„Maria Magdalena“ im Schauspielhaus: Düsseldorf: Klaras kalte Welt
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 13.05.2008 - 14:22Düsseldorf (RPO). Am Ende sind sie alle tot. Klara hat gewütet, obwohl das „Drehbuch“ des bürgerlichen Dramas nur einen Selbstmord vorsieht. Das Finale von Friedrich Hebbels „Maria Magdalena“ im Düsseldorfer Schauspielhaus liefert ein blutiges Gemetzel. Der Mord als Folge eines weiblichen Aufschreis, getragen von der Wucht einer vermeintlichen Ohnmacht.
Klara hat sich selber, das Kind im Leib und die Männer gerichtet. Und doch bringt auch der Tod keine Erlösung. Gebetsmühlenartig wiederholt sich das Raunen der Männer im Raum. Die Litaneien vom Nichtverstehen der Welt. Die Behauptung, dass Kinder so etwas wie Unkraut, also etwas Schlechtes seien. Die Schuldzuweisungen an Frauen, die ungewollt schwanger werden. Es sind die realitätsfernen, gefühlskalten, einem bigotten Weltbild folgenden Sprüche von Vater, Geliebtem und Liebstem.
Klara ist die Hauptperson in „Maria Magdalena“. „Klara“ war auch der ursprüngliche Titel des Trauerspiels von 1844, das auf Verlegerwunsch umgetitelt wurde. Regisseur Stephan Rottkamp dramatisiert das sprachgewaltige, von der Handlung her jedoch nicht packende Stück um die weibliche Hauptperson herum. Denn in dieser Frauenfigur konzentriert sich die Tragik jener Zeit, in der die gesellschaftliche Norm über allem stand, als nicht Handeln, sondern Verharren die Menschen kennzeichnete.
Fromme Sprüche an der Wand
Wenn Klara eingangs alleine auf der Bühne kauert, sich gierig aus Blecheimern Beeren in den Mund stopft, traut man ihr die Heftigkeit ihrer finalen Taten nicht zu. Man bemitleidet das schwangere Mädchen im leeren Raum, der mit Biedermeierblumen und frommen Sprüchen tapeziert ist. Von Zeit zu Zeit reißt theatralisch eine Fensterfront auf, hinter der sich ein Chor aufstellt und glockenklar Volkslieder anstimmt. Dieses Mädchen ist jung schon ohne Hoffnung. Den anderen geht es auch nicht besser. Aus ihren Monologen ist herauszuhören, dass sie fremdgesteuert sind. Ihre Seelen liegen auf Eis. Man handelt nicht spontan, sondern hinsichtlich der zu erwartenden Reaktionen. Partnerschaftliche Kommunikation war zu Klaras Zeit noch ein Fremdwort. Klaras Welt ist kalt und engmaschig.
Fast makaber wird das rasche Hinscheiden der Mutter abgewickelt, der Christiane Rossbach eine überirdische Ausstrahlung verleiht. Bruder Karl ist verwöhnt, hegt zaghafte Ausbruchsgedanken: Daniel Nerlich gibt ihn als lausbubigen Muttersohn. Der Vater ist an allem Unglück schuld, moralische Instanz, die die Tochter unter Druck setzt, ihm keine Schande zu machen. Matthias Leja stattet ihn mit schwarzen Schatten und schneidender Stimme aus. Den Fiesling Leonhard lässt der Regisseur wie eine Puppe tanzen, und Michele Cuciuffo kostet das virtuos aus.
Bei aller Spielfreude des Ensembles ist die Regie nicht überzeugend; schon eingangs kommt Langeweile auf. Ausgedehnte Albernheiten wie die Auswahl der Musik scheinen allzu beliebig. Wo ist die Idee dieser Inszenierung? Spannend jedoch ist es, der großartigen Anna Kubin zuzusehen, wie sie immer intensiver Blicke einsetzt und ihren zerbrechlichen Körper fordern, schaudern und leiden lässt.
Info: Anfang Juni wird der „Gustaf“ verliehen, mit dem die Besten der Spielzeit im Düsseldorfer Schauspielhaus ausgezeichnet werden. Abstimmzettel gibt es im Schauspielhaus.
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