Boden-Collage von Martin Kippenberger: Dancefloor aus über 1.300 Fotos
VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 31.01.2005 - 08:13Düsseldorf (dto). Wild und anarchisch ging es in den 70er Jahren in einer Altbauwohnung in Kreuzberg zu. Künstler, Musiker, Literaten und Models trafen sich im Atelier der Modemacherin Claudia Skoda, feierten Partys oder Modenschauen. Auf Einladung der Modeschöpferin mit dabei: der 23-jährige Martin Kippenberger. 1976 kreierte er in der WG eine vier mal 12 Meter große Bodencollage aus 1.300 Fotos, die das Leben der Berliner Bohème und seine Geburtsstunde als Künstler dokumentieren. Das NRW Forum stellt das lange unter Sperrholz verschwundene Werk ab dem 29. Januar erstmalig aus.
Vor zwei Jahren entdeckten die Berliner Galeristen Annette und Rudolf Kicken die riesige innerhalb einer Woche entstandene Fotocollage kurz vor dem Abriss des Gebäudes. Das Berliner Museum „Hamburger Bahnhof“ säuberte die Oberfläche der noch erhaltenen 1.084 Silbergelatineabzüge vom Schmutz der Jahrzehnte. Mit Unterstützung des NRW-Forums und der Modemesse CPD wurde die Collage restauriert und auf Aluminiumplatten aufgezogen.
Die Fülle der über 1.000 Fotos ist überwältigend. Teilweise „verwackelte“ Aufnahmen erwecken den Eindruck eines Amateurfilms, in dem der Alltag einer Künstler-WG wie in einem Tagebuch geschildert wird. Kippenberger führt den Betrachter in die Stadt, ins Café Einstein oder Schloss Charlottenburg, fotografiert Skizzen und Entwürfe für Claudia Skodas Strickkleider oder prominente Besucher wie die Filmemacherin Ulrike Ottinger.
Auf eine Hierarchie der Motive verzichtet er. Alle Fotos sind gleich groß (21 x 15 Zentimeter), Beiläufiges und Bedeutsames seriell aneinander geklebt. Auch künstlerisches Pathos sucht man vergeblich. Man sieht noch nicht verklebte Fotos, Pinsel oder Farbeimer, der Arbeitsprozess wird Teil der Collage.
Oft genug erscheinen die Fotografien wie eine Vorarbeit zu den Ende der 70er Jahre in Florenz entstandenen Ölgemälden, mit denen Kippenberger als Maler bekannt wurde. So vielseitig wie sein Leben - Kippenberger gründete eine Punk-Band, war Chef des legendären Clubs S.O. 36 - war auch das Werk des 1997 verstorbenen Künstlers. Er schuf Skulpturen, Installationen, Kataloge und Plakate, allesamt gekennzeichnet durch gezielte Stilbrüche, als Treffen von High und Low.
In Zusammenarbeit mit Claudia Skoda und der Galerie Kicken Berlin zeigt das NRW-Forum zeigt die restaurierte Fußboden-Collage und, neben weiteren Originalfotos von Martin Kippenberger auch die Fotokopien, die er von den verwendeten Bildern anfertigte, sowie Original-Dias, auf denen Kippenberger die Entstehung der Collage und die für ihn wichtigen Motive festhielt.
Martin Kippenberger: Eine Boden-Collage für Claudia Skoda
NRW-Forum Kultur und Wirtschaft, Galerieausstellung im Obergeschoss
29. Januar bis 13. Februar 2005
Eintritt Euro 2,50
Öffnungszeiten Di-So 11-20 Uhr, Fr bis 24 Uhr
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