Polizei sucht Mörder von Galina A.: Düsseldorf: „Basis der Russenmafia“
VON G. STENZEL, W. KANNEGIESSER, B.BUSSANG, UND S. JANSSEN - zuletzt aktualisiert: 30.01.2008 - 08:46Düsseldorf (RPO). Beim Mord an einer 54-jährigen Geschäftsfrau aus Wersten führen Spuren zur Russenmafia. Gefahndet wird nach dem 55-jährigen Pjotr P., der das Opfer bedroht hatte und sich inzwischen wieder auf freiem Fuß befindet. Ließ die Justiz den späteren Mörder laufen?
Mit einem langen Küchenmesser ist Galina A. gegen 19.15 Uhr in ihrer Garage niedergestochen worden. So viel steht fest. Polizeitaucher fanden gestern die mutmaßliche Tatwaffe im Petri-See, nur einen Steinwurf von dem hübschen Reihenhaus in Düsseldorf-Wersten entfernt, in dem die 54-jährige Geschäftsfrau mit ihrem Mann lebte - bis Samstag.
Von diesen Erkenntnissen abgesehen gibt der Fall Galina A. noch reichlich Rätsel auf. Hat sich die Russlanddeutsche mit der Russenmafia angelegt? Immerhin zählt Düsseldorf laut Mafia-Experte Jürgen Roth seit den 90er Jahren zu den „Stützpunkten der russisch-sprachigen Mafia“. Immerhin zählen Wirtschaftskriminalität und Waffenschmuggel zu ihren „Hauptgeschäftsfeldern“. Und immerhin leitete Galina A. ein Unternehmen in Wuppertal, das Zoll-Logistik für den Handel mit Russland abwickelte. „Ein sensibles Arbeitsfeld. Da geht es um hochwertige Waren und um viel Geld“, meint Roth. Da werde schon mal versucht, Angelegenheiten über Bestechung zu regeln.
„Die Russenmafia ist in Großkonzernen wie die ,Solnzevskaja’ organisiert“, erklärt der Autor. Ihre Köpfe werden „Diebe im Gesetz“ genannt. „Das ist eine Übersetzung aus dem Russischen und bedeutet: Diese Leute machen ihre eigenen Gesetze“. Allein zwei von derzeit sieben „Dieben im Gesetz“ sollen im Düsseldorfer Umfeld leben. Die Russenmafia sei wieder in Bewegung: Auch Russlanddeutsche - bislang häufig „Dienstleister“ - versuchten, sich in kriminellen Gesellschaften zu etablieren. Zudem würden auffällig viele russische Investitionen in Immobilien getätigt. „Keiner kann zurückverfolgen, woher diese Gelder stammen.“
Eine Spur führt ins familiäre Umfeld des Mordopfers. Der Ex-Schwiegersohn Nikolai, ein schwerreicher Mann aus Russland, soll die Enkelin von Galina A. entführt haben und wird nun per Haftbefehl gesucht. Die Geschäftsfrau soll hartnäckig nach der Enkelin geforscht haben.
Und welche Rolle spielt jener Erpressungsversuch von vor einem Jahr, bei dem zwei Männer der Geschäftsfrau mit Mord gedroht haben sollen? Zwei russischstämmige Israelis sollten Galina A. und ihre Tochter damals aus dem Weg räumen. Doch sie machten ihr ein Gegenangebot: „Wenn Sie uns 100000 Euro geben, bringen wir dafür unseren Auftraggeber um.“ Die Geschäftsfrau ging damals scheinbar darauf ein, handelte den Preis herunter und verständigte die Polizei. Bei der fingierten Geldübergabe ging das Duo den Beamten ins Netz - weigerte sich aber, seinen Auftraggeber preiszugeben.
Auch dort könnte es Verbindungen zur Mafia geben. Für Wilfried Albishausen trägt der Mord an Galina A.die Handschrift der Russenmafia. „Sie geht äußert brutal vor“, sagt der Landesvorsitzende des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Jürgen Roth beschreibt die Täter so: „Sie bevorzugen eine schnelle Kugel. Sie verstehen es, zu töten. Einige von ihnen waren Soldaten.“ Anders als die „Italiener“ sei die Russenmafia exzellent ausgebildet und hochqualifiziert.
Nach der Morddrohung im vergangenen Jahr standen die beiden Israelis vor Gericht. Der Haupttäter, der 37-jährige Yuri M., sitzt derzeit im Gefängnis. Sein Mittäter, der 55-jährige Pjotr. P., war wegen Beihilfe zur Erpressung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Der einschlägig vorbestrafte Mann kam jedoch „gegen Meldeauflagen“ auf freien Fuß. Dass er sich abgesetzt hat, kam erst jetzt heraus - als die Mordkommission Pjotr P. vernehmen wollte, fiel auf, dass der Mann nicht mehr an seiner Düsseldorfer Adresse zu finden ist. Er hat sich nicht an seine wöchentliche Meldepflicht gehalten und wird nun per Haftbefehl gesucht. Sein Anwalt Joachim Müller erfuhr erst gestern, dass von seinem Mandanten jede Spur fehlt. Seit Ende November hat er Pjotr R. nicht mehr gesehen. Einen dringenden Tatverdacht wollte Staatsanwalt Christoph Kumpa nicht bestätigen: „Das ist nur eine Spur von vielen.“ Wäre Galina A. noch am Leben, wenn ein verurteilter Erpresser und möglicher Auftragskiller nicht freigelassen worden wäre? Immerhin ist ein Racheakt des Mannes an der Frau, die ihn in Deutschland hinter Gitter brachte, nicht ausgeschlossen.
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