Anna in Tschechows "Iwanow": Christiane Paul auf der Bühne
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 21.02.2008 - 08:33Düsseldorf (RPO). Nach Film- und Fernsehrollen, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde, sucht Christiane Paul jetzt eine neue Herausforderung: Am Düsseldorfer Schauspielhaus spielt sie die Anna in Tschechows „Iwanow“. Ein Porträt.
Düsseldorf Sie hat diese Verletzlichkeit im Blick - eine Zartheit, ohne jede Spur von Schwäche. Wie Christiane Paul etwa in Fatih Akins Film „Im Juli“ am Bosporus steht, erschöpft von einer langen Reise, sehnsüchtig wegen einer unerfüllten Liebe. Lange ist sie von hinten zu sehen, ihre zu Zöpfchen geflochtenen Haare, das schmutzige T-Shirt. Doch dann dreht sie den Kopf, und die Kamera blickt in Augen, so hell und klar und frisch wie Gletscherseen, und auf einen Mund so sanft und sinnlich mit seinen weit geschwungenen Lippen. Die ganze Geschichte dieses langen Liebes-Schicksals-Roadmovies spiegelt sich da in ihrem Gesicht. Schauspieler, die diese Kunst beherrschen, vergisst man nicht.
Christiane Paul (34) hat ihre Erfolge jedoch lange für Glückstreffer gehalten. Skeptisch war sie in der Beurteilung des eigenen Talents. Vielleicht begann ihre Karriere zu märchenhaft. Als 15-Jährige schickte sie ihre Fotos zu einem Modellwettbewerb. Das war kurz nach der Wende. Sie war in Ost-Berlin aufgewachsen und hatte Sehnsucht nach „ein bisschen Glamourwelt“. Doch dann wurden ihre Fotos nicht nur in die Datei einer Modellagentur aufgenommen, dort entdeckte sie der Regisseur Nikolaus Schilling und gab ihr die Hauptrolle in seinem Film „Deutschfieber“. 1991 war das.
Ein Jahr später spielte sie an der Seite von Götz George, dann wählte Wolfgang Becker sie für sein Sozialdrama „Das Leben ist eine Baustelle“, und schon fand sie sich bei der Berlinale wieder. Das kann man alles für Glück halten, für Zufallstreffer einer Anfängerin. Die Filmkritiker sahen es anders, lobten ihr Spiel. Und viele schrieben auch über diese gletscherwasserblauen „Saugnapf-Augen“.
Vielleicht sah Christiane Paul dem eigenen Aufstieg aber auch deshalb staunend zu, weil sie alles nebenher machte. Eigentlich studierte sie in jenen Jahren an der Berliner Humboldt-Universität Medizin. Ernsthaft. Sie stammt aus einer Ärztefamilie, hatte Interesse am Fach. 1999 schloss sie das Studium ab, 2002 folgte die Promotion. Christiane Paul ist kein Typ für halbe Sachen, das merkt gleich, wer mit ihr spricht. Sie redet schnell, aber deutlich, lässt Sätze nie ohne Abschluss in der Luft baumeln. Wahrscheinlich denkt sie einfach nur schneller als andere. „Kann sein“, sagt Christiane Paul, „schneller heißt ja noch nicht besser.“ Jedenfalls war sie eine sehr gute Schülerin, machte ihr Abi mit 1,2 und erinnert sich an ihre Rollen mit Sätzen wie: „Ja, das war, als ich grad Physikum gemacht habe.“ Doch inzwischen ist es vorbei mit der Medizin. So konsequent, wie sie jahrelang beides gemacht hat, so eindeutig hat sie sich vor vier Jahren für die Kunst entschieden. Endgültig.
Gerade hat sie das erste Mal mit Hollywood-Größen wie Willem Dafoe vor der Kamera gestanden. „Eine bereichernde Erfahrung“, sagt sie. Und dass Hollywood ein Traumziel sei, dass sie aber in Deutschland vorankommen wolle. Dazu wechselt sie jetzt auf die Bühne. Am Samstag spielt sie am Düsseldorfer Schauspielhaus die Anna in Tschechows „Iwanow“. Es ist ihre zweite Bühnenrolle. Und eine Herausforderung, sagt Christiane Paul. Gewonnen hat sie für diese Rolle die Intendantin des Schauspielhauses, Amélie Niermeyer. Vor ein paar Jahren lernten die beiden sich bei einem deutschen Filmfest in Los Angeles kennen. Paul erzählte, dass sie gern wieder Theater machen würde, Niermeyer nahm sie beim Wort.
Dabei hätte der Zeitpunkt kaum schlechter sein können. Vor vier Monaten hat Paul ihr zweites Kind bekommen, nach Tochter Mascha, die schon fünf ist, nun Sohn Maximilian. Verheiratet ist sie mit dem Chirurgen Wolfgang Schwenk, den sie an der Charité kennen lernte. Ihren kleinen Sohn hat sie nun einfach mitgebracht nach Düsseldorf. Während der Proben wird er von einer Kinderfrau betreut. Die Tochter ist daheim in Berlin beim Vati. „Das geht natürlich nur, weil mein Mann das alles mitmacht“, sagt Paul.
Erfolgreiche Karriere, bewegtes Schauspielerleben - warum sie sich trotzdem für Kinder entschieden hat, auf diese Frage will Christiane Paul nicht zu schnell antworten. Sie schweigt, richtet ihre großen Augen gen Nirgendwo, dann sagt sie: „Weil ich etwas weitergeben möchte - und weil Kinder Liebe sind.“ Klingt verletzlich. Und stark.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





