerer Krankheit im Alter von 68 Jahren gestorben. Anfang Mai war er nach einer Trauerfeier der jüdischen Gemeinde Düsseldorf im engsten Familien- und Freundeskreis beigesetzt worden.
Nach der offiziellen Trauerfeier geht auch die 30-tägige Trauerzeit zu Ende, nach der sich die möglichen Kandidaten für die Wahl des neuen Zentralratspräsidenten erklären wollen. Als Nachfolger im Gespräch sind Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt am Main, und Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Münchner Gemeinde. Beide sind Vizepräsidenten des Zentralrats.
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