Kippenberger- Retrospektive im K21: Eine Überdosis Kunst und Leben
VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 09.06.2006 - 15:56Düsseldorf (dto). Hamburg, Berlin, Wien, Florenz, Paris, Madrid, Los Angeles. Fast wie ein Vagabund zog Martin Kippenberger durchs Leben, Projekten und Museen hinterher. Fast genauso unbändig und vielseitig erscheint das Schaffen des Künstlers. Es umfasst Installationen, Bilder, Drucke genauso wie Ausflüge in die Schriftstellerei, Schauspielerei und Musik. Sein rastloses Leben hinterließ Spuren, mit nur 44 Jahren starb das Allround-Talent in Wien. Das K21 widmet der „Pop-Ikone deutscher Nachkriegskunst“ in Zusammenarbeit mit der Londoner Tate Gallery ab Samstag eine große Retrospektive.
Zu sehen sind rund 200 Exponate, darunter Gemälde, Skulpturen, Installationen, Zeichnungen, Plakate und Bücher. Die konzeptuellen Aspekte in Kippenbergers Werk stehen im Mittelpunkt der Ausstellung, die zuvor schon in der Londoner Tate Gallery gezeigt wurde. Mit Serien wie „Lieber Maler, male mir“ (1981), „Heavy Burschi“ (1991) und der Installation der „Weißen Bilder“ (1992) rückt der Fokus beispielsweise auf Kippenbergers Idee, das Malen an andere zu delegieren.
Ein Highlight der chronologisch angelegten Schau ist zweifellos die raumgreifende, nur selten gezeigte Installation "The Happy End of Franz Kafkas America" von 1994, bei der auf einem grünen Spielfeld 50 verschiedene Tisch-Stuhl-Konstellationen eine Szene aus Kafkas Roman "Amerika" nachstellen. Kafka schildert darin Massenbewerbungsgespräche mit einem utopischen Ende: allen Teilnehmern wird eine Arbeit garantiert. „Kippenbergers Installation zeigt, wie sich Menschen positionieren und in ein Verhältnis zueinander setzen“, erklärt Doris Krystof, Kuratorin des K21.
Stellung zu beziehen und einen Platz einzunehmen ist ein zentrales Thema von Kippenberger. Im Kunstdschungel der 80er Jahre ist der in Dortmund als Sohn eines Zechendirektors geborene Künstler stets auf der Suche, probiert sich in wechselnden Rollen aus. 1978 wird er Geschäftsführer des legendären Musikclubs „S.O.36“ in Berlin, organisiert Konzerte und gründet eine eigene Punkband. 1979 spielt er in drei Filmen mit, 1980 geht er nach Paris mit dem Ziel, Schriftsteller zu werden. „Die Person Kippenbergers war untrennbar mit seinem Werk verbunden“, betont Julian Heynen, Direktor des K21, zur Eröffnung der Schau. Lebenserfahrungen nutzte er rückhaltlos für sein künstlerisches Schaffen.
Alles um sich herum scheint der Künstler aufzusaugen und durch sein Werk zu kommentieren, ohne falschen Respekt vor vermeintlichen Autoritäten. So trägt ein abstraktes Gemälde aus dem Jahr 1985 den Titel: „Ertragsgebirge mit Wirtschaftswerten von Joseph Beuys“. Ohne Rücksicht auf den so genannten guten Geschmack und Political Correctness befasst er sich mit viel Ironie und Sinn für absurden Humor mit den politischen Themen am Ende des Kalten Krieges. 1986 ruft er den „Anti Apartheid Drinking Congress“ anlässlich der Commonwealth Spiele in Edinburg ins Leben, seine einzige politische Kunstaktion. Beispiele für seinen Wortwitz lassen sich im übrigen viele finden. Er schreibt Bücher mit Titeln wie „Sind die Discos so doof wie ich glaube, oder bin ich der Doofe“, seine Brasilienreise im Jahr 1986 nennt er „Magical Misery Tour“.
Witz und Ironie zeigt er auch im Umgang mit seinem eigenen Schaffen und Status als Künstler. 1988 malt er seine großformatigen „Selbstporträts in Unterhose“. 1992 unterrichtet er in Kassel an der Gesamthochschule, wird „Professor der Erfreulichen Klasse Kippenberger’“, wie er selbst sagt. In der Kunstszene bald als Enfant Terrible verschrieen, verkörpert Kippenberger damit ein ganz neues Bild des Künstlers, jenseits von anspruchsschwerer Sinnstiftung und romantisierender Vision.
Martin Kippenberger 10.6. bis 10.9. K21, Ständehaustr.1
dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, am Wochenende 11 bis 18 Uhr
Eintritt 6,50 Euro.
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