Schwerer Unfall bei "Wetten dass..?": Das Fernsehen liebt das Risiko
VON R. KURLEMANN UND P. STEMPEL - zuletzt aktualisiert: 05.12.2010 - 17:20Nach dem schweren Unfall in der "Wetten-dass"-Ausgabe vom Samstag gerät das ZDF unter Druck. Ließ sich der Sender auf eine gefährliche Wette ein, weil das Format "Wetten dass..?" unter Druck steht? Fest steht: Die Risikobereitschaft im Fernsehen ist in den vergangenen Jahren gestiegen.
Es ist der erste schwere Unfall bei "Wetten dass..?". Jedes Jahr zeigt uns Thomas Gottschalk 50 Menschen, die besondere Dinge für die Samstagabendshow eingeübt haben. Bisher ging in der Sendung immer alles glatt. Ein paar Blessuren, ein gebrochenes Bein, doch die Wettkandidaten gingen immer als Gewinner nach Hause.
Das war nun nicht der Fall. Samuel Koch trat mit einer riskanten Wette an und liegt nun im Uniklinikum Düsseldorf. Ob er wieder vollständig gesund wird, ist derzeit nicht abzusehen. Auch deshalb muss sich Thomas Gottschalk nun fragen lassen, ob alles für die Sicherheit der Wettkandidaten getan wurde. Der harte Studioboden ist für einen Sturz ein schlechter Untergrund, andererseits lassen sich für diese Form der Wette keine Gummimatten als Aufprallschutz verlegen. Das ZDF wird etwas über die Versicherung der Kandidaten sagen müssen: Wer zahlt für die Folgen eines Unfalls? Niemand weiß, wie viele Unfälle es bei der Vorbereitung auf die Sendung gibt, wenn die Kandidaten noch zuhause üben.
Noch ein weiterer Vorwurf steht im Raum: Ließ sich das ZDF auf eine riskante Wette ein, weil das Format "Wetten dass..?" unter Druck steht? Immer wieder hatten die Sendung der vergangenen Monate schlechte Kritiken bekommen. Die RTL-Suche nach dem "Supertalent" erreichte in den vergangenen Wochen ein Millionenpublikum. Quotendruck und Konkurrenzkampf spielen auch in den ersten Aussagen des sichtlich betroffenen Thomas Gottschalk nach Abbruch der Show eine Rolle: "Es ist deswegen so furchtbar, weil wir in einer Konkurrenzsituation sind", soll der Moderator nach Informationen von "Spiegel Online" am späten Abend in einer Besprechung mit den Mitarbeitern gesagt haben. Dabei habe er gedacht, er habe für die Sendung "genau das Paket, um gut auszusehen".
Gefahr gehört immer häufiger dazu
Spektakuläre Aktionen gibt es im Fernsehen immer häufiger. Solche Sendeformate sind Quotenbringer. In den Casting-Folgen für das "Supertalent" stürzte sich ein Kandidat von einem zehn Meter hohen Turm in ein 30 Zentimeter tiefes Wasserbassin. Auch Stefan Raab macht den Nervenkitzel zum gezielten Schwerpunkt seiner Sendung: Autorennen, Wok-Fahren in der Bobbahn und Turmspringen - weitgehend ungeübte Stars versuchen sich in technisch anspruchsvollen Disziplinen, die nicht gerade ungefährlich sind.
Bei Raab war es der Showmaster selbst, der sich schwer verletzte. In der Sendung "Schlag den Raab" hatte der Entertainer einen Unfall mit einem Mountainbike. Er machte weiter, obwohl sich später herausstellte, dass Raab eine Gehirnerschütterung erlitten hatte. Millionen Zuschauer im Fernsehen konnten mit anschauen, dass Raab ein paar Minuten nicht mehr Herr seiner Sinne war. Damals wurde die Sendung nicht abgebrochen.
Uns Zuschauern gefällt das, weil wir Menschen bewundern, die besondere Sachen können. Wir suchen den Nervenkitzel, der in unserem Alltag so selten geworden ist. Und daran ist nichts auszusetzen. Am Ende jeder Sendung von "Wetten dass..?", zeigt das Publikum, was ihm besonders gefallen hat. Spektakuläre oder besonders lustige Wetten stellen häufiger den Wettkönig als Gedächtniskünstler.
Ein Rest-Risiko bleibt immer
"Das Fernsehen braucht das Spektakuläre", sagt auch der Medienexperte Jo Groebel. Mit dem Vorwurf, das ZDF habe fahrlässig gehandelt, wäre er sehr vorsichtig. Es sei auch immer die Frage, wieviel Eigenverantwortung ein Kandidat trage und wieviel Verantwortung ihm abgenommen werden müsse. Gefährliche Wetten habe es auch schon früher gegeben. Darauf hatte auch schon Gottschalk am Samstagabend im ZDF-"heute-journal" hingewiesen. Er erinnere sich an junge Leute, die Hauswände hochgeklettert seien und an einen jungen Mann, der mit Skateboards über ein Haus gesprungen sei, so Gottschalk.
Gottschalk machte auch keinen Hehl daraus, dass ihm der Unfall selbst an die Nieren ging. "Man macht sich natürlich auch Vorwürfe. Hätte man als Moderator dem Samuel abraten sollen?" Gleichzeitig verwies er auf das beim Kandidaten liegende Restrisiko: "Er war natürlich auch ganz sicher, dass er das, was er uns anbietet, kann." Vorwürfe, das ZDF hätte versäumt, den Kandidaten vor sich selbst zu schützen, weist Gottschalk zurück. Wenn bei uns der Eindruck entstanden wäre, er hätte sich mit seinem Wettangebot übernommen, hätten wir ihn vor sich selbst geschützt - wie wir das schon früher bei anderen Kandidaten getan haben", sagt Gottschalk der Süddeutschen Zeitung. Demnach musste der Sender Samuel überreden, bei der Wette einen Helm zu tragen.
Programmdirektor kündigt Konsequenzen an
ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut erklärte, ein Sicherheits-Ingenieur sei bei jeder Sendung dabei. "Auch diesmal gab es in den Proben nach meinen Informationen keine Hinweise, die Wette sei nicht machbar oder zu gefährlich", betonte er. Bellut kündigte eine genaue Untersuchung an. Es sei klar, "dass wir bei 'Wetten, dass…' nicht einfach zur Tagesordnung übergehen". "Unsere Gedanken sind in diesen Stunden bei dem Wettkandidaten Samuel. Wir hoffen auf seine vollständige Genesung", sagte er.
In der Verantwortung stehen am Ende beide: der Veranstalter - in diesem Fall das ZDF - und der Einzelne selber. Jeder muss selber entscheiden, wie viel Gefahr er in Kauf nehmen will. Ein Skispringer rast völlig ungeschützt von einer Schanze und fliegt 150 Meter weit. Er kann das, weil er die Technik beherrscht und er weiß, was er tut. Sechsjährige Kinder fahren Kart-Rennen und eifern Michael Schumacher und Sebastian Vettel nach. Sie schützen sich so gut sie können, aber eine absolute Sicherheit gibt es nicht.
Die Sucht nach Rekorden funktioniert auch anders
Doch neben dem Einzelnen steht auch der Sender unter Rechtfertigungsdruck. Dass der Kandidat in einem Interview noch kurz vor der Live-Sendung von zwei Stürzen berichtete, wirft kein gutes Licht auf den Sender. In internen Dokumenten des Senders soll dokumentiert sein, dass Kandidat Samuel die Wette durchaus als gefährlich einschätzte. Das ZDF verwies darauf, die Wette sei mehrfach getestet und geprobt worden. Alle Wetten würden von Redaktion, Produktion und einem Sicherheitsingenieur des ZDF erst nach intensiver Begutachtung freigegeben. "Das ZDF wird den Ablauf und die Ursachen des Unfalls gleichwohl in allen Details noch einmal überprüfen und wird aus dem Ergebnis Konsequenzen bei der Auswahl von Wetten ziehen", so ZDF-Sprecher Alexander Stock auf der Webseite des Senders. Auch der Programmdirektor Thomas Bellut äußerte sich so.
Die Frage nach den nötigen Konsequenzen warf am Sonntag als einer der ersten auch der Vorsitzende des ZDF-Verwaltungsrates auf, der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD). Nach dem Unfall stellten sich Fragen, denen das ZDF als öffentlich-rechtlicher Sender nicht ausweichen dürfe. "Man muss jetzt aufklären, wie es zu dem schlimmen Unfall gekommen ist", sagte Beck. "Natürlich müssen wir über die Themen sprechen: Wann werden die Grenzen des Verantwortbaren überschritten? Wie viel Risiko darf man eingehen? Und natürlich müssen wir auch über die Themen Nervenkitzel, Waghalsigkeit und Quote reden", sagte Beck der Zeitung "Die Welt".
Das Guiness-Buch der Rekorde hat die Frage nach den Quoten übrigens bereits vor Jahren gelöst. Gesundheitsgefährdende oder ethische bedenkliche Rekordversuche werden dort nicht mehr zugelassen. Das Buch ist dadurch weder langweiliger geworden, noch verkauft es sich schlechter.
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