Serie - Unsere Straße (9): Bunt und bodenständig
zuletzt aktualisiert: 06.11.2008 - 14:00Zwei Kilometer zwischen City und Stadtrand: Die Aachener Straße ist die Nord-Süd-Achse für einen ganzen Stadtteil. Kein reiches Viertel, aber eins mit Flair – und mit einer Reihe extravaganter Farbtupfer.
Karl Knopf war ein Pionier. „Als ich 1990 an die Aachener Straße kam, war hier das Ende der Welt“, erinnert sich der 46-Jährige: „Die Leute guckten ganz komisch, als wir sagten, wir gehen nach Bilk.“ Knopf verkauft, was der Hifi-Fan braucht: Boxen, Plattenspieler, Verstärker. Spitzenmodelle kosten so viel wie ein mittelgroßer Neuwagen. „Aber es gehört zur Berufsehre, auch die Einsteiger zu versorgen, die nur das Taschengeld anlegen“, sagt Knopf.
Das ist typisch Bilk. Typisch Aachener Straße. Dies ist kein reiches Viertel, aber es ist bunt. Extravagante Geschäfte setzen Farbtupfer. So wie Holger Wissmanns „Raumobjekte“. Der Schwabe verkauft selbstentworfene Möbel – auch ins Ausland. Damit ist er in guter Gesellschaft: Ringsum hat sich ein halbes Dutzend Geschäfte das schöne Wohnen auf die Fahnen geschrieben.
Die Straße habe sich entwickelt – „vom bürgerlichen Muff in die flotte Richtung“, konstatiert Karl Knopf: „Inzwischen kommen viel mehr junge Leute.“ Christiane Todt-Höhndorf stimmt zu: „Früher gab’s nur Alt-Opa-Kneipen.“ Mit ihrer „Mietbar“ trägt sie dazu bei, dass die Aachener Straße vor allem im Nordteil streckenweise geradezu Lifestyle verströmt.
Der Neuzugang „Ugly Deluxe“ bedient das Yuppie-Publikum, die 100-jährige „Geissel“ (benannt nach der ehemaligen Betreiberin Frau Geissel, also eigentlich „das Geissel“) versteht sich als Mix aus Bodenständigkeit und Innovation.
Der Bio-Supermarkt gegenüber, die Künstlerwohnungen im Hof hinter dem bunt bemalten Weltkriegsbunker, der Edelstein-Laden nebenan: Der Hauch des Alternativen weht auch durch Bilk. Mittendurch fließt unter mächtigen Platanen die Düssel. Durch das flache Wasser stakst auch schon mal ein Reiher auf Beutesuche.
Und die Veränderung geht weiter. Die Bilker Arcaden, an der Aachener Straße als „Palast der Republik“ bespöttelt, haben eine Autoschwemme verursacht. Ob sie auch mehr Laufkundschaft bringen – die Meinungen sind geteilt. Die Bahn-Unterführung sei ein Sperr-Riegel, sagt etwa Hans Schmitz von der Buchhandlung Bibabuze. Eine echte Geschäftsstraße sei die Aachener nie geworden. Dennoch: „Bilk ist der Ort, wo wir hingehören.“
Und was heißt schon „die Straße“? Eigentlich gibt es zwei Aachener Straßen. Jenseits des Südrings franst die Stadt aus. Brachflächen und Baumärkte tauchen auf. Deutlich wird dort, welche Probleme Bilk plagen. Ahmet Aydan Asik kennt eins davon aus erster Hand: Armut. Asik ist Filialleiter im „Fairhaus“, dem Second-Hand-Laden der Diakonie. Wer wenig Geld hat, bekommt dort 30 Prozent Rabatt. Zu Monatsanfang sei am meisten los, sagt Asik: „Dann haben die Leute noch Geld zum Ausgeben.“
Zwei Kilometer misst die Aachener Straße vom Bilker Bahnhof bis zum unscheinbaren Ende in einer Kurve zur Volmerswerther Straße. Ein Gang die Straße entlang ist eine Wanderung nach draußen. Häuser werden niedriger, Geschäfte spärlicher. Die Fleher Brücke rückt ins Bild. Ein bisschen Ende ist dort immer noch. Nicht mehr das Ende der Welt. Aber die Stadtgrenze ist nah. Und irgendwo dahinter – da muss Aachen sein.
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