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Nichtwähler-Rekord: „Die da oben wähl’ ich nicht“

VON STEFAN KAUFMANN - zuletzt aktualisiert: 02.09.2008

Düsseldorf (RPO). Historischer Negativrekord: Nur 38,5 Prozent der Düsseldorfer gingen am Sonntag zur Oberbürgermeister-Wahl. In den Stadtteilen mit der niedrigsten und der höchsten Wahlbeteiligung haben wir nach den Gründen gefragt. Ein Stimmungsbericht.

In Flingern war die Wahlbeteiligung extrem niedrig. Foto: RPO

Die zwei Hunde, mit denen Petra Alkayali-Zabel durch die Straßen des Düsseldorfer Stadtteils Flingern spaziert, heißen „Whisky“ und „Rambo“. Jeden Tag führt sie ihre Lieblinge in den nahe gelegenen Park. So auch am Sonntag, als die Düsseldorfer aufgerufen waren, einen neuen Oberbürgermeister zu wählen. Auf dem Weg durch das Quartier kommt Alkayali-Zabel auch an ihrem Wahllokal vorbei, einer Schulsporthalle, doch einen Abstecher an die Wahl-Urne macht die 60-Jährige nicht. „Die da oben wähl’ ich nicht, das bringt ja doch nichts“, sagt sie. „Das Viertel hier ist doch total heruntergekommen, und keinen kümmert es.“

Überraschend viele Düsseldorfer sind zum Entsetzen der Politiker der Wahl ferngeblieben. „Gruselig“ und „grauenhaft“ nannte die politische Elite der Landeshauptstadt in der Wahlnacht die geringe Wahlbeteiligung von nur 38,5 Prozent. Dirk Elbers von der CDU reichten etwas mehr als 100.000 Stimmen um mit fast 60 Prozent zum neuen Oberbürgermeister gewählt zu werden. Am schlechtesten war die Wahlbeteiligung mit 23 Prozent im Düsseldorfer Stadtteil Flingern-Süd.

Von den 20. 000 Menschen, die in dem Arbeiterviertel leben, fühlen sich viele von „denen da oben“ nicht verstanden. Frank Klein, der mit einem Kumpel vor einer Trinkhalle an der Erkrather Straße ein Bier trinkt, ist mit seiner Wahl, nicht zur Wahl zu gehen, zufrieden. „Ich hab’ bei allen Parteien nachgefragt, warum ich ihnen meine Stimme geben sollte“, sagt der 39-Jährige. „Das konnte mir keiner erklären.“

Auch nicht Gudrun Großer-Göbel, die in den vergangenen Wochen als Bezirksvorsteherin von Flingern für die Wahl geworben hat. „Am Info-Stand habe ich die Frustration der Menschen erlebt“, sagt die Lokalpolitikerin. „Die Lebensmittel werden immer teurer, die Stadtwerke erhöhen regelmäßig die Gaspreise – das bekommt die Politik zu spüren.“

Doch nicht in allen Düsseldorfer Vierteln herrscht Wahlmüdigkeit. „In den wohlhabenderen Gegenden ist der Rückgang nicht ganz so drastisch“, sagt Statistiker Bernhard Eicholz. Er hat die OB-Wahl für die Stadt analysiert und in Himmelgeist Düsseldorfs wahlfreudigste Bürger gefunden. Dieses Mal beteiligten sich 61,6 Prozent der Wahlberechtigten.

Der Stadtteil liegt weit von der City entfernt, es gibt frei stehende Häuser mit großen Gärten, die Kästen an den Fensterbrettern sind mit Blumen gefüllt, es dominiert die CDU. „Hier gehen die Leute nach der Kirche wählen“, sagt Hildegard Schrage (80), die für Nichtwähler kein Verständnis hat. „Es gibt doch jede Menge wichtige Themen für 20-, 40- und auch für uns 80-Jährige“, sagt Spaziergängerin Schrage. Erstwähler Max Becker sieht das genauso. Der 16-Jährige ist mit seinen Eltern ins Wahllokal gegangen. „In meinem Bekanntenkreis gehen eigentlich alle wählen, das ist doch normal“, sagt der Schüler.

In der Bäckerei im Ortskern liegt die OB-Wahl gefühlt schon mehrere Wochen zurück. „Ich habe noch niemanden groß darüber reden hören“, sagt die Verkäuferin. Unaufgeregt freuen sich die Himmelgeister über das neue Stadtoberhaupt – vorausgesetzt er lässt sich genauso regelmäßig auf der Kirmes im Festzelt sehen wie sein Vorgänger. „Der Herr Erwin war häufig bei uns“, sagt eine ältere Frau. „Das hat mir immer an ihm gefallen.“ „Weiter so“, der Slogan mit dem CDU-Kandidat Dirk Elbers seinen Wahlkampf bestritten hat, wird in Himmelgeist gelebt.

In Flingern-Süd hat der frühere Oberbürgermeister Erwin (CDU), der am 20. Mai gestorben ist, weniger Fürsprecher. Stattdessen sammelt der Kandidat der Linkspartei überdurchschnittlich viele Stimmen. „Die anderen machen sich doch alle auf unsere Kosten die Taschen voll“, sagt die Wirtin des Luxor-Grills. „Wenn ich 16 Stunden arbeiten muss, um überleben zu können, hab’ ich nicht noch die Zeit wählen zu gehen.“

Dass die schwache Wahlbeteiligung in ihrem Viertel mit dem sozialen Gefüge, mit Arbeitslosigkeit und Ausländeranteil zu tun hat, glaubt Großer-Göbel nicht. Die Bezirksvorsteherin ärgert es, wenn Politiker ständig über die Menschen reden, aber nie mit den Menschen. „Die Leute fühlen sich nicht ernst genommen“, sagt sie. „Ich kann nur an alle Politiker appellieren, mehr an die Basis zu gehen.“

Quelle: RP

 
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