Dinge, die man in Düsseldorf erlebt haben sollte: Ein Bummel über die Kiefernstraße
VON MICHAEL BROCKERHOFF - zuletzt aktualisiert: 14.01.2012 - 12:14Düsseldorf (RPO). Die farbenfrohen Fassadenbilder der Häuser an der Kiefernstraße signalisieren eine Lebenswelt, die nicht sofort mit Düsseldorf verbunden wird: bunt, alternativ und gemeinschaftsbezogen. Die Kiefernstraße steht auch für eine gelungene Integration der Hausbesetzer-Szene und eine erfolgreiche Sozialpolitik der Stadt.
In Düsseldorf ist das Leben vielfältig. Seine Bandbreite liegt zwischen zwei Polen, für die zwei Straßen der Stadt stehen können. Die eine ist natürlich die Königsallee als Symbol für Eleganz, Shopping, Wirtschaft und Flair einer Gartenstadt. Die andere ist die Kiefernstraße in Flingern. Ihr herausragendes Merkmal: Sie ist bunt, viele Fassaden der Wohnhäuser sind Gemälde, mit denen die Bewohner Geschichten von ihren Vorlieben, Ideen oder Träumen erzählen.
Bemalte Fassaden
Die bemalten Fassaden stehen für Programme des Wohnprojekts Kiefernstraße, in dem die Anwohner organisiert sind. Sie verwalten die Wohnungen selbst, kümmern sich um ein reibungsloses Zusammenleben, bündeln gemeinsame Interessen. Das Ziel des Wohnprojektes ist es, Künstlern, Kreativen und Familien möglichst viel Freiraum zu bieten. Deshalb sollen die Häuser und Wohnungen individuell gestaltet werden dürfen und dazu preisgünstige Mieten haben, die auch bei geringerem Einkommen bezahlbar sind.
Kultur
Die Bewohner der Kiefernstraße legen Wert auf Gemeinschaft und Kreativität. Die meisten Informationen gibt es im Kulturbureau K4, Kiefernstraße 4. Termine von Veranstaltungen oder Treffen der Bewohner sind dort zu erfahren. Regelmäßig werden Ausstellungen organisiert. Und es gibt eine Gastronomie.
Das knappe Angebot von billigen Wohnungen in Düsseldorf Anfang der 1980-er Jahre ließ die heutige Kiefernstraße erst entstehen. So friedlich, wie heute die Straße mit ihrer fantasievollen Gestaltung wirkt, verlief aber ihre Entwicklung zum besonderen Wohnviertel nicht. Sie machte ab August 1981 mit Hausbesetzungen von sich reden.
Düsseldorfer, die auch nach langer Suche keine preiswerte Unterkunft hatten finden können, zogen ohne Verträge kurzerhand in die Häuser ein. Die waren eigentlich zum Abriss bestimmt und sollten einem großen Gewerbegebiet Platz machen. Denn das Viertel für Arbeiter der ehemaligen Klöckner-Werke, die 1975 stillgelegt wurden, war sanierungsreif, die Gebäude wirkten verfallen und unansehnlich.
Sanierungsfall
Eine Ahnung von dem tristen Aussehen geben heute noch die Häuser mit den geraden Nummern an der Kiefernstraße. Mit ihrem grauen, rauen Putz, der nur durch einige Graffiti-Zeichen, die mehr an Schmierereien erinnern, ein bisschen Farbe bekommen, geben sie eine Ahnung von dem damaligen Zustand. Aber sie werden überstrahlt von den großen Fassadenbildern der Gebäude auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Dass die bunte Straße trotz der heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei bei Demonstrationen, trotz einiger Verbindungen zur linksradikalen Szene und zur RAF, trotz des Misstrauens gegenüber einem sozialen Brennpunkt entstehen konnte, ist dem zähen Widerstand der Besetzer und ihrer Organisationen wie die Aktion Wohnungsnot einerseits und dem klugen Verhandlungswillen des damaligen Sozialdezernenten Paul Saatkamp und des Polizeipräsidenten Hans Lisken zu verdanken. Der Erfolg kam 1988: Der Abriss der Häuser war endgültig vom Tisch, die Bewohner bekamen Mietverträge.
Die Kiefernstraße war aber noch ein Sanierungsfall. Bei der Modernisierung der Häuser behielten sich die Bewohner über das Wohnprojekt aber ein Mitspracherecht vor. Sie wollten gemeinsam ihre Straße gestalten, wollten zudem nicht vereinzelt nebeneinander her leben.
Die Straße ist deshalb ein Ort der Kommunikation, Bewohner plaudern in kleinen und großen Gruppen rund um Hauseingänge oder feiern abends oder am Wochenende und holen dafür Tische, Stühle und Bänke hervor. Oder sie holen Bands aus der Musikszene ins bekannte AK 47, treffen sich im Nachbarschaftstreff Red House.
Für den Nachwuchs gibt es einen Kinderclub, in dem gespielt und getobt wird. Das Haus zeichnet sich durch eine besonders bunte Fassade aus. Auf der Straße sind eigene Spielflächen vorgesehen, kleine Skater-Rampen fordern die Geschicklichkeit der Kinder heraus. Sie können ungefährdet toben, weil eine Sperre den Durchgangsverkehr unterbindet. Als neuer Treffpunkt wurde zum 30-jährigen Bestehen der Kiefernstraße im vergangenen Jahr das Kulturbureau K 4 eröffnet mit wechselnden Ausstellungen auf 20 Quadratmeter, mit Gastronomie und als Info-Zentrale, in der einzelne Anwohnergruppen ihre Aktionen und Treffen bekanntgeben.
Zusammenhalt
Denn der Zusammenhalt wächst durch gemeinsame Unternehmungen. So sind auch – teilweise zusammen mit der Initiative Farbfieber – die Fassadenbilder entstanden, die Drachen, die Insekten, das riesengroße Kreuzworträtsel, die Säulengestalten oder das eckige Puzzle. Sie dokumentieren den Willen zum bunten, alternativen Leben. Besucher wissen das zu schätzen. „Was in Hamburg die Hafenstraße, ist in Düsseldorf die Kiefernstraße“, sind sie überzeugt.
- RP ONLINE
- Kontakt
- AGB
- DATENSCHUTZ
- Impressum





