Wegen Kritik an Preisverleihung: Heine-Preis-Juroren treten zurück
zuletzt aktualisiert: 02.06.2006 - 11:45Düsseldorf (dto). Zwei Mitglieder der Heine-Preis-Jury sind ausgetreten. Die Literaturkritikerin Sigrid Löffler und der Pariser Literaturprofessor Jean-Pierre Lefèbvre zogen sich aufgrund des Streits um die Vergabe zurück. Sie kritisierten in einer Erklärung das Vorgehen der Ratsfraktionen des Düsseldorfer Stadtrates. Diese will die Jury-Entscheidung blockieren. "Einer Stadt, die unabhängige Fach-Juroren beruft und sie dann politisch desavouiert, können wir nicht mehr zur Verfügung stehen", heißt es in der Erklärung.
Die Jury selbst habe 18 Kandidaten vorgeschlagen, heißt in der Erklärung, die am Freitag in der "Süddeutschen Zeitung" abgedruckt wurde. Fünf davon seien in die engere Wahl gekommen. Bei der Diskussion habe sich rasch herausgestellt, dass die meisten Juroren, darunter fünf Stadt-Politiker - "unvorbereitet" gewesen seien "und sich offenkundig nicht einmal mit den Dossiers vertraut gemacht hatten geschweige denn, dass sie Bücher der Short-List-Autoren gelesen hätten." Alle bisherigen Preisträger - darunter W. G. Sebald, Elfriede Jelinek und Robert Gernhardt sowie Hans Magnus Enzensberger, Wolf Biermann oder Günter Kunert seien "ausdrücklich für ihr literarisches Werk" im Sinne Heines geehrt.
Aus dem Verhalten der Preis-Auslober im Fall Handke dürfe man daraus folgern: "Für die Kür von genehmen Kandidaten ist der Wortlaut der Statuten des Heine-Preises völlig ohne Belang; diese werden nur dann hervorgeholt, wenn es gilt, einen missliebigen Preisträger im Nachhinein zu sabotieren." Empört reagierten die beiden Juroren darauf, dass "ebenso haltlose wie rufschädigende Behauptungen über den Gekürten in Umlauf" gebracht worden seien. Die "Skandalisierung Handkes" scheine manchen ein willkommener Anlass zu sein, um "intern politische Rechnungen unter alten Feinden zu begleichen".
Der Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, kritisiert ebenfalls das Vorgehen von Jury und Politik. Es sei eine "törichte Idee", dass nach der Zuerkennung des Preises der Rat der Stadt Düsseldorf dies noch "bestätigen" müsse. In der Jury hätten Vertreter von zwei der vier Fraktionen gesessen, die jetzt die Verleihung annullieren wollten. "Einen wie auch immer Umstrittenen zu ehren, um dann, ohne dass irgendein neues Ereignis eingetreten wäre, ihn öffentlich für unwürdig zu erklären, ist die ultimative Form der sozialen Demontage." Wenn Handke den Preis nicht bekomme, nachdem die Entscheidung der Jury gefallen sei, "dann wären literarische Preise in Deutschland der Willkür ausgeliefert".
Theater Oberhausen auf Handkes Seite
Mittlerweile hat sich das Theater Oberhausen im Streit um die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises auf die Seite Handkes gestellt. Er zähle zu den "bedeutendsten deutschsprachigen Gegenwartsautoren", teilte das Theater am Donnerstag mit. Die Vorgänge um die Verleihung des Preises seien "beschämend".
Die Verleihung des Preises der Stadt Düsseldorf an Handke ist vor allem deswegen umstritten, weil der 63 Jahre alte Autor und Dramaturg mehrmals öffentlich für den früheren serbischen Diktator Slobodan Milosevic und dessen Politik Partei ergriffen hatte. Im Düsseldorfer Stadtrat zeichnet sich eine breite Ablehnung gegen die Verleihung der renommierten Auszeichnung an Handke ab. Der Preis sollte am 13. Dezember überreicht werden.
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