Der Körper: Existenz – Expression – Ekstase
zuletzt aktualisiert: 17.03.2006 - 11:57Düsseldorf (dto). Verletzliche Hülle, Bindung zur Psyche und Neukonstruktion in der Moderne - der Körper stellt die thematische Klammer dar, welche die unterschiedlichen Museums- und Ausstellungsprojekte der Quadriennale 06 miteinander verbindet. Seine Expressionen und Obsessionen, seine theatralischen Inszenierungen und Maskeraden, seine Fragmentierung und Neukonstruktion im Zeichen des allseits zitierten „Post Human Body“ stehen im Fokus der Ausstellungen und Veranstaltungen.
Im Zeitalter des exzessiven Körperkultes, der Enttabuisierung von Fetischismen, der Schönheitskorrekturen und Genmanipulationen hat die künstlerische Frage nach dem Körper, seinen Grenzen und seinen Expansionen sowohl zeitdiagnostische als auch zukunftsweisende Bedeutung. Der Körper ist inzwischen gestaltbar – und das Selbst konstruierbar. In diesen offenen Themenhorizont fügen sich Malerei und Skulptur aus verschiedenen Epochen ein, die im Rahmen der Quadriennale 06 stattfinden. Sie hinterfragen die Bedeutung des Körperlichen für den Menschen und die Entwicklung, die das Verhältnis zwischen dem Selbst und seiner physischen Hülle im Laufe der Jahrhunderte genommen hat. Neben den großen Meistern des italienischen Frühbarock – Caravaggio – und der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in England – Francis Bacon – werden Einzel- und. Gruppenausstellungen mit internationalen Künstlern und Künstlerinnen in den unterschiedlichen Medien und Ausdrucksformen der Gegenwart zu sehen sein.
Caravaggio (museum kunst palast) als Vorbote des modernen anarchischen Künstlertypus erlebt die Exzesse des Körperlichen als Macht, der er ausgeliefert ist. Seine dramatischen Körperdarstellungen inthronisieren das Dunkle der Seele die sichtbar wird. Dramatische Darstellungen von menschlichen Körpern haben nicht nur Caravaggios Ruhm begründet. Sie sind allgegenwärtig im Werk des wohl bedeutendsten englischen Malers des 20. Jahrhunderts: Francis Bacon (K 20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen). Der Maler der schmerzhaft gewundenen, zerfließenden Körper hat wie kein anderer seiner Generation das Drama des verwundbaren, schutzlos ausgelieferten Körpers auf der Bühne seiner Bilder inszeniert. Zwischen den Extremen von Kreuzigung und Schlachthof austariert, wird hier die Affinität zwischen Mensch und Tier in erschreckender, enttabuisierter Direktheit deutlich.
Bruce Nauman (NRW-Forum für Kultur und Wirtschaft), eine der großen Leitfiguren der amerikanischen Kunst seit den 60er Jahre, inszeniert immer wieder den menschlichen Körper, zunächst den eigenen, dann den von eingesetzten Schauspielern. Im Videobild fragmentiert oder verdreht dargestellt avanciert der Körper zunächst zum rein ästhetischen Material – bewusst anonymisiert wird er zur Reflexions- und Projektionsfläche für alle künstlerischen Fragen rund um die menschliche Existenz.
Juan Muñoz (K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen) ist in Europa einer der herausragenden Künstler, die seit den frühen 1980er Jahren eine figurative und erzählerische Kunst wiederbelebt haben. Zum ersten Mal in Deutschland sind seine wichtigsten skulpturalen, installativen, zeichnerischen und auditiven Arbeiten zu sehen. Wichtiger noch als die erfindungsreiche plastische Formulierung im Einzelnen ist Juan Muñoz jedoch die Schaffung einer Gesamtatmosphäre, in der ein mit menschlichen Emotionen und Vorstellungen aufgeladener Raum im Mittelpunkt steht. Der Raum, den die Arbeiten von Muñoz umschreiben, ist ein Raum der Erinnerung an Gesehenes, Erlebtes, Gehörtes und Gelesenes.
Körper, die zwischen Vertrautheit und Fremdheit changieren, Figuren, die Identifikation mit Anderssein verbinden, die theatralisch inszeniert sind oder sich in den Konstruktionen des Ich narzißtisch spiegeln - sie stellen ein offenes Themenfeld für Künstler und Künstlerinnen in der Gegenwart dar. Künstler wie Berlinde De Bruyckere und Martin Honert (Kunsthalle Düsseldorf) loten die Grenze zwischen Realität und Fiktion aus: Die von ihnen geschaffenen Figurenensembles bestechen durch ihre unmittelbare Präsenz, sie entwerfen fantastische Visionen, in denen geheime Leidenschaften und Bedürfnisse, auch des Körperlichen, aufflackern und doch zugleich wieder in der Isolation desselben erstickt werden.
Die mexikanische Künstlerin Teresa Margolles (Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen) fängt das Flüchtige, das Vergängliche des Todes in ihren Werken ein. Sie lässt beispielsweise Wasser, welches Sie zur Waschung von nicht identifizierten Toten aus den Leichenschauhäusern Mexikos City benutzt hat, in ihre minimalistischen Betonskulpturen einfließen oder auch als Seifenblasen frei durch den Raum fliegen. So entsteht ein poetisches Bild, dessen makabre Hintergründe erst den Wissenden und Eingeweihten brutal auf die Macht des Körperlichen und seine Vergänglichkeit zurückverweist.
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