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Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen bringt Info-Broschüre heraus: Cannabis von A-Z

VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 25.11.2004 - 07:00

Düsseldorf (dto). „Legal, illegal, scheißegal“, hieß es zum Thema Kiffen in den wilden 70ern. Hardliner brandmarkten Cannabis dagegen als gefährliche Einstiegsdroge. Von der Bagatellisierung in der Hippie-Generation ist man heute weit entfernt. Mit Titeln wie „Die bekiffte Republik“ schlagen die Medien Alarm. Sachlich will die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) nun ans Thema herangehen und hat in Düsseldorf eine neue Broschüre präsentiert, die an die Stelle von „Mythen und Fantasien“ fundierte Informationen setzen will.

Was ist Marihuana? (Antwort: die aus Blüten und Blättern gewonnene Droge) Woraus besteht Haschisch? (Antwort: aus Cannabisharz), was sind Wirkungen und Risiken von Cannabis? Wie sieht die rechtliche Situation aus? Wo gibt es Hilfe für Abhängige? Das und mehr erfahren Betroffene und Verantwortliche in der Broschüre, für die unzweifelhaft Bedarf besteht. Denn fest steht, dass Cannabis das am weitesten verbreitete illegale Rauschmittel ist, so Raphael Gaßmann, stellvertretender Geschäftsführer der DHS, und zwar europaweit. In Deutschland hat jeder vierte Erwachsene zumindest einmal gekifft, bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 42 Prozent. Nach Alkohol und Zigaretten liegen Marihuana und Gras damit auf Platz drei der Drogen-Hitliste.

Von der in den Medien postulierten „Cannabis-Welle“, die gegenwärtig übers Land schwappe, will Gaßmann jedoch nichts wissen. Die Popularität der einstigen Hippie-Droge hat sich ungeachtet der jeweiligen Drogengesetze kontinuierlich seit den 80er Jahren gesteigert, langsam auch das Bewusstsein der Gefahren für Dauernutzer. „Zehn Prozent der 15- bis 16-Jährigen kiffen häufig und zwar bis zu 20 Gramm am Tag“, weiß Psychologe Peter Tossmann, der maßgeblich an der Broschüre mitgearbeitet hat. 20 Gramm – das sind mehr als nur bedenkliche 20 Riesenjoints.

Horror-Trip statt Entspannung

Wer als Jugendlicher so viel „Stoff“ braucht, hat eindeutig ein Problem. „Gehirn und Psyche befinden sich während der Pubertät in einer empfindlichen Entwicklungsphase, die durch übermäßigen Cannabis-Konsum beeinträchtigt werden kann“, erklärt Thomas Redecker, Direktor einer Suchtklinik in Oerlinghausen. Die angestrebte relaxende Wirkung – ausgelöst durch den Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) - kann sich bei labilen Konsumenten auch mal in einen tagelangen Horror-Trip verwandeln. „Es gibt keine Droge light“, so Redeckers Schlussfolgerung.

Wer von Joints & Co. die Finger lassen will, muss mit Entzugserscheinungen wie Unruhe und Schlafstörungen rechnen und braucht Hilfe. 1982 sorgte die Einrichtung der ersten Suchtstelle für Cannabis-Abhängige in Berlin noch für Gelächter, heute sind sich Suchtexperten einig, dass Prävention und eine spezielle Cannabistherapie unabdingbar sind. Dennoch finden wenige der Dauer-Kiffer den Weg in die fachliche Beratung: Geschätzte 15.190 Personen befanden sich 2003 in suchttherapeutischer Betreuung, das entspricht einem Prozent aller 12- bis 25-Jährigen. Bei 57,6 Prozent von ihnen lautete die Diagnose „Abhängigkeit“.

„Das Problem ist, dass die meisten nicht von alleine zu uns kommen“, meint Frauke Ullrich von der Düsseldorfer Fachstelle für Suchtvorbeugung, die zusammen mit nur einer Kollegin für 156 Schulen in der Landeshauptstadt zuständig ist und Pädagogen über Risiken des Cannabisrausches aufklärt. Oft verdonnert die Gerichtshilfe die jugendlichen Kiffer zur Drogenberatung oder verängstigte Eltern bringen ihren Nachwuchs zu den Beratern. „Außerdem fehlen noch spezielle Therapieangebote, unsere Klienten haben mit erwachsenen Heroinsüchtigen wenig gemein“, ergänzt Kollegin Renate Schötz.

Und Aufklärung ist immer noch eine schwierige Angelegenheit. Obwohl ein gelegentlicher Joint für Jugendliche nicht gefährlicher und exotischer ist als Alkoholgenuss, bleibt die Droge aufgrund ihres gesetzlichen Verbots weiterhin ein Tabuthema. „Nicht alle Lehrer zeigen sich gesprächsbereit“, bedauert Joachim Alxnat von der Düsseldorfer Drogenhilfe. Da sei es manchmal einfacher, über Heroinsucht zu sprechen, schließlich bleibe die für die meisten Schüler abstrakte Theorie.

Die Zahlen der Düsseldorfer Polizei sprechen gegen eine solche Verdrängung von Tatsachen. Bei 419 Drogenkontrollen im Straßenverkehr konnten die Beamten im Jahr 2003 in immerhin 40 Prozent der Fälle Cannabis-Konsum nachweisen. Was die Erwischten nicht immer schrecken kann. Als die Beamten Ende September einen 22-jährigen Mofafahrer wegen Geschwindigkeitsüberschreitung anhielten, entdeckten sie geringe Mengen Marihuana bei ihm. Das forderte der Ertappte prompt zurück, um sich gegen den "Stress einen rauchen" zu können.

Info:
Die Broschüre ist kostenfrei über die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen, Postfach 1369, 59003 Hamm, erhältlich. (Rückumschlag Büchersendung 0,77 Euro beifügen)


 
 
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