Premiere in Düsseldorf: Die Modewelt im Opernfummel
VON WOLFRAM GOERTZ - zuletzt aktualisiert: 28.01.2008 - 09:43Düsseldorf (RPO). „Fashion“ heißt die neue Oper des Komponisten Giorgio Battistelli und des Textdichters Bob Goody. Das modebewusste Düsseldorf war bei der Premiere des Werks in der Rheinoper beinahe vollzählig anwesend. Hinterher herrschte Verwirrung, wie man „Fashion“ finden durfte.
Düsseldorf Es ist nun schon ein paar Jahre her, dass Karl Lagerfeld einen überzogenen Prozess führte: Er ließ dem Filmregisseur Robert Altman untersagen, in dessen Satire „Prêt-à-porter“ seinen Namen fallen zu lassen. Jetzt hat Lagerfeld nicht geklagt, obwohl er abermals in eine Verhohnepipelung hineingerät: in der Oper „Fashion“. Seine Düsseldorfer Spione haben ihm souffliert: „Brauchst du nicht ernst zu nehmen, Zopfi! Ist ein Schmarrn!“ Dabei taucht Karl hier ebenso auf wie Coco - als devote Hündchen einer hysterischen Designerin. Nun, Altmans Film war ein subtiler Geniestreich, der in die Zwölf traf. Die Oper ist ein Witz, den man abschütteln kann wie Schuppen.
Dabei sind Schuppen hier durchaus zulässig: In „Fashion“ geht es ums Tohuwabohu kurz vor der Präsentation der neuen „Fisch“-Collection. Dabei ergeben sich Abläufe, Details, Wendungen, die der Comedy und dem englischen Nonsense entborgt sind; die Handlung beleuchtet sich fortwährend mit dem Ironiescheinwerfer. Wer das nicht gleich kapiert, wird mit Täfelchen belehrt, dass hier eine ganze Branche und ein alter Theatertrick (die Hosenrolle) persifliert werden. 75 Minuten dauert das Opus, das anfangs zäh ist (mit dem kürzungswürdigen „Good morning“-Gehampel), dann aber an Fahrt gewinnt. „Fashion“ besitzt als Stück wenig Format, es ist weder komisch noch ulkig; die Parallelen zum Kino (zu „Tootsie“, „Victor/Victoria“ und „Der Teufel trägt Prada“) fallen deprimierend für den Neuling aus. Trotzdem fühlten wir uns nach der Premiere insgesamt eher amüsiert und nicht gelangweilt. Vielleicht handelt es sich um jene Sorte Klimbim, die in Deutschland die Klientel der Humoroffenen zu schätzen weiß: Nicht alles auf Erden muss Sinn haben, nicht einmal der Unsinn.
Die freundliche Aufnahme bei der Premiere gilt einer Produktion, die das Stück selbstsicher erzählt und sich künstlerisch befreit. Das Hotel, in dem „Fashion“ spielt, besitzt eine lustige Rezeption, die in einer mörderischen Aktion mit einer Palme verziert wird. Diese Rezeption ist Rettungsinsel für überspanntes Personal und tuntige Quakbrüder. Man sieht Gekrabbel, Gefuchtel und süßes schwules Posieren. Der abgespreizte kleine Finger wird zum Erkennungszeichen, doch Michael Simon, der Regisseur und Ausstatter, übertreibt es nicht. Das ist gut. Dass er TV-Comedy nicht 1:1 nachbetet, ist noch besser. Opern-Echtzeit läuft langsamer als das Fernsehen.
Grandios ist nun freilich die Bühne, sie rettet den Abend. Sie dreht sich, schneidet das Hotel der Handlung an wie eine Torte, gibt hier ein offenes Penthouse zu erkennen, da die quietschende Eingangshalle, dort die Hintertreppe. Die Garderobe trifft in einem massiven Schrank ein, der über die Treppe hochgewuchtet wird - und zwar von den famosen Tänzern Tony Rizzi und Anton Skrzypiciel, den Teufelchen der Oper. Das ist eine kleine Szene, an der Spaß zu haben erlaubt ist.
Gleich wird in die Klamotten des Stars Tarquin das rotzig-verlogene Zimmermädchen Mel steigen; Tarquin (Verballhornung des Quinquin aus Strauss’ „Rosenkavalier“) wird also von Mel ersetzt, und fast ist der Betrachter enttäuscht, dass die netzbestrumpften Beine von Kristen Leich (die auch hinreißend glühend singt) in Hosen versteckt werden. Nun, da später die Eleven ihr neues Outfit lockend zeigen, kommen die Fleischbeschauer beiderlei Geschlechts im Saal noch genügend auf ihre Kosten.
Zu den Farben und Materialien der Garderobe (Stephen Galloway) kann der Rezensent lediglich sagen: Fische und Frösche fühlen sich hier wohl. Aquazoo mit Tönen. Wie überhaupt die „Fashion“-Welt glasig ist, künstlich, kalt lächelnd und sauerstoffarm. Die einzige Person mit menschlicher Vielschichtigkeit ist die Designerin Maria selbst; Jeanne Piland singt sie mit großer Expression. Hochpreis für die solistischen Damen und Herren Selle, Rankin, Harrison und Waschinski.
Die Musik erfindet für den Laufsteg die Variante des „Schleiertanzes“ - stärkster Moment einer illustrativen Partitur, die geschäftig tut, oft zu laut ist und klimatische Überreiztheit verbreitet. Sie ist nicht cool, sondern hyperaktiv, um ihre Leere zu überdecken. Die ewigen Glissandi, chromatischen Trippelschritte und Blechgewitter sind abtörnend. Battistelli ist ein unentdeckter Filmmusikkomponist, der immerzu Opern zur Vertonung angeboten bekommt und nie ablehnt. Manches glückt ihm, manches nicht - wie „Fashion“ zum Beispiel.
Freilich ist die Betreuung hinreißend; die Düsseldorfer Symphoniker unter dem gut gelaunten John Fiore lassen sich nie lumpen, man hört tolle gruppendynamische Prozesse (fugierter Einsatz der Kontrabässe) und präzise Schläge in den Solarplexus der Hörer (Blech). Meisterlich die Schlagwerker.
Es tritt also der schöne Fall ein, dass ein Stück von seiner Uraufführungsproduktion vor dem Catwalk in die Vergessenheit bewahrt wird.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





