Düsseldorfer Geschichten: "Es war wie ein Erdbeben, ein starkes Erdbeben"
VON GÖKÇEN STENZEL - zuletzt aktualisiert: 30.01.2011 - 13:30Düsseldorf (RPO). 15 Menschen wurden verschüttet und leicht verletzt, als die Zwischendecken des Lebensmittelgeschäfts "Marketim" in den Verkaufsraum stürzten. Das war im November 2010. Auch die Existenz der türkischen Betreiberfamilie drohte zusammenzubrechen. Erst jetzt wird ein kleiner Teil des Marktes wieder geöffnet, und die Bauaufsicht hat die Aufräumarbeiten erlaubt.
Es ist ein schöner Tag für Mustafa Taskiran. Gerade eben ist die Renovierung seines Supermarktes vollendet, der große hintere Verkaufsraum und das kleine angeschlossene Lager glänzen frisch gefliest. Helle Paneele verbergen Kabel und Leitungen, die Zwischendecke auf halber Höhe der Halle ist weiß gestrichen. Die neu angeschafften Kühlregale und Fleischtheken können bestückt werden.
Der 50-Jährige ist zufrieden mit der Arbeit der Handwerker, die mehrere Wochen gedauert und 200 000 Euro gekostet hat. Die Investition war nötig gewesen, manche Einbauten stammten noch aus dem Jahr 1997, als Taskiran seinen Markt Am Turnisch eröffnete, 1040 Quadratmeter in Lierenfeld.
Der schöne Tag ist noch so nicht lange her. Im Herbst 2010 ist die Renovierung des "Marketim" abgeschlossen und bringt mehr Kunden als bisher in das türkische Lebensmittelgeschäft. Oliven, Gemüse, Öl und Gewürze, Brot und Baklava. Für die Frischwaren, die Eier, das Fleisch ist die hintere Verkaufshalle gedacht, die, in der jetzt die neuen Kühlaggregate stehen, leise summend. Mitarbeiter füllen die Regale, Kunden gehen suchend herum, vorbei an den Din-A-3-Plakaten, auf denen steht: "Angebot". Ruhig ist es, übersichtlich.
Bis zum 27. November. An dem Tag, einem Samstag, mittags, bricht Takrans schöner neuer Laden zusammen.
"Erst knirschte es schrecklich laut. Dann war es wie ein Erdbeben, ein starkes Erdbeben", erzählt Zuhal Taskiran. Sie ist Mustafas 30-jährige Tochter und Co-Geschäftsführerin, und sie war in der Halle, als die Zwischendecke nachgab und mit ungeheurer Wucht und betäubendem Dröhnen herunter stürzte, alles unter sich zermalmend. Zuhal Taskiran entsetzten, warnenden Schreien ist es vielleicht zu verdanken, dass die anderen, die Mitarbeiter und Kunden, nicht vollständig unter dem Schutt begraben wurden. Sondern sich in einen Teil des Raumes retten konnten, der weniger stark zerstört wurde. "Wir hätten alle tot sein können", sagt die Tochter. "Mein Gott, wir haben wirklich Glück gehabt."
15 Menschen werden leicht verletzt gerettet, eine Mitarbeiterin muss jedoch Stunden lang in der staubenden Ruine ausharren, bis die Feuerwehr sie herausholen kann. Der hintere Verkaufsraum, "Marketims" Herzstück, ist ein Trümmerfeld, die neuen Theken und Regale sind zersplittert, abgebrochene Holzteile liegen herum. Weil alle eine Einsturzgefahr befürchten, sperren Mitarbeiter der Stadtwerke vorsichtshalber Gas, Wasser und Strom für das Gebäude. Die Polizei riegelt die Straße Am Turnisch ab, es kommt zu kilometerlangen Staus. Das Chaos ist drinnen wie draußen perfekt.
Die Mitarbeiterin, die unter den Trümmerteilen gelegen hat, wird noch immer psychologisch betreut. Sie meidet die hintere Halle des Ladens ebenso wie ihre Chefin. Denn dort ist alles unverändert – fast unverändert – seit dem schwarzen Samstag der Familie Takran.
Wie eine offene Wunde klafft der Eingang zur Halle. Dahinter Verwesung: Unter den Bergen von Schutt und Metall liegen noch tonnenweise Lebensmittel. Nicht nur eingelegte Gurken und Fischkonserven, sondern auch Eier und ehemals frisches Lammfleisch, Obst und Kartoffeln, Käse, Wurst, Geflügel. Die Plakate, auf denen steht: "Angebot" hängen noch immer an ihren Plätzen, Honig für 1,49 Euro, Joghurt für 39 Cent. Und unter den Plakaten liegen die angebotenen Waren. Der moderige, leicht Ekel erregende Geruch, der von ihnen ausgeht, zieht nach oben zum Dach, dessen hölzerne Balkenkonstruktion nun ein riesiges, freigelegtes Gerippe ist. Stahlseile hängen nutzlos herunter, es ist dunkel wie bei Nacht ohne Mond. Und eiskalt. Zum Glück. "Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es riechen würde, wenn das Ganze im Hochsommer passiert wäre", sagt Mustafa Taskiran. "Dauerfrost hat auch sein Gutes."
Dass noch niemand aufgeräumt hat, keine Bagger die Halle von Schutt und Gerümpel befreit haben, obwohl sich die Takrans nichts sehnlicher wünschen – das liegt an der Staatsanwaltschaft. Sie hatte Ermittlungen eingeleitet, nach der Ursache für den Einsturz der Decke gesucht und einen Sachverständigen um Gutachten gebeten. Der stellte fest, dass das Ladenlokal sogar zwei Decken hatte. Nachgegeben hatte zunächst die obere, die dann die untere Konstruktion mit hinabriss.
"Bevor wir mit unseren Untersuchungen nicht fertig waren", sagt Staatsanwalt Christoph Kumpa, "durfte niemand da hinein." Seit einigen Tagen ist der Ort des Geschehens nun freigegeben. Die Ursache ist zwar noch nicht Schwarz auf Weiß dokumentiert, aber ein Fremdverschulden schließt die Staatsanwaltschaft aus. Takran, der sich beinahe schon wie ein Verdächtiger vorkam, ist erleichtert. Materialermüdung, heißt es.
60 Jahre lang hat das Material gehalten. In den 50er Jahren ist jene obere Zwischendecke, die nun herabfiel, in das Gebäude eingezogen worden. Damals war ein Kino in der dusteren Halle untergebracht. Das obere Ende der ehemaligen Leinwand ist auch später nie entfernt worden. Es hängt noch, rechts, kurz unterhalb der Dachbalken. Hing all die Jahrzehnte dort, verborgen hinter den Zwischendecken und lässt jetzt, entdeckt und bloßgestellt, noch die barocken Falten sehen, die einst einen Vorhang andeuten wollten. Ein Vorhang, der sich jetzt wohl zum letzten Mal gehoben hat: Wenn das Trauerspiel vorbei und das "Marketim" wieder komplett nutzbar ist, werden auch die baumelnden Zeugnisse früherer Jahrzehnte endlich aus dem Gebälk verschwunden sein.
Am Montag, den 31. Januar, will das städtische Bauaufsichtsamt die erforderliche Genehmigung zum Innenabriss erteilen. Zwei Monate nach dem Zwischenfall.
"Es hat so lange gedauert", erklärt Ulrike Lappeßen, Leiterin des Bauaufsichtsamts, "weil wir wegen der Ermittlungen erst mal außen vor waren." Danach habe die Statik überprüft werden müssen, die Statiker waren vier Wochen lang in dem Gebäude beschäftigt: Was, wenn weitere Teile einstürzen? Welche Rolle spielt es, dass auch noch eine Tiefgarage unter dem Haus liegt? "Der Schutt kann nun nach einem bereits erstellten Statik-Konzept Stück für Stück abgetragen werden", sagt Lappeßen. "Ohne ein solches Konzept könnte es gefährlich werden, auch für die Bauarbeiter." In jedem Fall wird es zu einer weiteren Geduldsprobe für Takran. Denn die hintere Zufahrt, die, über die die Waren normalerweise angeliefert werden, gehört dann den Baggern und Containern der Hausverwaltung, die für den Abbruch zuständig ist.
Anliefern ist fortan nur über den engen Vordereingang ohne eigenen Parkplatz möglich, es wird wieder zu wochenlangen Einschränkungen seines Betriebes und zu Verdienstausfällen kommen, da ist sich der Geschäftsführer sicher.
Erst am 14. Januar, vor gut zwei Wochen, hatte Mustafa Taskiran im vorderen, inzwischen abgetrennten Teil seiner Verkaufsräume den Markt neu eröffnen können – viel zu spät, wie seine Tochter Zuhal findet. Sie fragt sich, ob die Genehmigung zur teilweisen Wiedereröffnung auch so lange gedauert hätte, wenn es sich nicht um das kleine, eher bedeutungslose "Marketim" gehandelt hätte, sondern um eine große, renommierte Handelskette. "In diesen Räumen gab es früher einen Rewe", sagt sie. "Glauben Sie im Ernst, der wäre für zwei Monate geschlossen worden, wenn er jetzt noch hier drin wäre?"
Der Anwalt des Betriebs, der sich um die rasche Abwicklung und die Kontakte zu allen Ämtern kümmert, sieht das anders: Angesichts deutscher Bürokratie und sprichwörtlicher Gründlichkeit habe gerade die Bauaufsicht "rasant" gehandelt, befindet er nach einem Gespräch im Amt.
Schlimm sei aber, dass die Fläche, die nun wieder bewirtschaftet werden darf, nicht genug einbringt, um die zehn Mitarbeiter auszuzahlen, die trotz der wochenlangen Schließung nicht entlassen wurden. Hinzu kommt, dass alle Waren, die zum Zeitpunkt des Unglücks im Geschäft auslagen oder lagerten, vernichtet werden mussten: drei Lkw-Container voller Lebensmittel, fast 60 Tonnen. Ein Teil ging zur Entsorgung an die Firmen zurück, von denen Takran beliefert wird: "Allein hätte ich das nicht stemmen können, es hat ohnehin schon 200 000 Euro gekostet." Ordnungs- und Umweltamt passten auf, dass alles ordentlich und umweltgerecht entsorgt wurde – und "Marketim" war leer, restlos leer.
Taskiran musste nach dem Fall, dem Zwischenfall, wieder aufstehen und weitergehen. Er ist für die Säuberung der freigegebenen Fläche und die Anschaffung neuer Waren in Vorleistung getreten: "Noch hat die Versicherung keinen Cent gezahlt", erzählt er zwischen Telefonaten, in denen er Etikettenrollen und einen bestimmten türkischen Wein bestellt sowie einen Termin verschiebt. Das werde auch erst passieren, wenn alle Gutachten vorliegen. Zumal sich noch entscheiden müsse, welche Versicherung zuständig ist: Die Gebäudeversicherung des Eigentümers? Seine eigene? Gehört eine herabfallende Zwischendecke zu der Kategorie von Schäden, die auch von Blitzen und Stürmen verursacht werden? Oder von Feuer?
Der große Mann schüttelt den kahl werdenden Kopf, die grünen Augen blicken ratlos über sein Teeglas auf Atatürks Konterfei, das an einer Wand in seinem Büro hängt: Er weiß es nicht. Er hofft nur, dass der ganze Fall zum Ende des Jahres abgewickelt sein wird. "Uns ist die Decke auf den Kopf gefallen", sagt er schließlich. "Das meine ich ernst und wörtlich."
Gejammert hat Taskiran dennoch nicht. Sondern noch einmal von vorn angefangen.
Wann genau der erste Anfang war, der erste Tag also, kann er allerdings nicht so genau bestimmen. Den Markt in Lierenfeld hat er vor 14 Jahren eröffnet, in dem Jahr, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern von Neuss nach Düsseldorf zog. In der Nachbarstadt hatte er seit seiner Jugend gelebt, seit 1974, um genau zu sein. Mit seinen Eltern war er aus der Provinz Nevehir in Kappadokien eingewandert und im Laden seines Vaters erwachsen geworden. "Das war aber nur ein Lädchen", erzählt er lächelnd. "Kein Supermarkt." Er selbst sollte seinen Markt in Neuss erst 2006 schließen, um sich ganz auf Am Turnisch zu konzentrieren.
Inzwischen empfindet er "Marketim" als so etabliert an dem Standort, dass er einen Umzug nicht in Betracht zieht. Möglich, dass sich die Familie auch privat an den Standort gebunden fühlt: Die Taskirans wohnen im Viertel, die Kinder sind dort eine Zeit zur Schule gegangen, die jüngere Tochter ist Arzthelferin. Dass sie Deutsch und Türkisch fließend sprechen, ist für Zuhal Takran eine Selbstverständlichkeit: Sie antwortet jeweils in der Sprache, in der sie im Laden angesprochen wird.
Längst kommen auch "die Deutschen" gerne "zum Türken" einkaufen.
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