Neurologe hat neue Forschungsergebnisse: Heinrich Heine starb an Syphilis
VON SIMONE DURCHHOLZ - zuletzt aktualisiert: 02.03.2007 - 11:30Düsseldorf (RPO). Multiple Sklerose, Tuberkulose und sogar eine Bleivergiftung - immer wieder brachten Wissenschaftler neue Ursachen für den Tod von Heinrich Heine ins Gespräch. Der Berliner Neurologe Roland Schiffter bestätigt jetzt, wovon der Dichter selbst überzeugt war: Heine litt an der Geschlechtskrankheit.
Seit über 150 Jahren ist Heinrich Heine tot, und genauso lange rätseln Literaturliebhaber und Mediziner, woran er gestorben ist. Der Dichter selbst ging davon aus, an der Geschlechtskrankheit Syphilis zu leiden. Doch Forscher brachten immer wieder andere Krankheiten ins Gespräch: Multiple Sklerose, Tuberkulose und sogar eine Bleivergiftung. „Alles haltlos“, meint der Berliner Neurologe Roland Schiffter. In einem Vortrag am Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut bestätigte er: „Es war die Syphilis.“
Die letzten acht Jahre war Heinrich Heine an seine „Matratzengruft“ gefesselt - gelähmt, zeitweise erblindet und von krampfartigen Schmerzen gequält. Erste Anzeichen seiner Krankheit glaubt Schiffter bereits 25 Jahre vor Heines Tod zu erkennen. Ein Bild aus dem Jahr 1832 zeigt ihn mit deutlich erweiterter Pupille im linken Auge. „Das ist das erste Symptom seiner Krankheit“, erklärt Schiffter. „Der Nerv, der die Pupille verengt, war gelähmt.“
Das Nervenleiden, das laut Schiffter eine typische Spätfolge einer Syphilis-Infektion ist, setzte sich im Körper fort. In Briefen an seine Familie und Freunde klagte Heine zunächst über ein Taubheitsgefühl in der linken Hand, dann in den Lippen und Wangen. Schließlich versagten seine Beine, und er hatte keine Gewalt mehr über die Augenlider. Dazu kamen Atembeschwerden und heftiges Erbrechen. „Dieses Unleben ist nicht zu ertragen“, schrieb Heine an seinen Bruder Maximilian.
Typisch für die Syphilis sei, dass es dem Dichter nicht gleichbleibend schlecht ging. „Die geschädigten Nerven erholten sich immer wieder für kurze Zeit“, sagt der Neurologe. Eine Multiple Sklerose schließt er aus, weil Hirnnerven-Lähmungen und schmerzhafte Verkrampfungen bei Multiple-Sklerose-Patienten nicht vorkämen. Der These, Heine habe an Tuberkulose gelitten, hält Schiffter entgegen: „Eine unbehandelte Tuberkulose, die zu solchen Symptomen führt, endet spätestens nach sechs bis acht Wochen tödlich. Heine hat aber 25 Jahre damit zugebracht.“
Für eine Bleivergiftung spricht, dass in einem Haarbüschel, den Heines Frau Mathilde ihm nach dem Tod abgeschnitten hatte, ein sehr hoher Bleigehalt gefunden wurde. „Bleivergiftungen führen aber zu schmerzlosen Lähmungen in den Armen und fast niemals in den Beinen“, widerspricht Roland Schiffter auch dieser These. „Außerdem verblödet man durch die Bleiablagerungen im Gehirn. Davon kann bei Heinrich Heine keine Rede sein.“
Mit der Syphilis infiziert hat er sich vermutlich im Januar 1824 „bei der schönen Köchin von Hofrat Bauer in Göttingen“. „Er selbst war lebenslang davon überzeugt und wird seine Gründe gehabt haben“, meint Schiffter. Kurz darauf schrieb Heine an einen Freund in Berlin, er sei „gottlob von einem ärgerlichen Ausschlag jetzt kuriert“. Gleichzeitig klagte er über starke, migräneartige Kopfschmerzen. Beides sind Symptome der Syphilis.
Dass Wissenschaftler immer wieder neue Krankheiten ins Gespräch bringen, liegt laut Schiffter an dem unbegründeten Vorwurf, eine Geschlechtskrankheit sei etwas Unehrenhaftes. „Wir Bewunderer Heines kommen nicht umhin, die Diagnose zu akzeptieren, weil es keine überzeugende Alternative gibt.“
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