Düsseldorf: Der Auftritt der Henkel-Erbin
VON HANS ONKELBACH - zuletzt aktualisiert: 19.09.2008Düsseldorf (RPO). Simone Bagel-Trah referierte über Reinlichkeit, Wäsche und den Sinn und Unsinn hygienischer Maßnahmen. Zwei Punkte qualifizieren sie für das Thema: Sie ist Mikrobiologin und designierte Vorsitzende des Henkel-Aufsichtsrates. Reklame für Persil machte sie dennoch nicht.
Seien wir mal ehrlich: Da referiert eine Frau mit Namen Simone Bagel-Trah über den Sinn und Unsinn hygienischer Maßnahmen und man weiß von ihr, dass sie ein Spross des weltberühmten Henkel-Konzerns ist, gar zur Familie gehört. Erster Gedanke: Alles klar – natürlich wird sie das hohe Lied auf alles singen, was grobem oder hochfeinem Dreck den Garaus macht und von Henkel seit zig Jahren verkauft wird. Das erwarteten bestimmt viele. War aber ein Irrtum.
Denn Simone Bagel-Trah ist zu klug, um so etwas zu tun. Wobei: Wirklich schlimm wäre es auch nicht gewesen, denn in Düsseldorf Werbung für Persil zu machen, gilt als lässliche Sünde. Zumal das Produkt eh keine Reklame braucht, egal ob Pulver oder Mega-Perls.
Die Lib’ellen
Die Gruppe besteht aus Frauen, die von sich sagen, sie stehen der FDP nahe - sie sind aber nicht unbedingt alle Mitglieder. Im Vorstand jedoch ist Marie-Agnes Strack-Zimmermann (1. Bürgermeisterin und FDP-Fraktions-Chefin). Vorsitzende ist Suzanne Oetker, die auch im Vorstand der Bürgerstiftung arbeitet.
Aber zuerst etwas zur Referentin. Simone Bagel-Trah ist 38, verheiratet, hat zwei Kinder. Bis vor zwei Jahren kannte sie in Düsseldorf kaum einer. In der großen und weitverzweigten Henkel-Sippe war das genau umgekehrt. Die Nachfahrin des Firmengründers ist offenbar häufig aufgefallen, und zwar positiv. Wie genau man im Clan nun den innerfamiliären Führungs-Nachwuchs kürt, dringt nicht nach außen.
Fest steht aber: Vor nicht allzu langer Zeit präsentierte man Bagel-Trah als designierte Nachfolgerin von Albrecht Woeste. Der ist derzeit Vorsitzender des Aufsichtsrates und des Gesellschafterausschusses und will demnächst kürzer treten. Simone Bagel-Trah soll ihn dann in diesen Ämtern beerben – womit sie eine einzigartige Machtposition hätte. Nicht nur im Konzern. Wann der Wechsel genau stattfinden wird, ist noch offen. Woeste wird es wissen, seine Nachfolgerin auch – aber beide schweigen dazu.
Dennoch hat diese Perspektive sicher dazu beigetragen, dass die Mikrobiologin (mit Doktortitel) und geschäftsführende Gesellschafterin der Firma "Antiinfectives Intelligence GmbH" jetzt umso lieber zum Vortrag eingeladen wurde. Titel: "Keep clean - sauber oder nicht sauber, das ist hier die Frage. Vom Sinn und Unsinn hygienischer Maßnahmen". Einlader waren die "Lib’ellen", die sich auch "Liberales Forum für Frauen" nennen.
Sauberkeit nur weiblich?
Denen gelingt es mehrmals im Jahr, spannende Referenten zu holen – und darum saßen auch jetzt rund 200 Frauen in einem Saal des Stadtmuseums. Außerdem, das wurde in der Fragerunde nach dem Referat klar, scheint Sauberkeit immer noch ein weibliches Thema zu sein. Auch bei diesen durchweg bildungsnahen Zuhörerinnen, denen Begriffe wie Resistenz, Virulenz und Noro-Virus flott über die dezent geschminkten Lippen gehen.
Eindeutig – das Auditorium spaltete sich in zwei Fraktionen. Hier die Anhänger der reinen Lehre rund um die Allzweckwaffe im Kampf gegen alles, was man fies findet – Sagrotan. Dort die anderen, lässiger drauf und in dem Bewusstsein aufgezogen, dass Dreck den Magen reinigt, so schlecht demnach nicht sein kann.
Beide Gruppen jedoch höchst interessiert an allem, was zwischen ultra-rein und eher schmuddelig so alles unterwegs ist und trotz Mikro-Dimension beachtet, manche sagen: weggeputzt werden muss. Die Referentin, die in ihrem Vortrag den schwierigen Spagat zwischen wissenschaftlich-seriös und populär sauber hin bekam, beantwortete alle Fragen von empfehlenswerter Waschtemperatur bis Viren-Lebenserwartung mit einer engelsgleichen Geduld.
Und sie war auch souverän genug, manchmal offen zu passen – zum Beispiel bei der Frage, ob sie nicht auch glaube, dass der nach NRW importierte Müll aus Neapel sicher schmutziger sei als der hiesige. Selbst bei dieser kühnen Unterstellung zog sie nicht einmal die Augenbraue hoch.
Lupenrein rüber kam , dass sie als Mutter die lebensnahen Grenzen allzu pingelig gesehener Sauberkeit sehr genau kennt. Ihr Credo: Nichts übertreiben, aber immer dann, wenn es um Kranke und Geschwächte geht, ist Reinlichkeit kein Thema, dass man in Frage stellen sollte.
Darauf konnten sich alle einigen – mit und ohne Sagrotan. Ansteckend übrigens die glasklare Begeisterung: Am Ende gab’s viel Beifall für die Referentin – für den Vortrag über Hygiene, der ein reines Vergnügen war.
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