Spielzeitauftrakt im Schauspielhaus: Tschechows "Möwe" mit Maria Schrader
VON ANNETTE BOSETTI - zuletzt aktualisiert: 20.09.2010 - 13:07Düsseldorf (RPO). Zum Spielzeitauftakt im Düsseldorfer Schauspielhaus inszenierte Intendantin Amélie Niermeyer Anton Tschechows Stück "Die Möwe". Es gerät zum ungekünstelten Kammerspiel auf weit offener Bühne. Maria Schrader fügt sich als Gast gut ins Ensemble ein.
Die "Ich-bin-wichtig-Frau" ist keine Erfindung unserer modernen Zeit. Auch den suizidal veranlagten jungen Künstler kennen wir wie den Arzt, der zu viel arbeitet, oder den Literaten, der unter Schreibzwang leidet, den Pensionär, der seine Zipperlein kultiviert, und die unglücklich Liebenden im Allgemeinen. Menschen dieser Sorte versammelt Anton Tschechow in seiner Komödie "Die Möwe". Sie treffen auf einem Landgut am See aufeinander, und sie sind familiär verbandelt, was die Sache nicht leichter macht. Der gepflegte Müßiggang wäre an sich komödiantisch auslegbar. Doch dazu sind die Selbstzweifel, die an jedem nagen, zu groß. Man versucht, in der Krise eine gute Figur zu abzugeben. Wahre Gefühle bleiben unter der Decke. Die Welt ist eine Bühne und das Leben ein Spiel – wenn auch mit tragischem Ausgang.
Stück Tschechows von ihm selber als Komödie bezeichnetes Stück „Die Möwe“ wurde 1896 in Sankt Petersburg uraufgeführt.
Theater Jetzt läuft es auf der Großen Bühne des Central, Düsseldorf, Worringer Straße 140.
Termine 20. 9., 1.10., 2.10., 3.10. Beginn 19.30 Uhr.
Karten 0211 36 99 11
In Düsseldorf inszeniert Intendantin Amélie Niermeyer zum Auftakt ihrer letzten Spielzeit Tschechows Stück über die Langeweile der Menschen als ungekünsteltes Kammerspiel. In großen, ruhigen Bilderbögen konzentriert sie das Geschehen auf die Gefühle alleine. So generiert sie die Spielfreude ihres Ensembles und unterlässt – anders als gewohnt – jedwedes Spektakel. Die Kostüme sind fast zu schlicht, jedenfalls ohne Verweise auf Herkunft oder Stand. Die extrem karge, weit offene Bühne mit einem Steg und einem blauen Vorhang wird nur einmal kurz in Farbe getaucht, als der junge Konstantin seiner Mutter Arkadina, seiner angebeteten Nina und den anderen sein erstes Theaterstück vorführt. Er scheitert, weil seine Kunst zu abstrakt ist. Dieses Scheitern ist vielfach, es wird öffentlich vollzogen: Seine angebetete Nina verfällt dem Literaten, seine Mutter lässt ihn am ausgestreckten Arm verhungern, der Frau, die ihn wirklich liebt, verweigert er sich.
Gleich zu Beginn schießt Konstantin eine Möwe ab, die er Nina als Geschenk anbietet. "Bald werde ich mich auch erschießen", sagt er. Das wehmütige Krächzen des Vogels trägt ein Cello als schräg verhallendes Liebeslied durch den Abend. Das Ende des ernüchternden Reigens ist bekannt: Konstantin nimmt sich das Leben – der Schuss ist der Schluss.
Die Regisseurin teilt die vier Aufzüge in zwei Blöcke, lang und kurz, erst warm – dann kalt. Zwei Jahre liegen zwischen drittem und viertem Bild. Fast alle Menschen hatten und haben andere Lebensentwürfe, als das Leben ihnen bietet: Mascha (drastisch: Claudia Hübbecker) muss die Liebe zu Konstantin in ihrem Leib abtöten. Der Literat (harmlos: Götz Schulte) verfällt der jungen Nina, und Nina (seelenzitternd: Natalia Belitski) folgt ihm. Pensionär Sorin weiß nichts anzufangen mit seinen erlöschenden Lebensgeistern, er will leben. Fritz Schediwy macht daraus eine hinreißende Solopartie. Der Arzt, Typ Bohemien (charmant: Michele Cuciuffo), hat sich auf Chansons verlegt. Im Zentrum steht die erfolgreiche Schauspielerin Irina. Maria Schrader, vielfach geehrte Film- und Theaterschauspielerin, entwickelt diese Figur behutsam. Freilich kann sie mit dem Hintern wackeln und tadellos das Rad schlagen. Auch trägt sie als Einzige High Heels und Robe von der Kö. Als herrschsüchtige Mutter verhakelt sie sich libidinös mit Sohn Konstantin (brav: Ilja Niederkirchner). Als vor Eifersucht rasende Geliebte kriecht sie im Vierfüßlerstand über den Boden. Gut ist die Schrader, weil sie nicht übertreibt. "Wie erträgt man dieses Leben?", fragt Konstantin vor dem Freitod. Eine Frage, die für alle gilt und ohne Antwort bleibt.
Das Plus der Inszenierung: die Verdichtung. Selten waren die Verhältnisse so klar. Düsseldorf hat ein starkes Ensemble, doch nicht alle sind diesmal so gut wie Schrader, Schediwy, Hübbecker und die junge Belitski. Das Manko der Inszenierung: der Mangel an Poesie.
Das Freiheitslied der Möwe hätte man breiter auskomponieren können. Der Applaus war ordentlich.
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