Immendorff spricht bei Kerner über ALS: "Ich verweigere mich der Krankheit"
VON MAIKE SCHULTE - zuletzt aktualisiert: 03.12.2004 - 11:08Düsseldorf (dto). Rund 6.000 Menschen sind in Deutschland betroffen, doch kaum einer kennt die tödliche Nervenkrankheit ALS (Amyoptrophe Lateralsklerose). Im fortgeschrittenen Stadium können manche Patienten nur noch die Augen bewegen, sind gefangen im eigenen Körper. Bei Johannes B. Kerner traten am Donnerstag Maler Jörg Immendorff und Schauspielerin Veronica Ferres an, um der Krankheit ein Gesicht zu geben. Ferres ist am 6. Dezember im Fernsehfilm „Sterne leuchten auch am Tag“ als ALS-Erkrankte zu sehen. Der Maler berichtete von seinem Kampf gegen die Krankheit und richtete einen Appell an Forschung und Pharmaindustrie, Wege gegen ALS zu finden.
Selber konnte Immendorf nichts in Berliner Talkstudio kommen, die Reise sei ihm zu beschwerlich gewesen. So war er mit Ehefrau und Malerin Oda Jaune per Videoleinwand live aus Düsseldorf zugeschaltet und berichtete über seinen Umgang mit der Krankheit, die bei ihm 1998 von Thomas Meyer, Leiter der ALS-Ambulanz der Berliner Charité und ebenfalls bei Kerner zu Gast, diagnostiziert wurde. Damals gab man ihm noch zwei Jahre zu leben.
Symptome beobachtete Immendorff kurz zuvor während eines Urlaubs. Der Linkshänder konnte plötzlich seinen Zeichenstift nicht mehr halten, die Lähmung wanderte dann über die Schulter zur rechten Hand. Ein typischer Verlauf, denn ALS betrifft die motorischen Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark und beginnt mit einer Lähmung von Armen und Beinen. Manche Patienten können im weiteren Verlauf nur noch die Augen bewegen. Die Lähmung befällt schließlich auch die Atmungsorgane. Wegen des erhöhten Kohlendioxidgehaltes klagen Betroffene erst über Müdigkeit, fallen schließlich ins Koma, berichtete ALS-Spezialist Meyer.
Immendorff gab sich dennoch kämpferisch. Er habe noch „sehr viele Pläne“, wolle unbedingt noch bis zu seinem 65. Lebensjahr an der Kunstakademie lehren. Zurzeit arbeite er an einem Buch für Nachwuchskünstler, das er seiner dreijährigen Tochter Ida widmen wolle. „Ich verweigere mich der Krankheit“, erklärte er sein Rezept, dabei helfe ihm die Kunst und seine Familie. Mittlerweile zur Gallionsfigur für Betroffene geworden, wolle er seinen Promi-Status nutzen, um die Öffentlichkeit aufzuklären und wachzurütteln. Wissenschaft und Pharmaindustrie seien gefragt, sich auch in ökonomisch riskanten Randgebiete zu wagen, so sein Appell im TV.
Die Krankheit habe sein Leben verändert. „Ich habe ein anderes Empfinden für Wichtigkeiten“, erklärte Immendorff, der sich auch religiösen Erfahrungen gegenüber offen zeigte. Eine Reise zu einem Heiler in Brasilien hat ihn offenbar sehr beeindruckt, so sehr, dass er die dort gemachten Erfahrungen als "nicht vermittelbar" beschrieb. „Es gab eine Schöpfung“, erklärte derselbe Mann, der mit Religion in seiner Vergangenheit wenig im Sinn hatte.
Zum Abschluss durfte auch ein Kommentar zum Prozess vor dem Düsseldorfer Landgericht nicht fehlen. Zu elf Monaten auf Bewährung und 150.000 Euro Geldstrafe war Immendorff im August diesen Jahres wegen Kokainbesitzes verurteilt worden. Das Geld ging an ein Tierheim. Lieber hätte er das Geld seinem "Stipendium zur Erforschung von Ursache und Therapie der ALS" an der Berliner Charité oder einer verwandten Forschung zukommen lassen. Auf die Frage von Kerner, ob der Richterspruch vielleicht "eine kleine Bösartigkeit" gewesen sei, antwortete er: "Ich würde das auch so sehen."
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