Ausgewählte Orte 2011: Düsseldorfer Ideen bewegen
VON VERENA PATEL UND ALEKSANDAR SAROVIC - zuletzt aktualisiert: 10.02.2011 - 10:31Düsseldorf (RPO). (RP). Fantasievoll, innovativ, wegweisend: Fünf Düsseldorfer Projekte aus den Bereichen Umwelt, Gesellschaft und Kultur wurden von der Stadtortinitiative "Deutschland – Land der Ideen" ausgezeichnet.
Im Rahmen des Wettbewerbs um den Titel "Ausgewählter Ort 2011" fiel die Wahl der Jury in der Landeshauptstadt auf zukunftsträchtige Vorhaben, die sich um so unterschiedliche Dinge kümmern wie Bienenvölker, Darmkrebsvorsorge, Pflegenotrufe, die Gewinnung von Biokohle und die Förderung junger Kunst. Allen ist eines gemein: Sie leben von der Begeisterung der Mitglieder und Mitarbeiter.
Die Gewinner des Wettbewerbs "365 Orte im Land der Ideen" stehen fest: Fünf Projekte aus Düsseldorf sind dabei, die für Innovation und Zukunftsfähigkeit stehen. Seit der Gründung des Wettbewerbs im Jahr 2006 hat sich die Zahl der jährlichen Bewerbungen mit 2600 mehr als verdoppelt. Wir stellen die fünf Auserwählten vor.
Die Preisträger des Wettbewerbs "365 Orte im Land der Ideen" erhalten neben dem Titel "Ausgewählte Orte 2011" einen Pokal, eine Plakette und eine von Bundespräsident Christian Wulff unterzeichnete Urkunde.
Ministerpräsidentin Hannelore Kraft überreicht den 65 nordrhein-westfälischen Siegern die Urkunden am 17. März in der Staatskanzlei.
Imkerei, ein seltsames Hobby? Was mit 14 Bienenschwärmern der ersten Stunde begann, hat sich mittlerweile schon zu einem Verein mit über 50 Mitgliedern entwickelt. "Rent a bee" ("Miete eine Biene") heißt das Projekt des Arge Bienenzucht- und Imkernachwuchs-Fördervereins. Gemeint ist damit gleich ein ganzes Bienenvolk, das übers Jahr umsorgt und gefüttert werden will. Ein Bienenvolk besteht im Winter aus 20 000 bis 40 000 Tieren, im Juli sind es dann 60 000 bis 80 000, da eine Königin zur Hochzeit zwischen 1500 und 2000 Eier am Tag legt.
Gegen eine Gebühr von 30 Euro kann das Volk mitsamt dem Gehäuse "gemietet" werden. Der Verein gibt Hinweise und Anleitungen für die richtige Pflege. Zum Dank winken mehrere Kilogramm Honig, die im Juli "geerntet" werden können, wenn das Volk auf der Höhe seiner Entwicklung ist. Uwe Plath, Vorsitzender des Imkervereins: "Honigbienen sind für unser Ökosystem extrem wichtig, da sie für 80 Prozent aller hiesigen Pflanzen die Bestäuber sind. Ohne Bienen gibt es keine Früchte."
Auch die Nachwuchsförderung wird im Verein groß geschrieben. "Unser jüngstes Mitglied ist 14 Jahre alt, und wir haben auch schon an einige Schulen Bienenstöcke abgegeben", berichtet Plath. Im Biologieunterricht an der Joseph-Beuys-Gesamtschule zum Beispiel seien die Bienenstöcke eine willkommene Abwechslung.
"Joseph Beuys hatte ein besonderes Verhältnis zu Bienen", erklärt Plath die Verbindung, und nimmt Bezug auf die Installation "Die Honigpumpe am Arbeitsplatz", die auf der Documenta 6 für Aufsehen sorgte.
Dass Düsseldorf in vielerlei Hinsicht viel übrig hat für die Kunst, das zeigt die Kulturplattform "Düsseldorf ist ARTig". Unartiges ist jederzeit willkommen. "Es geht bei uns gerade nicht darum zu bemuttern", sagt Projektkoordinatorin Muna Zubi. "Wir setzen ganz auf die Eigeninitiative und die Ideen der Jugendlichen." Die Plattform wurde 2004 vom Kulturamt der Stadt und der Vodafone-Stiftung gegründet und fördert junge Kulturschaffende zwischen 15 und 23 Jahren.
Für die Förderung können sich Jugendliche mit einem kurzen Exposé bewerben. "Wir sind da unkonventionell, manchmal fragt ein Musik-Mentor, ob ihm der Bewerber etwas ins Telefon singen kann", sagt Zubi. Bunt gemischt seien auch die angenommenen Projekte: "Wir wollen bewusst auch solche Bewerber fördern, die noch nicht professionell auftreten", so Zubi. Die jungen Kreativen sollten die Möglichkeit bekommen, ihre eigenen künstlerischen Ideen umzusetzen, daneben sollte ihnen aber auch ein realistisches Bild vom Künstlerleben vermittelt werden.
Dabei bekommen die einzelnen Projekte auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmte persönliche und finanzielle Hilfen, beispielsweise für besondere Materialien. Den Sparten Musik, Film, Fotografie, bildende Kunst, Literatur, Theater und Tanz ist jeweils ein Mentor zugeordnet, der in diesem Bereich künstlerisch tätig ist. "Unsere Mentoren sollen den Jugendlichen zur Seite stehen, aber nicht eingreifen", sagt die Koordinatorin.
Beim jährlichen Festival im November können die Teilnehmer ihre Werke präsentieren und gebürtig feiern. "Das gehört ganz den Jugendlichen", schließt Zubi, "es geht auch um den Teamgeist und den Spaß".
Einem ersten Thema widmet sich die Kampagne der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen in Zusammenarbeit mit der Barmer GEK. "Vorbeugen hilft", das ist im Moment auf so manchem Pflasterstein in Mönchengladbach zu lesen – wenn man sich denn vorbeugt, um die kleine Schrift zu entziffern. Mit der Vorsorgekampagne "1000 mutige Männer für Mönchengladbach" will die Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen zur Darmspiegelung bewegen.
"Wir nennen das auch gerne Darminspektion", sagt Projektleiterin Katrin Böttcher, "viele Männer springen auf technische Begrifflichkeiten besser an". "Wir gehen direkt auf die Menschen zu, indem wir sie ansprechen", sagt die Pressesprecherin der Krebsgesellschaft Nordrhein-Westfalen, Dinah Oelschläger. So habe der Oberbürgermeister Mönchengladbachs, Norbert Bude, alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung persönlich angeschrieben.
Die Idee zum Projekt hatten die Mitarbeiter der Krebsgesellschaft, die als Partner die Barmer GEK gewinnen konnten. "Wir sitzen zwar in Düsseldorf, da es sich aber um ein Pilotprojekt handelte, haben wir eine überschaubare Stadt gesucht, die über ein gutes Ärztenetzwerk verfügt", erklärt Oelschläger die Entscheidung für Mönchengladbach.
Mit jährlich 14 000 Neuerkrankten in Nordrhein-Westfalen steht Darmkrebs an zweiter Stelle der Krebsneuerkrankungen. Das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, liegt für Männer bei 7,7 Prozent. "Ab einem Alter von 50 Jahren steigt es kontinuierlich an", sagt der mitwirkende Gastroenterologe Arno Theilmeier. "Besonders tückisch ist, dass Darmkrebs sich im frühen Stadium kaum bemerkbar macht", ergänzt Projektleiterin Böttcher. Gerade darum sei die Früherkennung so wichtig.
Im Rahmen des Projektes haben sich Arztpraxen, Krankenhäuser, aber auch viele Unternehmen beteiligt. Mehrere andere Städte hätten bereits ihr Interesse bekundet, so die Krebsgesellschaft.
Unter dem Dach der Pflege-Notruf-Zentrale (PNZ) haben sich Pflegedienste aus 23 nordrhein-westfälischen Städten, davon zwölf in Düsseldorf, zusammengeschlossen. Durch die Kooperation soll sichergestellt werden, dass Menschen, die unerwartet in eine Lage geraten, in der sie pflegerischer Hilfe bedürfen, diese Hilfe auch bekommen. Entscheidend ist dabei, dass der erste pflegerische Einsatz, der durch die PNZ vermittelt wird, kostenfrei ist.
"Alle Pflegedienste, die mit uns kooperieren, haben sich verpflichtet, einen ersten pflegerischen Einsatz in ihrem Gebiet kostenlos zu übernehmen", sagt Geschäftsführerin Kerstin Hommel. Dies kommt Pflegebedürftigen zugute, die nicht Kunde bei dem Pflegedienst sind, mit dem sie sich in einem solchen Notfall in Verbindung setzen. Jedem Pflegedienst ist ein Gebiet fest zugeteilt, für welches er ausschließlich zuständig ist. Die PNZ ist dabei als einheitlicher Ansprechpartner rund um die Uhr erreichbar. Sie verbindet den Pflegebedürftigen mit dem geografisch zuständigen Pflegedienst.
Die Auszeichnung beim Wettbewerb "Land der Ideen" wird aber voraussichtlich nicht verhindern können, dass die PNZ zum 30. Juni ihre Dienste einstellt. "Wir haben 700 potenzielle Sponsoren und Schirmherren angeschrieben, aber nur Absagen bekommen", erklärt Hommel. "Wir können das nicht glauben. Für andere Sachen gibt es Geld, für alte Menschen und Pflege aber nicht." Ohne dieses Geld könne man die Bürger nicht auf die PNZ aufmerksam machen. Die Dienste wolle man aus diesem Grunde einstellen.
Um den Umweltschutz macht sich die 2008 gegründete Terranova Energy GmbH verdient. Sie nutzt ein neuartiges Verfahren, um aus Klärschlamm regenerative Biokohle herzustellen. Die entstandene Biokohle soll fossile Kohle als Energieträger ersetzen. Der Vorteil dieses Verfahrens gegenüber anderen liegt laut Geschäftsführer Marc Buttmann in der deutlich höheren Energieeffizienz. "Andere Biomasseverfahren wie der klassische Biogasprozess verlieren 50 Prozent der chemischen Energie in der Biomasse, bevor sie Energie herstellen", sagt der Diplomingenieur. "Bei uns liegt die Energieeffizienz bei 80 Prozent." Zudem sei der CO2-Ausstoß minimal. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Düsseldorf, die Anlagen stehen in Kaiserslautern.
Das Unternehmen hat nach Angaben von Geschäftsführer Buttmann derzeit vier fest angestellte Mitarbeiter. Zudem würden laufend drei bis fünf studentische Mitarbeiter beschäftigt. Diesen biete man an, ihre Bachelor- oder Masterarbeit im Unternehmen zu schreiben. Für dieses Jahr erwartet die Firma erste Kundenprojekte und ein dadurch bedingtes deutliches Wachstum. "Bei Klärschlamm gibt es erhebliche Entsorgungsprobleme", sagt Marc Buttmann. "Wir erwarten daher Aufträge unter anderem von den Kommunen, aus der Lebensmittelindustrie und der Landwirtschaft."
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