Düsseldorfer Geschichten: "Es ist nicht leicht, ein Narr zu sein"
VON HANS ONKELBACH UND ANDREAS BRETZ (FOTOS) - zuletzt aktualisiert: 18.12.2010 - 13:28Düsseldorf (RPO). Wer den Geschäftsführer des Comitees Düsseldorfer Carneval (CC), Jürgen Rieck, für den mächtigsten Mann im hiesigen Karneval hält, liegt damit ziemlich richtig. Das finden viele Jecken nicht lustig. Aber verzichten möchten sie keinesfalls auf den Kaufmann aus Berlin. Nächste Woche wird er 75.
Ohne Zweifel: Der Mann kommt aus Berlin. Nur die von dort stammenden Menschen sagen so schön "nüscht" oder "Icke". Und nur dort pflegt man diesen trockenen, manchmal leicht ätzenden Humor, von dem Generationen von Kabarettisten lebten. Alles das trifft auf ihn zu: Jürgen Rieck, der Geschäftsführer des Comitee Düsseldorfer Carneval (CC) wurde am 21. Dezember 1935 in Berlin geboren. Noch heute ist das unüberhörbar.
Was natürlich vor allem daran liegt, dass er tatsächlich in Berlin aufwuchs, zur Schule ging und (Achtung – ein Wink des Schicksals auf spätere Jahre?!) am Schadow-Gymnasium in Zehlendorf sein Abitur machte. Mit den Fremdsprachen Latein und Griechisch übrigens, und dem Ziel, später mal Physik zu studieren. Denn weil ihn Fliegerei schon damals faszinierte, wollte er in den Flugzeugbau.
Aber er landete ganz woanders.
Weil: Vater Rieck war der Meinung, vor dem Studium sollte der Filius einen Beruf erlernen, also: eine Lehre machen. Rieck – den damals schon jede Form von Mobilität reizte, der aber nicht ahnen konnte, wie wichtig diese Kenntnisse einmal für ein Ding namens "Rosenmontagszug" in einer fernen Stadt und in einer fernen Zukunft werden würden – dieser Rieck junior entschied sich für den Beruf des Speditionskaufmanns. Mit Sicherheit war das auch genetisch bedingt, denn der Großvater führte in dieser Zeit bereits eine Spedition in Berlin.
Es folgten: Lehre in Karlsruhe, Abschluss als Jahrgangsbester – und ab da die Arbeit nur noch in diesem Gewerbe. "Weil es mir enormen Spaß machte!"
Adieu Physik, Adieu Flugzeugbau.
Dass er später Menschen (und Dinge) ganz anders bewegen sollte – im übertragenen, aber auch im wortwörtlichen Sinne – das war in diesen Zeiten natürlich nicht absehbar.
Um zu erklären, wie es dazu kam, muss folgende Frage beantwortet werden: Wie und wann war der Sprung nach Düsseldorf?
Antwort: Es war 1960. Die Firma Rieck betreute in dieser Zeit die Warenlager, die in Berlin angelegt worden waren und die Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln für mindestens ein Jahr sichern sollten. Eine Spätfolge der Blockade Ende der 40er Jahre ("Berliner Luftbrücke") durch die Sowjets. Ein paar der wichtigsten Lieferanten saßen im Westen, und eine Filale der Firma Rieck betreute diese Unternehmen. Weil der zuständige Mitarbeiter mehrmals krank war, wurde schließlich der Junior an den Rhein versetzt. Was für ihn und das hiesige Brauchtum tiefgreifende Folgen haben sollte.
1960 war davon jedoch noch keine Rede. Denn als Sproß der Spree hatte er von Bräuchen am Rhein nicht die geringste Ahnung. Weder von den Schützen noch vom Karneval.
Das jedoch sollte sich ändern, und zwar gründlich. Lange war seine einzige Berührung mit Karneval, wenn er sich ärgerte, weil seine Mitarbeiter am Rosenmontag nicht arbeiten wollten. Aber dann nahm ihn ein Nachbar eines Tages – es muss Anfang der 80er Jahre gewesen sein – mit zu einem nach-karnevalistischen Fischessen. Es war im Benrather Hof an der Kö, Ecke Steinstraße. Rieck gefiel das, und er fand die Leute, wie er heute sagt, sehr nett. Sie gehörten zur Gesellschaft AVDK (Allgemeiner Verein der Karnevalsfreunde) – und machten Rieck wenig später zu ihrem Ehrensenator. Es dauerte nicht lange, da war der gebürtige Berliner sogar Mitglied im Elferrat dieser Karnevalsgesellschaft.
Das war der Beginn einer langen und steilen Karriere im so genannten Winterbrauchtum: Der Mann, der noch heute von sich sagt, dass er alles mögliche ist, aber kein Jeck, wird in den folgenden Jahren schnell zu einer der zentralen Personen im Düsseldorfer Karneval.
Aber wenn er betont, er sei kein Jeck, meint er damit keinesfalls, frei von Humor zu sein. Seiner ist nur anders als der mancher hiesigen Pappnasen. Würde man das mit dem Satz "Und das ist auch gut so!" kommentieren, käme von Rieck ein grimmiges Nicken.
Dass er Humor hat, bewies er beispielsweise, als die Rheinische Post dem nicht gerade zimperlichen Rieck einmal bescheinigte, er gehe mit manchen Narren um wie TV-Fiesling J.R. Ewing. Idealerweise passten auch noch die Initialien – J. R. für Jürgen Rieck. Ihm war diese Parallele noch gar nicht aufgefallen, aber sie gefiel ihm – und beim nächsten Rosenmontagszug war er als Texander verkleidet, inklusive Stetson und Colt.
Dass er – ähnlich wie der Mann aus Dallas – was vom Geschäft versteht, zeigte sich 1994. Damals strich der Düsseldorfer Rat dem Karneval die 320 000 D-Mark Zuschuss, mit denen man den Rosenmontagszug (u.a.) finanziert hatte. Dieser Schock ließ den gesamten CC-Vorstand zurücktreten, und die gesamte Helau-Fraktion war kopflos. Ein paar beherzte Jecken jedoch wollten sich nicht geschlagen geben: Unter dem Einfluss von Jobsi Driessen wurde Uli Fernholz neuer CC-Präsident, und man holte Rieck zuerst als Nothelfer. Denn drei Dutzend Rosenmontagswagen mussten über den Tüv, und Rieck, der Speditions- und Lkw-Experte, schien als der richtige Mann, das auf den Weg zu bringen. Was er auch tat, binnen weniger Tage war die Sache erledigt.
Davor zogen die Narren ihre Kappe – und knapp ein Jahr später trugen sie ihm das Amt des Geschäftsführers an. (Was er bis heute noch hat!) Wenig später jedoch bereuten einige von ihnen diesen Schritt umgehend. Weil fortan galt: Spaß beiseite! Rieck griff nämlich sofort und hammerhart durch, beseitigte ein paar Strukturen, die – sagen wir: ungewöhnlich waren, und klärte vor allem die gesamte Truppe auf, dass man mit geschätzten 450 000 D-Mark Schulden praktisch pleite sei. Während den Narren noch die Pappnasen erbleichten, machte sich der Kaufmann an die Arbeit. Was zur Folge hatte, dass man wenig später wirklich wusste, wie tief man in der Patsche steckte (nämlich mit 519 000 D-Mark), aber auch sofort begann, sich um neue Einnahmen zu kümmern. Alle großen Düsseldorfer Firmen wurden angeschrieben, und es flossen tatsächlich reichlich Spenden. Nach knapp drei Jahren waren die Schulden abgestottert.
Spätestens in dieser Zeit wurde Rieck klar: Es ist nicht leicht, ein Narr zu sein. Diesen Satz würde er heute noch unterschreiben. Er führt das Unternehmen namens Comitee Düsseldorfer Carneval so wie seine Firma: Korrekte Buchführung, Blick auf die Kosten, das Geld immer im Blick – insofern tatsächlich ohne jeden Humor. Denn das Finanzamt versteht auch bei den Karnevalisten keinen Spass. Rieck sieht das ähnlich:Beim Geld hört die Freundschaft auf, der Spass sowieso. Damit jedoch machte er sich bei vielen finanziell eher unbedarften Karnevalisten nicht immer Freunde. Was dem Kaufmann allerdings herzlich egal ist. Zumal sie ihn dennoch respektieren.
Nicht zuletzt, weil er dafür sorgt, dass immer genug Geld in der Kasse ist: Er holte die erste (und gute bezahlte) TV-Lizenz ins Haus, er "verkaufte" Sitzung und den Rosenmontagszug an den WDR und garantiert am Ende schwarze Zahlen auf den Konten des CC.
Das Ganze entbehrt nicht einer gewissen historischen Pikanterie: Der hiesige Karneval mit seinen Garden, Offizieren und Orden entstand dereinst als die Verhohnepipelung der Preußen durch die Rheinländer. Denen war dieser strenge und korrekte Menschenschlag aus dem Osten nicht geheuer. Also nahmen sie Disziplin und Hierarchien der Preußen auf die Schippe. Und heute ist einer dieser typischen preußischen Macher ihr Chef.
Allerdings sehen sich die heutigen Narren auch nicht mehr als Zerrbilder der einst verhassten Besatzer. Längst nehmen sie sich selbst sehr wichtig, fühlen sich durch die bunten Blechorden wirklich geehrt und ernsthaft dekoriert, wenn sie General a la Suite oder Gardeoffizier sind. Was wiederum Rieck bestenfalls amüsiert, schlimmstenfalls nervt. Weil es ihm nie in den Sinn käme, sich stärker oder wichtiger zu fühlen, weil er ein paar goldene Bömmel auf der Schulter trägt.
Trotzdem: Am Ende fühlt er sich meistens wohl bei diesen Vertretern des organisierten Humors: "Ich habe bei ihnen viele sehr sympathische und sehr interessante Menschen kennen gelernt." Dass er auch viele erlebte, deren Auftritt er mit nach oben verdrehten Augen kommentiert, verschweigt er höflicherweise.
Er kann jedoch seine Gedanken nicht immer verbergen – wenn's allzu krass wird, verliert er die Kontrolle über sein Poker-Face, und man sieht, was in seinem Kopf vorgeht: Es ist nicht leicht, bei diesen Narren Narr zu sein.
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