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Ausstellung in der Kunstsammlung NRW: Thomas Struths Bibliothek der Bilder

VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 24.02.2011 - 11:35

Düsseldorf (RPO). Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zeigt das Werk des 1954 in Geldern geborenen Fotokünstlers in seiner ganzen Breite von 1978 bis 2010. Fast alle Werkgruppen sind ausgestellt. Erstmals auch die aktuellen Bilder aus High-Tech-Schmieden und Laboren. Bis 19. Juni in Düsseldorf.

Es ist Struths wundersame Welt, eine subjektive Bibliothek der Bilder, die sich auf fünf wesentliche Schauplätze konzentriert: Kunstmuseen, moderne Großstädte, Familie, Technik und Natur. Mit den Orten und Menschen bildet der Fotograf auch die geistigen Räume und Ideologien ab. "Er will der Wirklichkeit eine Form geben", sagt die Kuratorin der ersten großen Retrospektive, Anette Kruszynski. Struth drückt es ähnlich aus: "Ich möchte in meinen Fotografien ein Innehalten möglich machen, zu genauem Hinsehen anregen, verbunden mit dem Wunsch nach Einmischung." Die Plattenkamera dient Thomas Struth als naturwissenschaftliches Werkzeug zur psychologischen Durchdringung der Welt.

Info
Freitag Vernissage

Thomas Struth, (geb. 1954 in Geldern) ist bei der Vernissage am Freitag, 25. Februar, 19 Uhr, in der Kunstsammlung NRW, Grabbeplatz 5, zugegen. Die Ausstellung läuft vom 26. Februar bis 19. Juni. Geöffnet: Di - Fr 10 - 18 Uhr, Sa und So 11 - 18 Uhr. Eintritt: 10 Euro, erm. 5 Euro.

Mehr als 100 Fotoarbeiten sind in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ausgebreitet. Auch dem Künstler selbst bereitet es Vergnügen, sein Werk in dieser Größe und Wucht zu erleben. Noch dazu in der Stadt, in der er lernte – erst bei Gerhard Richter Malerei, dann bei Bernd Becher Fotografie. Es ist die Stadt, in der er zum bedeutenden Künstler heranreifte und bis vor kurzem lebte, bevor er nach Berlin zog. Mit den anderen Becher-Schülern Thomas Ruff und Andreas Gursky (zusammen die "Struffkys") steht Struth stilbildend für den Blick einer ganzen Generation, die ebenso kritische wie unangenehme Fragen nach dem Krieg stellte, an Politik, Autoritäten und Wirtschaft; auch die eigene Familiengeschichte durchleuchtete man, zerstörte tradierte Rollenbilder und legte es darauf an, Konflikte zu provozieren.

Der Künstler hat selbst gehängt: die frühen Straßenaufnahmen, erstmals das Ensemble "Düsseldorf" aus den 1970ern, kleinformatig, schwarz-weiß. Im denkbar größten Kontrast dazu die "New Pictures from Paradise", großformatig, farbig. Sanft scheint das Tageslicht in den Raum.

"Unbewusste Orte" aus fernen Ländern sind mit "Kultstätten" in einem anderen Saal im Erdgeschoss gepaart. Die Familienporträts, auch das der befreundeten Familie von Gerhard Richter, hängen nicht weit von den Museumsfotografien. Ganz frisch und neu, also erstmals sind die Technikbilder zu sehen, eine Serie, die noch keinen Namen hat. Über diesen grübelt Struth noch, der derzeit vorzugsweise in Biotech-Labors und High-Tech-Schmieden unterwegs ist.

Seine Fotografie als malerisch einzuschätzen ist falsch, und doch geht er ähnlich einem Maler vor, wenn er Schicht für Schicht kalkuliert, bewusst die Dinge setzt bei der Komposition seiner Fotoarbeiten. Bevor ein Bild entsteht, vergehen Stunden des Beobachtens. Am Ende gewährt dieser produktive Blick des Fotografen Durchblicke und Ausblicke, macht Parallelen und Korrespondenzen sichtbar. Jedes Foto unterliegt einem strengen Bildaufbau und wird zum ästhetischen Ereignis.

Thomas Struths großes Interesse gilt der Architektur; der Bau von Straßen, Städten und Wohnungen gibt – zumal in unserer globalisierten Welt – Auskunft über die psychische und moralische Situation einer Gesellschaft. Ein Foto steht für den Klang einer Stadt, ist Brennglas ihres Wesens. Die Straßen der 1970er Jahre in Deutschland erscheinen in ihrer abstoßenden Spießigkeit, in ihrer Uniformität und Fantasielosigkeit. Kalt, ohne Menschen, festgefroren. Thomas Struths inszenierte Momente sind scheinbar wertfreie, beiläufige Schilderungen, die keine Antworten geben, sondern Fragen aufwerfen. Der Künstler fordert den Betrachter auf, einen Standpunkt einzunehmen.

Anders als die Architekturaufnahmen entspringen die grünen Paradiesbilder einer intuitiven Bildidee. "Während man die Straßen zentralperspektivisch durchdenkt", sagt Struth, "sind die Dschungelbilder dicht, gefüllt und undurchdringbar. Man kann sie nicht abschließend angucken, sie unterliegen keiner Ordnung." Der Urwald als Ort der persönlichen Freiheit? "Ja", sagt der Künstler, der sich oft schon eine Stunde Stillsitzen verordnete. "Man ist für einen Moment vom Denken befreit, erlöst vom allgegenwärtigen Diktat der Effizienz und des Wachstums. Die Zeit zu vertrödeln, wird bei uns doch als etwas Negatives betrachtet." Die "New Pictures of Paradise" sind seine stillsten Bilder. Er wird nie mehr den Dschungel aufsuchen, um solche Bilder zu machen.

Anders hält er es mit den Familienfotografien, schon hat er neue Termine mit den meist befreundeten Familien geplant. Diese Fotos verraten Geheimnisse. Die innerfamiliären Verhältnisse und den Sozialstatus kann man aus den hochglanzschönen Arbeiten lesen.

Nicht mehr dechiffrieren kann man hingegen die Technik-Fotos, man wird staunen, aber ihnen ihre Geheimnisse nicht entlocken. Der technisch-wissenschaftliche Fortschritt vollzieht sich unsichtbar, verborgen in Labor- und Versuchsanordnungen. Nicht versäumen beim Rundgang: das einzige Selbstbildnis, Thomas Struth im Dialog mit Albrecht Dürer. Dürer guckt ohne Intention. Struth gibt nur seine Schulter preis und trägt ein blaues Jackett. Für ihn eine ungewöhnliche Farbe. Fast eine Filmszene.

Quelle: RP

 
 
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