Studentin überfallen und vergewaltigt: Geständnis nach sechs Jahren
VON WULF KANNEGIESSER - zuletzt aktualisiert: 09.04.2008 - 08:47Düsseldorf (RPO). Weil er 2002 eine Studentin auf ihrem Heimweg überfallen und vergewaltigt hatte, findet sich ein 24-jähriger Neusser seit gestern vor dem Düsseldorfer Landgericht wieder. Ein DNA-Test hatte den Gewalttäter überführt.
Kann man sich für eine Vergewaltigung entschuldigen? „Nein“, wehrte das Opfer gestern vor dem Düsseldorfer Landgericht ab. „Das ist ja nicht, als hätte mich der Angeklagte angerempelt oder hätte mir auf den Fuß getreten!“ Und dann sagte die 31-jährige Frau noch ganz ohne Pathos: „Ich bin nicht mehr der Mensch, der ich vorher war - und ich werde es auch nie wieder sein.“ Die drückende Stille im Gerichtssaal, die nach diesem Satz entstand, mag dem Angeklagten endlos erschienen sein. Mit ungelenken Worten hatte er zuvor die Tat gestanden. Aber in Gegenwart seines Opfers den Blick zu heben oder die Frau, deren Leben er zerstört hat, nun offen anzusehen - das wagte er nicht. Dabei hat er trotz seiner 24 Lebensjahre schon reichlich Erfahrungen mit Gewaltanklagen - mit der Perspektive von der Anklagebank aus.
Mehrfach hat der gebürtige Neusser die Justiz schon beschäftigt. Zuletzt saß er Ende 2005 mit seiner Freundin auf derselben Anklagebank des Landgerichts. In einer Neusser Hochhauswohnung hatte das Paar tatenlos zugesehen, wie ihre wenige Wochen alte Tochter Jill nach massiven Misshandlungen qualvoll dem Tod entgegen dämmerte. Erst nach fünf Tagen hatten die Eltern damals einen Notarzt gerufen. Da war Jill schon klinisch tot. Vor Gericht konnte nie geklärt werden, wer von den Eltern dem kleinen Mädchen jene schweren Kopfverletzungen zugefügt hatte. Beide kamen zwar hinter Gitter, aber nicht wegen Mordes oder Totschlags, sondern nur wegen „Misshandlung von Schutzbefohlenen“.
Am Rande dieses Verfahrens hatte der angeklagte Vater damals auch eine DNA-Probe abgegeben. Die wurde ihm dann zum Verhängnis. Denn die Auswertung ergab, dass der Mann schon 2002 eine damals 26-jährige Studentin in Düsseldorf auf ihrem Heimweg überfallen, sie mit vorgehaltener Pistole in ihre Wohnung gedrängt und dort mehrfach vergewaltigt hatte. Das gibt der 24-Jährige zu. Mehr noch: „Ich hab’ das ja nicht gerne getan“, tönte er gestern zu Prozessbeginn. „Aber ich hab’ die Situation schamlos ausgenutzt!“ Doch das ist nur die halbe Wahrheit.
Tatsächlich hat der junge Mann vor sechs Jahren nachts in Düsseldorf jene Situation erst geschaffen, indem er die erstbeste Frau auf deren Heimweg ins Visier nahm. Warum es gerade diese Studentin sein musste? Schulterzuckende Antwort von der Anklagebank: „Weil sie eben da war.“ Erst habe er mit gezückter Gaspistole von der fremden Frau ja nur Geld verlangt. Doch die Studentin, die gerade noch in der Altstadt mit zwei Freundinnen ihre gelungene Diplom-Arbeit gefeiert hatte, konnte ihm bloß fünf Euro anbieten. In ihrer Wohnung „hatte ich plötzartig“ (so der Angeklagte) „eine andere Idee“. Die zu Tode verängstigte Studentin musste sich also ausziehen, musste ihm zu Willen sein.
Geweint hat die Frau bei ihrer Zeugenaussage gestern nur ein einziges Mal: Als sie schilderte, wie sie damals innerlich schon Abschied genommen hatte von ihrem Dasein. „Da lief mein ganzes Leben vor meinen Augen ab. Und ich musste an meine Eltern denken, an alle meine Freunde und meine Schwester.“
Unvermutet hat der Täter damals aber doch von ihr abgelassen, ist geflüchtet. Bis er sechs Jahre später durch das DNA-Gutachten entlarvt wurde - und dem Opfer einen zweiseitigen Entschuldigungsbrief schrieb. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt.
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