Aus Bilbao nach Düsseldorf: "Blitzschlag" von Beuys im K 20
VON CAROLIN BREDENDIEK - zuletzt aktualisiert: 17.08.2010 - 10:45Düsseldorf (RPO). In der Kunstsammlung NRW wurde mit dem Aufbau des Werkes mit dem Titel "Blitzschlag" begonnen. Das gewaltige Stück von Joseph Beuys kam als Leihgabe aus Bilbao und wird mit neun weiteren Raum-Installationen ab 11. September im K 20 zu besichtigen sein.
Manchmal sind es fünf Millimeter. Ein kleiner Spalt, der geschlossen werden muss, weil er entscheidet zwischen Gelingen und Scheitern. "Noch ein bisschen", weist einer der Handwerker seinen Kollegen an, "noch ein kleines Stück, noch ein bisschen, halt!" Und dann wird wieder Maß angelegt: an den "Blitzschlag", einen 945 Kilogramm schweren Bronzekoloss.
Im Guggenheim Museum im spanischen Bilbao ist er auf die Reise geschickt worden, und nun ist er nach 1411 Kilometern angekommen. Im K 20, wo man dafür sorgen will, dass die Vorgabe des Künstlers Joseph Beuys, sein Werk habe an genau einer Stelle den Boden zu berühren, punktgenau umgesetzt wird.
"Diese Inszenierung ist eine Herausforderung", sagt die Direktorin der Kunstsammlung NRW, Marion Ackermann, und schaut immer wieder in Richtung der blau belatzhosten Männer, "weil die Frage im Raum steht, ob man einen Beuys überhaupt inszenieren kann." Tatsächlich hat der Aktionskünstler, Bildhauer und Zeichner bis zu seinem Tod 1986 eine liberale, experimentelle Form der Kunst gelebt: abstellen statt aufstellen. Joseph Beuys ließ seine Handwerker auspacken und nach ihrem Gusto entscheiden, wo welcher Teil eines Kunstwerkes letztendlich stehen sollte.
Auch im Fall seiner zwischen 1958 und 1985 entstandenen Installation "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" gibt es einen breiten Interpretationsspielraum. Insgesamt 40 Elemente – neben dem Blitzschlag noch der Hirsch, die Ziege, 35 Urtiere, die Plastik "Boothia Felix" und ein Stahlträger – wollen angeordnet, komponiert werden. Vorgaben gibt es dabei kaum: Lediglich der Hirsch, ein futuristisch anmutendes Aluminiumtier, wird stets mit dem Kopf gen Blitzschlag ausgerichtet, so ackermann, genauso wie der Kompass auf "Boothia Felix" immer den Himmelsrichtungen angepasst werde.
Nicht zu vergessen: die fünf Millimeter, die es zwischen Blitzschlag und Museumsboden noch zu beseitigen gilt. "Er muss die Erde gerade so viel berühren, dass er schwingen könnte, wenn man ihn anstupsen würde", sagt Kuratorin Isabelle Malz, so viel hat der Künstler noch festgelegt, bevor er starb. Insgesamt vier Versionen der Installation gibt es weltweit: in London, Frankfurt, Massachusetts, als Leihgabe aus Bilbao in Düsseldorf. Die fünfte Kopie gilt als verschollen. An den übrigen Ausstellungsorten jedoch hat man jeweils unterschiedliche Akzente gesetzt.
In der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen will man den Modellcharakter der Installation betonen, den Betrachter desillusionieren, den Fake entlarven: "Deshalb", sagt Direktorin Ackermann, "lassen wir den Stahlträger erstmals auf die Wände auflegen, anstatt ihn einzubauen." Um alle ablenkenden Details auszublenden, hat sie einen großen Kasten für die Installation bauen lassen, mit Wänden, die das gewaltige Gewicht tragen können.
Auf diese Weise soll der Evolutionsgedanke des Werkes deutlich werden: Beuys lässt die Tiere zu Wort kommen, die sich im Entwicklungsprozess geopfert haben, damit der Mensch entstehen konnte. Somit wirken auch die amorphen, wurmartigen Lehmlinge am großen Plan der Gesellschaft aller Lebewesen mit.
Den Aufbau des ersten, vollständigen Gusses seines Werkes hat Beuys nicht mehr erlebt. Anders als seine "Hirschdenkmäler" in Berlin: Neben einem Lehmberg, nach dessen Oberfläche der Blitzschlag gegossen wurde, war auch eine Wurst Teil der Installation.
Als diese demontiert wurde, entledigte sich Beuys der Wurst auf eher ungewöhnliche Art: Er warf sie einfach über die Berliner Mauer.
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