Düsseldorfer Duo: Die Band Neu! wird wiederentdeckt
VON PHILIPP HOLSTEIN - zuletzt aktualisiert: 09.06.2009 - 09:15Düsseldorf (RPO). Auf einer neuen CD huldigen die Gruppen Oasis, Sonic Youth und Kasabian dem Duo aus Düsseldorf, das in den 1970er Jahren wegweisende Platten veröffentlichte. Klaus Dinger und Michael Rother gründeten Neu!, nachdem sie bei Kraftwerk ausgestiegen sind.
Wie faszinierend die Musik dieser Band ist, wussten bislang allzu wenige Menschen, und deshalb ist es gut, dass eine CD erscheint, die viele für das Duo Neu! begeistern dürfte.
Auf dem Sampler "Brand Neu!" verneigen sich nun Gruppen wie Oasis, Sonic Youth, Primal Scream und LCD Soundsystem musikalisch vor den Düsseldorfer Avantgarde-Musikern, die zu Beginn der 1970er Jahre drei Alben veröffentlichten.
Radikale Künstler
Neu! wurde 1971 von Schlagzeuger Klaus Dinger und Gitarrist Michael Rother gegründet. Beide gehörten zur Übergangsbesetzung der Gruppe Kraftwerk, als sich Gründungsmitglied Ralf Hütter eine Auszeit nahm, um sein Studium in Krefeld abzuschließen.
Dinger trommelte auf dem ersten Album der Band von 1971, er trieb den damals noch rockigen Sound von Kraftwerk, der weit entfernt war vom späteren rein elektronischen Trademark-Klang, nach vorne. Man spürte, dass da ein radikaler Künstler musizierte. Rother trat mit Dinger und dem anderen Kraftwerk-Gründer, Florian Schneider, in der Fernsehsendung "Beat-Club" auf, ein legendärer Fernsehmoment, und legte seine hypnotischen Gitarrenschlingen in dem Stück "Rückstoßgondoliere" aus.
Dinger und Rother verließen Kraftwerk bald, sie wollten etwas eigenes machen und spielten 1972 das erste Neu!-Album ein. Es wird eröffnet vom Stück "Hallogallo", dem besten Werk dieser Band, zehn Minuten monotoner, aber fesselnder Schlagzeug-Sound, den Dinger "Apache" nannte, dazu Gitarren, von Rother als Apparate eingesetzt und bearbeitet.
Ein körperloser, fast metallischer Klang war das, die hypnotische Energie der Stücke findet man heute im Techno wieder. So konzentriert klang das Duo später nur noch auf "Für immer", dem ersten Stück auf "Neu! 2". "Musik, die immer weitergeht", das war das Ideal von Klaus Dinger, der im vergangenen Jahr kurz vor seinem 62. Geburtstag an Herzversagen gestorben ist.
Die Plattenhüllen versah der abgebrochene Architektur-Student und Beuys-Fan mit einem Neu!-Schriftzug aus Filzstift und aufgesprühter Nummerierung. Die Optik nahm die Anti-Ästhetik des Punk vorweg. Und obwohl diese Musik den Strömungen der Zeit widerstrebte, verkaufte sich das Debüt rund 35 000 Mal. Heute sind die von Produzentenlegende Conny Plank (Kraftwerk, Can, Eurythmics) veredelten Platten gesuchte Objekte auf Sammlerbörsen. Fasziniert waren zunächst vor allem Musikerkollegen.
Die Band Ultravox schrieb sich auf ihren ersten Alben mit einem Ausrufezeichen – in Hommage an Neu!. Und David Bowie, der vielleicht größte Fan Düsseldorfer Musik, benannte sein Berliner Meisterwerk "Heroes" nach einem Song auf dem letzten Neu!-Album.
Intern aber hing der Haussegen schief. Die Band trennte sich nach der Platte "Neu! 75", Dinger und Rother hatten sich zerstritten. Der eine wollte radikale Musik, der andere melodische. Rother zog ins Weserbergland und gründete mit Hans-Joachim Roedelius und Dieter Moebius von Cluster die Gruppe Harmonia und hatte solo 1977 mit der Platte "Flammende Herzen" einen großen Hit. Dinger musizierte unter anderem mit seinem Bruder Thomas als La Düsseldorf, kam mit dem Stück "Rheinita" in die Charts und ließ sich in Japan bejubeln.
Jahrzehntelang gab es die Neu!-Platten nicht mehr zu kaufen, weil vor Gericht um Rechte gestritten wurde. Erst Herbert Grönemeyer, der ein Faible hat für Krautrock, schaffte es 2001, den zwei Musikern die Erlaubnis abzuringen, die alten Alben bei seinem Londoner Label Grönland neu aufzulegen. Euphorische Besprechungen erschienen in der "New York Times" und im englischen "Guardian". Gruppen wie Radiohead, Stereolab und John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers gaben die Musik von Neu! als Einfluss an.
Auf dem soeben veröffentlichten Sampler "Brand Neu!" würdigen die versammelten Gruppen mit teils exklusiven Stücken den klassischen Neu!-Sound. Oasis imitiert die treibende Rhythmik, dazu spricht Neoel Gallagher in Dingerscher Fantasiesprache auf den Track. Sonic Youth lässt einfach ein Neu!-Stück im Hintergrund laufen, und dazu Frauen eine Unterhaltung führen, bevor die Band kurz vor Schluss einstimmt. Und Primal Scream zitiert die hypnotische Düsternis, verdichtet sie zu einem faszinierenden Track. Der CD beigegeben sind zudem das letzte Stück, das Klaus Dinger produziert hat, und ein rares Instrumental von Michael Rother.
Lohnt sich, ist ganz Neu!.
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