Schumannfest wagt neue Perspektiven: Fünfstunden-Konzert und Krankenakten
VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 04.05.2006 - 10:16Düsseldorf (dto). Einen außergewöhnlichen Blick auf Schumanns Leben und Werk zu werfen, das haben sich die Veranstalter des neunten Schumannfestes vom 5. bis 20. Mai vorgenommen: Zum Beispiel bei einem fünfstündigen Konzertabend in den Hallen der Böhler Werke. Das musikalische Experiment von Moritz Eggert bedient Augen und Ohren: So sollen die Schallwellen des Gesangs Puderzucker auf der Bühne in Schwingungen versetzen und Bilder kreieren. „Wir haben ein spannendes Programm auf die Beine gestellt, und hoffen, dass es ein breites Publikum erreicht“, sagt Michael Wilder, Vorsitzender der Schumanngesellschaft.
Mit über 45 hochkarätig besetzten Konzerten wollen die Veranstalter zum 150. Todestag von Robert Schumann (1810-1856) zeigen, dass der Musiker ein vielseitiger Künstler war, sein Ohr "stets am Puls der Zeit" hatte und auch nachfolgende Komponisten stark beeinflusste. Das Programm ist eine Zeitreise, die bei den Vorbildern des Künstlers beginnt, Station macht bei seinem Leben und Schaffen, Zeitgenossen einbezieht und bis in die Gegenwart blickt. Zwischen großen Stars der Klassikszene und viel versprechenden Neuentdeckungen, zwischen Tradition und Moderne bewegt sich das Fest und wagt auch außergewöhnliche Perspektiven.
Seine letzten schöpferischen Jahre verbrachte Schumann als städtischer Musikdirektor in Düsseldorf, die Jahre bis zu seinem Tod war er Patient der Nervenheilanstalt in Endenich. Das Schumannfest wirft auch einen Blick auf den kranken Künstler. „Im Eismeer“ heißt ein neues Buch, das erstmals Einblick in die Krankenakten des Komponisten gibt, und im Rahmen einer Lesung vorgestellt wird. „Das Buch wird sicher für heftige Diskussionen sorgen“, ist Festivalintendantin Christiane Oxenfort überzeugt.
Experimentell geht es im Auftragswerk der Frankfurter Klangkünstler des "electronic music theater" zu. Unter dem Titel „Komet“ erschufen die fünf Künstler ein Multimedia-Gewebe aus Melodien, Geräuschen, Texten, Projektionen und Szenen – einen Sampler zwischen Romantik und postmoderner Pop-Ästhetik, der ebenfalls in den Böhler Werken seine Premiere feiert. Komponist Reinbert de Leeuw und Schauspielerin Barbara Sukowa begeben sich mit dem Schönberg Ensemble auf die Suche nach zeitgemäßen Deutungen des Kunstliedes und interpretieren mit „Im wunderschönen Monat Mai“ Lieder nach Schumann und Schubert. Eine Verbindung zwischen Tradition und Moderne schlägt ein Workshop des englischen Pianisten John Tillbury. 15 Musiker können sich darin mit der Kunst der Improvisation befassen. „Wir hoffen, dass viele klassisch ausgebildete Musiker teilnehmen, weil Improvisation bei ihnen nicht mehr auf dem Stundenplan steht“, erklärt Oxenfort.
Wie schon beim Schumannfest 2004 stehen auch wieder mehrere Nachtwanderungen rund um den Ehrenhof auf dem Programm. Von 20 bis 1 Uhr können Musikbegeisterte auf romantischen Pfaden wandeln, die sich nach Lust und Laune kombinieren lassen. Jeweils zur vollen Stunde beginnen Lieder- oder Klavierabende, Kammer- oder Jazzkonzerte, Lesungen und inszenierte Begegnungen mit Schumann, Heine, Brahms, Beckett, Schönberg, Mahler und vielen mehr. Der englische Komponist und Multiinstrumentalist Django Bates widmet sich in seinem Auftragswerk „Songs of love and grieve“ der Lyrik Heines, der Jazz-Klarinettist Michael Riessler gibt auf der Basis seiner Filmmusik zu den „Heimat“-Filmen von Edgar Reitz Musik „aus dem Geist der Romantik“ zum Besten. Schauspieler David Bennent liest Texte von Heine zur Musik von Schumann, Kabarettistin Tina Teubner rezitiert einen fiktiven Briefwechsel zwischen Brahms und Schönberg.
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