Amerikanischer Künstler bekommt den Düsseldorfer Kunstpreis: Bruce Naumans wütende Kunst
VON BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 24.03.2006 - 10:08Düsseldorf (RP) Kahlköpfe rotierten auf Fernsehschirmen und stießen unentwegt Hilferufe aus: „Feed me, eat me, anthropology“ und „Help me, hurt me, sociology“. Der Opernsänger Rinde Eckert hatte mit seinem verstörenden, aggressiven Sprechgesang den Geschundenen der Welt seine Stimme geliehen und den Besuchern der „documenta 9“ in Kassel damit ein Erlebnis beschert, das noch lange in ihren Köpfen nachschrillte.
Urheber dieser eindringlichen Video-Installation war der Amerikaner Bruce Nauman (Jahrgang 1941), den die Stadt Düsseldorf jetzt mit ihrem erstmals vergebenen, mit 55000 Euro dotierten Kunstpreis auszeichnet. Sie ehrt damit einen Künstler, der die Videotechnik nie um des Effekts willen einsetzte, sondern sie bis heute als ein fast philosophisches Medium nutzt.
Die Rufe von einst - „Ernähre mich, friss mich“ und „Hilf mir, verletze mich“ gegenüber den Wissenschaften Anthropologie und Soziologie - meinten, dass der Mensch sich von seinen sich verselbstständigenden Errungenschaften im Stich gelassen fühle. Diese allenfalls im Ansatz politische Kunst klagt nicht so sehr an, sondern reflektiert die Empfindungen eines Einzelnen, und fraglich ist, ob gesellschaftliche Veränderungen ihm überhaupt Linderung verschaffen können.
Nauman bekannte einmal, „Enttäuschung und Wut über die ,conditio humana’“, also die unabänderlichen Gegebenheiten des Lebens, hätten ihn ins Atelier getrieben. So verwundert es nicht, dass sich seine Arbeit immer wieder mit dem Werk von Samuel Beckett berührt, dem Dramatiker des Absurden. Über Becketts Buch „Der Verwaiser“ äußerte er in einem Interview, Beckett schildere darin Menschen, die in merkwürdigen Räumen herumirren, aus denen sie nicht entkommen: „Da gibt es keinen Anfang und kein Ende, keinen Fortschritt, ähnlich wie bei mir.“ Seine Kunst sei jedoch nicht pessimistisch, „denn ein wahrer Pessimist würde gar nicht mit der Kunst beginnen“.
Wie Beckett sieht auch Bruce Nauman das Wesen unserer Existenz in der Gestalt des Clowns verkörpert. Seine Installation „Double No“ von 1988 zeigt auf zwei Monitoren je einen endlos „No!“ schreienden, wütend aufstampfenden Clown; eine tragikomische Gestalt zwischen Lust und Gewalt. Immer wieder hat Nauman sich in seiner Kunst dieser Figur bedient. Schon das Video „Make-Up“ von 1967/68 hatte das Thema von Maskerade und wirklichem Wesen eines Menschen in einem doppelten Clowns-Rollenspiel erzählt.
Damals knüpfte Nauman erste Kontakte mit Deutschland. Er lernte in Köln die Arbeiten der Komponisten John Cage und Karlheinz Stockhausen kennen und eröffnete seine erste Einzelausstellung auf europäischem Boden in einer Düsseldorfer Galerie: bei Konrad Fischer. Seit 1972 nahm er an „documenta“-Ausstellungen teil, und es häuften sich die Auszeichnungen: Max-Beckmann-Preis der Stadt Frankfurt (1990), Goldener Löwe der Biennale von Venedig (1999), „Praemium Imperiale“ (2004) - und jetzt der Kunstpreis der Stadt Düsseldorf.
Bruce Nauman gilt als öffentlichkeitsscheu. Dennoch wird er den Preis morgen entgegennehmen. Einige seiner Video-Installationen werden vom 9. September bis zum 14. Januar im NRW-Forum Kultur und Wirtschaft zu sehen sein - als Beitrag zum Generalthema der Quadriennale, „Körperkunst“.
So passt Bruce Nauman aus mehreren Gründen gut nach Düsseldorf; in die Stadt, die ihn nun ehrt, auch um sich selbst zu schmücken.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum







