Prozess vor Amtsgericht: Bratschen-Betrüger verurteilt
VON WULF KANNEGIESSER - zuletzt aktualisiert: 22.02.2011 - 08:05Düsseldorf (RPO). Der unehrliche Finder einer 150 Jahre alten Bratsche ließ den Prozesstermin gestern verstreichen. Geholfen hat ihm das nicht. Weil er das teure Instrument auch noch zum Kauf angeboten hatte, soll er nun eine Geldstrafe zahlen.
Abwesenheit schützt vor Strafe nicht. Nach diesem Motto hat ein Amtsrichter gegen einen 42-Jährigen aus Mettmann gestern eine Geldstrafe von 1200 Euro verhängt. Zum Prozesstermin wegen Unterschlagung einer gefundenen Viola im Wert von 55 000 Euro sowie wegen versuchten Betruges war der Angeklagte nicht erschienen. Trotz leerer Anklagebank erließ der Richter aber einen Strafbefehl, der dem Angeklagten jetzt schriftlich zugeschickt wird.
Aus der Schusseligkeit des Orchestermusikers Koichi Aoki (27) wollte der hoch verschuldete Mettmanner laut Anklage heimlich Kapital schlagen. Im April 2009 hatte der Symphoniker seine 55 000 Euro teure Viola aus dem Jahr 1855 in einem Regionalzug einfach vergessen. Das Streichinstrument war dem Musiker erst kurz zuvor von seinem Vater geschenkt worden. Doch beim Aussteigen aus einem Regionalzug, der nach Essen fuhr, ließ der Musiker den Geigenkasten mit der wertvollen Bratsche dann liegen. Erst 15 Monate später, im Juli 2010, tauchte das seltene Instrument wieder auf.
Beim Geigenbaumeister Rodolfo Angilletta (35) in der Altstadt wollte der Angeklagte die Bratsche zu Geld machen. Er gab an, er habe das Instrument von seinem Großvater geerbt, aber zum Gitarrenspielen sei es nicht geeignet. Das wunderte den Geigenbauer nicht, dennoch bat er um drei Tage Bedenkzeit und überprüfte das angebotene Instrument im Internet. Dort fand der Musikalien-Detektiv schnell heraus: Nach der Bratsche von 1855 aus der Mailänder Werkstatt von Luigi Bajoni wurde längst weltweit gesucht. Am vereinbarten Kauftermin empfing also die Polizei den arglosen Anbieter. Nun gab er an, er habe das im Zug gefundene Instrument eigentlich abgeben wollen, es dann aber doch mit nach Hause genommen und dort 15 Monate lang "vergessen". Erst bei einer Wohnungsrenovierung sei er wieder auf das Fundstück gestoßen und habe sich spontan entschlossen, die einst gefundene Viola zu Geld zu machen.
Ob der Richter diese Version geglaubt hätte, konnte gestern nicht geklärt werden. Weil der Angeklagte den Prozesstermin um die wertvolle Bratsche verstreichen ließ, kam es zu jener Geldstrafe, die vier Monaten Freiheitsstrafe entspricht. Denn falls der Angeklagte den Betrag nicht aufbringt, muss er dafür ersatzweise für 120 Tage ins Gefängnis. Die Bratsche konnte nach der Detektiv-Leistung des Geigenbaumeisters übrigens wieder ihrem rechtmäßigen Eigentümer übergeben geben. Der Orchestermusiker gelobte damals strahlend, auf das teure Instrument künftig besser aufzupassen.
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