Santiago Sierras Fotografien und Videos zeigen Sklaven der Moderne: Ein Schuss Heroin für eine Rasur
VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 25.08.2004 - 15:22Sechs arbeitslosen Kubanern wird in Havanna eine Linie von insgesamt 2,5 Meter Länge über Rücken und Arme tätowiert. Lohn: 30 Dollar. Zwei Junkies lassen sich in Puerto Rico ein Rechteck in den Hinterkopf rasieren. Belohnung: ein Schuss Heroin. Von Käuflichkeit und der Allmacht des Geldes handeln die radikalen Performances des spanischen Künstlers Santiago Sierra. Das NRW-Forum zeigt ab Donnerstag Fotografien und Videos des Künstlers, der in Europa für Aufsehen sorgt.
Einer größeren Öffentlichkeit bekannt geworden ist der 1966 in Madrid geborene Künstler, der mittlerweile in Mexiko lebt, bei der Vorjahres-Biennale in Venedig. Dort vermauerte er den spanischen Pavillon, gewährte ausschließlich Bürgern mit iberischem Pass Zutritt. Plötzlich befand sich die elitäre Kunstwelt, die glaubt zwischen New York und Berlin freien Eintritt beanspruchen zu können, in der gleichen Situation wie der Underdog aus der so genannten Dritten Welt, der an die Türen Europas klopft. Und wenig Rechte hat, wie Sierra dem Publikum mit einer Aktion im Museum von St. Gallen 2002 vor Augen führte. Dort schleppten sechs albanische Flüchtlinge ohne Arbeitserlaubnis drei große Zementblöcke von einer Ecke des Museumsraumes in die andere, und zwar - in Übereinstimmung mit den realen Asylgesetzen - ganz umsonst.
Auch wenn der Kunstbetrieb und die desolate Realität von Immigranten und anderen Randgruppen der Gesellschaft auf den ersten Blick nicht viel gemein zu haben scheinen, funktionieren beide Welten für Sierra doch nach dem gleichen banalen und allmächtigen Prinzip “Geld regiert die Welt“. Und je weniger jemand davon hat, desto mehr ist er bereit, dafür zu tun. Passend dazu lässt Sierra 2001 in Mexiko-City elf Indianer einen spanischen Satz auswendig lernen, den sie aufgrund fehlender Sprachkenntnisse nicht verstehen. Er lautet: „Ich werde bezahlt, etwas zu sagen, dessen Aussage ich nicht kenne“. Ihr Lohn: zwei Dollar. Im Industriegebiet von Guatemala-Stadt verharren 1999 acht Arbeiter für neun Dollar einen halben Tag lang in verschlossenen Kartons. Die Reaktion auf dieses "Jobangebot" war übrigens enorm.
Seine provokanten Arbeiten machten Santiago Sierra in den vergangenen Jahren zur wichtigen Figur einer neuen Kunstbewegung, die vor allem in Südamerika ihre Wurzeln hat und das Soziale und Politische in die Kunst zurückbringt. Formal prägen Minimal Art und Dadaismus seine Arbeiten. Kern seines Schaffens ist die Performance, die sich nicht wiederholen lässt. Daher setzt Sierra bewusst Fotografie und Video als Dokumentationsmittel ein. Sparsam und in schwarz-weiß gehalten werden sie zu einem eigenen Kunstwerk. So ließ Sierra in Mexiko-Stadt zur Rush Hour einen Lastwagen quer über die Hauptverkehrsader stellen, blockierte den Verkehr für fünf Minuten und filmte das Szenario aus dem Hubschrauber. Das Videobild erinnert an abgefilmte Minimal Art: ein weißer Balken auf einer schwarzen Fläche. Erst die Nahsicht eröffnet den Blick auf das wilde Chaos, das diese Aktion auslöste.
Die radikale Kunst von Santiago Sierra kommt an auf dem internationalen Kunstmarkt. Europäische Museen reißen sich um ihn – und werden manchmal schneller als vielleicht gewünscht selbst Teil einer Performance. So verlangte Sierra frei nach dem Motto „Kunst oder Geld“ vom Kunsthaus Bregenz, drei Monate lang nur zehn Besucher am Tag in seine Ausstellung zu lassen. Denn mit fast 300 Tonnen schweren Betonkuben belastete er die Architektur des Museums bis an die Grenzen der Statik. Für noch größere Irritationen sorgt im Publikum aber Sierras Instrumentalisierung der Ärmsten der Gesellschaft. Denn der Künstler wahrt größtmögliche persönliche Distanz zu den Akteuren seiner Performances, lässt sie über Casting-Agenturen anheuern und bezahlen. Er selbst bleibt Drahtzieher im Hintergrund. Ob das purer Zynismus oder einfach nur künstlerischer Spiegel der Realität ist, davon kann sich der Besucher noch bis zum 19. September im NRW-Forum ein Bild machen.
Info:
Santiago Sierra, 26.8. bis 19.9.
NRW-Forum, Ehrenhof 2, 40479 Düsseldorf
Dienstag bis Sonntag 11 bis 20 Uhr, Freitag bis 24 Uhr
Eintritt 2,50 Euro
Von Maike Schulte
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