Es bleibt eine Lücke: Der Mann, der Düsseldorf prägte
VON HANS ONKELBACH - zuletzt aktualisiert: 21.05.2008 - 08:25Düsseldorf (RPO). Was bleibt, ist Ruhm - und eine große Lücke. Ein Macher ging von Bord - kaum einer hat der Stadt seinen Stempel aufgedrückt wie er. Mit Gespür setzte er auf die Themen, die er für wichtig hielt: Straßen haben in Ordnung, Schulen sauber zu sein. Kultur und Wohnumfeld erkannte er als Standortfaktoren für die boomende Landeshauptstadt.
Es hat im Leben des Joachim Erwin sicher viele entscheidende, wegweisende, nicht zu vergessende Tage gegeben - privat wie auch politisch und beruflich. Aber der Herbst des Jahres 1999 gehörte zur wichtigsten Zeit für diesen Mann, der aus dem thüringischen Stadtroda nach Düsseldorf kam und hier am Rhein seine ganz besondere Heimat fand.
Ganz besonders, weil die Beziehung eines Menschen zu seiner Heimat meist so ist, dass sie ihn sehr prägt, umgekehrt der Einfluss aber eher gering ist. Bei Erwin war das anders. Ob er der Mensch ist, der dem Düsseldorf der Nachkriegszeit am stärksten seinen Stempel aufgedrückt hat, müssen später die Historiker entscheiden. Ganz gewiss zählt er aber zu den an den Fingern einer Hand abzuzählenden Persönlichkeiten, deren Einfluss auf Düsseldorf groß, bleibend, geplant und vielseitig war.
Erwin hat auch vor 1999 viele Jahre politisch gearbeitet: Junge Union, Arbeit in den politischen Gremien des Rathauses, im Rat selbst, schließlich eine kurze Episode im Landtag, dann wieder die Kommunalpolitik und dort als einer der führenden Köpfe der CDU.
Aber erst 1999 kam der alles ändernde Tag. Die Kommunalwahl nämlich, als Kanzler Gerhard Schröder in Berlin mit seiner rot-grünen Koalition einen sehr schlechten Lauf hatte, die Menschen im ganzen Land enttäuscht waren und dringend eine Möglichkeit suchten, es der SPD und den Grünen heimzuzahlen. Was folgte, war ein historisches Ereignis. Reihenweise kippten die roten Rathäuser im Revier, bislang völlig unbekannte Unionspolitiker wurden nach oben gespült, die politische Landschaft veränderte sich wie nach einem Erdrutsch. Und auch in Düsseldorf gingen die Uhren plötzlich anders: Die sieggewohnte SPD, mit ihrer populären Oberbürgermeisterin Marlies Smeets optimistisch in den Kampf gezogen, verlor die Wahl - und Joachim Erwin wurde neuer Oberbürgermeister der Landeshauptstadt.
Er wurde aber nicht nur Repräsentant der Stadt. Durch die Änderung der Gemeindeordnung hatten die Rathaus-Chefs plötzlich eine Machtposition, die es vorher in NRW so nicht gegeben hatte. Sie waren Vorsitzender des Rates und Chef der Verwaltung zugleich, gleichsam Manager und Gesichter ihrer Kommunen.
Keiner hat so schnell die Möglichkeiten dieses Konstrukts erkannt und genutzt wie Joachim Erwin. Innerhalb kürzester Zeit schneiderte er sich das Rathaus so zu, wie es ihm, dem schnellen Macher und Machtbewussten am besten und effizientesten zu sein schien. Als die politischen Gegner noch die Wunden der verlorenen Schlacht leckten, hatte Erwin sich längst in der Schaltzentrale des Düsseldorfer Rathauses eingerichtet und ließ keinen Zweifel daran, wer dort das Sagen hatte. Viele Freunde hat er sich damit nicht gemacht, und selbst Parteigefährten registrierten bald, täglich vermehre er die Zahl seiner Gegner.
Erwin jedoch war es gleichgültig, denn eindeutig brachten ihm die Leute eines entgegen: Respekt. Und wenn ihn schon damals einige fürchteten, so hat ihn das ebenfalls nicht gestört. Im Gegenteil.
Jedenfalls fuhr Erwin in die verkrustete Verwaltung wie ein Sturm durch den alten Wald, verlangte Leistung, Kundenorientierung, Schnelligkeit und Flexibilität. Beamtenmentalität der trägen Art brachte ihn in Rage, er verlangte ein Arbeitsleben im von ihm vorgebenen Takt. Und der war hoch. Immer, vor allem für sich selbst.
Was folgte, waren Jahre des Booms für Düsseldorf - die Stadt wurde zur Insel des Wachstums in einer eher dümpelnden Wirtschaftslandschaft. Sie glänzte mit hervorragenden Finanzen, florierenden Firmen, einem immer schöner werdenden Stadtbild. Dass Erwin dies nicht alles selbst auf den Weg brachte, sondern auch Glück hatte, von einem guten Wirtschaftsmix profitierte und von seinen Vorgängern gute Vorarbeit übernommen hatte, geriet schnell in Vergessenheit. Erwin war klug genug, nicht darüber zu sprechen.
Tatsache ist aber, dass er die ohnehin gute Entwicklung beschleunigte, das Umfeld für Investoren verbesserte, durch die Welt reiste, Unternehmen ansprach und anlockte, die Stadt anpries, Projekte erdachte (oder erdenken ließ), sie auf den Weg brachte, zumindest publizierte und Düsseldorf als Marke aufpolierte, installierte, globalisierte. Natürlich hatte er Rückschläge hinzunehmen: Die Olympia-Bewerbung (von Erwin angestoßen) scheiterte im innerdeutschen Interessengerangel, das Leipzig nach oben spülte und einen grandiosen Flop erlebte. Trotz des neuen Stadions ging die Fußball-WM an der Stadt vorbei, und einige von Erwin als grandios gepriesene Bauprojekte, vor allem im Hafen, kamen nicht oder spät. Aber dafür funktionierte anderes. Die Arena kostet zwar Geld, bringt aber Renommee. Der ISS-Dome sorgt für Gänsehaut beim Sport, Zigtausende strömen zu Mode- und anderen Events in die Stadt, neue Wohn-und Ausbildungsprojekte locken Familien.
Erwin erkannte früh, dass ein Boom Menschen braucht, die ihn am Leben halten. Also ließ er aus der prall gefüllten Stadtkasse pro Jahr rund 30 Millionen in die Schulsanierung fließen, trieb Neubaugebiete an, kümmerte sich um „Wohnumfeldverbesserung“. Er hatte ein Gespür dafür, was Menschen aufregt und was sie freut: Straßen haben in Ordnung, Schulen sauber, die Straßen gepflegt und sicher zu sein. Erwin rüstete den städtischen Ordnungsdienst auf, ließ Zweite-Reihe- und andere Falschparker bekämpfen, schickte seine Beamten mit Polizisten auf Streife, um möglichen Missetätern frühzeitig auf die Finger zu schauen. Notfalls auch zu klopfen.
Wohl wissend, dass Kultur ein Standortfaktor ist, investierte er auch dort. Nicht nur die von ihm auf den Weg gebrachte Quadriennale erlangte internationale Aufmerksamkeit - eine Werbung, die er stets kühl volkswirtschaftlich berechnete, weil ihm klar war, wie wertvoll solche Botschaften sind.
Was er tat, tat er öffentlich - wenn es ihm nützlich erschien. Denn der Mann hatte ein angeborenes Gespür für Medien. Sehr genau wusste er, dass es wenig Sinn machte, Erfolg zu haben, wenn man ihn nicht auch zur Schau stellte. Also sorgte er für entsprechende Eigen-PR - und war schnell so bekannt wie kaum ein anderer Inhaber des Amtes vor ihm. Nicht nur in der Stadt, auch bundesweit. Vor allem, als er im September 2007 sämtliche Schulden der Stadt tilgte: eine schuldenfreie Kommune - in Deutschland eine Sensation.
Erwin wusste aber auch mit anderen Nachrichten offen umzugehen. Als er 2003 an Darmkrebs erkrankte, versuchte er keineswegs, daraus ein Geheimnis zu machen, sondern ging offen damit um.
Nun lernte man einen anderen Erwin kennen - nachdenklich, weich, andere Akzente setzend. Aber die Krankheit hinderte ihn nur sehr kurz daran, seinen Job kürzer zu fahren. Schon bald war er wieder im alten Trott, obwohl von der Krankheit gezeichnet. Über die Jahre hatte er sie offensichtlich im Griff, ließ sich von ihr nicht seinen Rhythmus bestimmen. Bis zuletzt arbeitete und reiste er, oft zur grenzenlosen Verwunderung selbst seines Umfelds und aller Mediziner. Noch vor wenigen Tagen reiste er nach China, führte Gespräche, gönnte sich keine Ruhe. Möglicherweise hat er sich damit übernommen: Ein Infekt zwang ihn ins Krankenhaus, die Ärzte rieten dringend, sich zu schonen. Aber er machte schon wieder Pläne für die nächsten Tage.
Dann jedoch musste er sich geschlagen geben, am Ende besiegte ihn der Krebs. Joachim Erwin ist in der Nacht zu gestern gestorben.
Er wurde 58 Jahre alt.
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