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15 Jahre Drogensumpf: Ex-Junkie läuft Marathon

VON UWE REIMANN - zuletzt aktualisiert: 15.09.2009 - 07:58

Düsseldorf (RPO). Nach 15 Jahren Drogensumpf änderte Veronika Wiegele (37) im Gefängnis radikal ihr Leben. Sie begann zu laufen, immer die kleine Runde im Gefängnishof. Heute läuft sie 42,195 Kilometer und am Sonntag den Berlin-Marathon.

Ex-Junkie Veronika Wiegele läuft jetzt Marathon.  Foto: Werner Gabriel
Ex-Junkie Veronika Wiegele läuft jetzt Marathon. Foto: Werner Gabriel

Leben ist in den schmächtigen Körper von Veronika Wiegele zurückgekehrt. Vor allem durchs Laufen, immer wieder, erst nur die kleinen Runden im Gefängnishof und heute in Freiheit am Rheinufer oder durch den Grafenberger Wald. Veronika Wiegele wäre fast gestorben an ihrer Drogensucht. Fast wäre sie nicht 37 Jahre alt geworden, wäre als obdachlose Heroinabhängige im Drogensumpf in irgendeiner Ecke Düsseldorfs an einer Überdosis umgekommen. Aber eben alles nur fast. Nun hat sie nach einem langen Lauf durchs Leben wieder eine Perspektive. "Durch das Laufen bin ich nie wieder abgestützt."

Die Kindheit Als fünf Jahre altes Mädchen ist Veronika Wiegele bereits in einem Turnverein. Als sie acht ist, wechselt sie in den Schwimmverein von Bayer Uerdingen. Veronika trainiert hart, ist bis zum 16. Lebensjahr eine Leistungsschwimmerin, die bei den Trainern Hoffnung auf eine große Karriere weckt.

Die Lehre Mit 16 beginnt Veronika Wiegele eine Ausbildung als Apothekenhelferin. "Gleichzeitig habe ich meinen Sport aufgegeben. Das war ein Riesenfehler. Hätte ich das Schwimmen weiter gemacht, wäre mein Leben wahrscheinlich anders verlaufen."

Der Absturz Mit 18 beginnt sie, übermäßig Alkohol zu trinken, raucht Cannabis. Mit 19 kommen LSD und Amphetamine hinzu. Wiegele verliert ihre Arbeitsstelle. Mit 21 probiert sie zum ersten Mal Kokain und Heroin.

Die Verwahrlosung Wiegele nimmt immer mehr, immer stärkere, immer gefährlichere Drogen. Sie lebt auf der Straße, manchmal in der Notunterkunft an der Dorotheenstraße. Erste Methadon-Programme zur Entgiftung und Entwöhnung scheitern. Immer wieder. "Ich machte Sachen, die ich im normalen Zustand nie machen würde, weil ich damals total hemmungslos war." Sie kann vor allem ihre Aggressionen unter dem Drogeneinfluss kaum bremsen.

Die Kriminelle Die junge Frau stiehlt in Geschäften ("manchmal Dinge, die man gar nicht braucht"), dealt, beleidigt andere Menschen. "Ich habe Therapien zum Teil nur gemacht, damit ich nicht in den Knast musste."

Das Gefängnis Nach mehreren kleinen Haftzeiten muss Veronika Wiegele Ende 2005 eine 26 Monate lange Haftstrafe absitzen. "Das war meine Rettung", sagt sie heute. "Die Entgiftung war die Hölle, aber ich hatte auch zum ersten Mal wieder einen strukturierten Tagesablauf." Veronika Wiegele begann zu joggen. Oft die kleine 300 Meter-Runde im Gefängnishof während der Freistunde, aber auch schon mal eine Stunde auf dem Laufband im Fitness-Raum für die Insassen. "Einige Inhaftierte lachten drüber, aber das verstärkte nur meinen Ehrgeiz. Ich wurde sozusagen mein eigenes Vorbild." Nach eineinhalb Jahren durfte sie mit zwei Justizbeamten auch öfter mal außerhalb des Knastes laufen. "Es war ein Traum: Wege, Felder, Natur."

Die Freiheit Anfang 2008 wurde Veronika Wiegele aus der Haft entlassen. Ängste packten sie: Schaff ich das ohne Drogen? Werde ich rückfällig? Kann ich ein normales Leben aufbauen und durchhalten? Sie konnte. Sie fand eine kleine Wohnung, schafft in einem Methadon-Programm die Abstinenz von Heroin und Kokain. "Ich fühle mich so gut und ich bin immer weiter gelaufen", erzählt sie. "Ich habe wieder einen guten Kontakt zu meiner Mutter, Oma und Schwester. Ich besitze auch wieder ein Fahrrad, mit dem ich alles erledigen kann."

Jeden Tag geht sie laufen. Seit dem Frühjahr vor allem nach der Arbeit, denn Wiegele hat einen Job gefunden. Ihre Psychotherapie, den Alltag mit Mülleimer-runter-bringen und Einmal-die-Woche-die-Wohnung-putzen, alles das klappt. Ohne Heroin und Kokain. Am 20. September startet sie jetzt sogar beim Berlin-Marathon. "Dann fahre ich zum ersten Mal wieder in eine andere Stadt und kann da auch laufen", sagt die Düsseldorferin.

"Nie mehr abstürzen"

Glauben kann sie das manchmal selbst nicht. "Einmal habe ich zu meiner Mutter gesagt: ,Mama, jeden Tag kämpfe ich so viel, irgendwann muss ich doch mal eine Belohnung dafür bekommen.' Da hat sie zu mir gesagt: ,Die ist doch schön längst da, die kriegst du nur nicht mit.' Und da hat sie Recht. Ich will nie mehr so abstürzen."

Quelle: RP

 
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