Angstattacken wegen tödlicher Nervenkrankheit: Immendorff gesteht 27 Kokainpartys
zuletzt aktualisiert: 20.07.2004 - 15:33Düsseldorf (AP). Der bekannte Maler und Kunstprofessor Jörg Immendorff hat vor Gericht langjährigen Kokaingebrauch zugegeben. Zum Auftakt seines Prozesses vor dem Düsseldorfer Landgericht führte der 59-Jährige am Dienstag als Erklärung Angstattacken wegen einer schweren, fortschreitenden Nervenkrankheit an, an der er in absehbarer Zeit sterben werde.
Immendorff legte am ersten Prozesstag ein volles Geständnis ab. Die Anklage wirft ihm vor, in der Zeit von Februar 2001 bis zur Festnahme am 16. August 2003 insgesamt 27 Kokainpartys in einem Düsseldorfer Luxushotel veranstaltet zu haben. Dazu habe der Maler bis zu neun Prostituierte eingeladen. In mindestens einem Fall sei eine nicht geringe Menge des Rauschgifts vorhanden gewesen; in einem weiteren Fall habe Immendorff fahrlässig ermöglicht, dass eines der Mädchen die Droge einnehme.
Immendorffs Partys waren durch einen anonymen Brief offenbar einer der Teilnehmerinnen aufgeflogen. Bei der letzten Nacht in der Hotelsuite veranstaltete die Polizei eine Razzia. Nach der Festnahme wurde der Kunstprofessor von der Düsseldorfer Kunstakademie vorerst suspendiert.
Immendorff wirkte beim Prozessauftakt krank und musste von seinem Verteidiger gestützt werden. Er ließ sein Geständnis von seinem Anwalt verlesen, weil er selbst durch seine Krankheit zu längeren Ausführungen nicht im Stande sei. Der 59-Jährige leidet demnach an Amyotropher Lateralsklerose (ALS), die zu fortschreitenden Lähmungserscheinungen führt. Er sei schockiert vom Gedanken, bald nicht mehr malen zu können, und der bevorstehende Tod durch Ersticken löse bei Immendorff Horrorvorstellungen aus, hieß es in der Erklärung.
Wegen dieser Angstschübe habe er Kokain genommen. Er bedauere sein Fehlverhalten und sei durch den Schock der Festnahme geläutert, betonte der Künstler. Es sei ihm auch unangenehm, dass seine Krankheit auf diese Weise an die Öffentlichkeit gekommen sei.
Sexuelle Phantasien und Lebensgier
In der Verhandlung räumte Immendorff ein, schon seit etwa zehn Jahren Kokain zu nehmen. Zunächst sei es nur sporadisch gewesen, wenn ihn Leute in bestimmten Düsseldorfer Lokalen auf der Königsallee dazu eingeladen hätten. 1998 sei bei ihm die tödliche Nervenkrankheit diagnostiziert worden. Seitdem habe er "die extreme Angst, die sporadisch aufbrach", mittels der Droge in den Griff zu bekommen versucht. Damals hätten die Ärzte ihm gesagt, er habe noch ein Jahr zu leben.
Ab 2001 begann dann, was Immendorff selbst mit "orientalische Neigungen" umschrieben hat: Sexpartys im Luxushotel. Der Künstler, der seit dem Jahr 2000 mit einer seiner früheren Studentinnen verheiratet ist und mit ihr eine Tochter hat, lud Prostituierte zu Pornofilmen und Alkohol. Er habe weder Geschlechtsverkehr gehabt noch den Damen Kokain angeboten, heißt es in Immendorffs Erklärung. Er habe bei den Partys seine sexuellen Phantasien ausgelebt, seine Lebensgier zu befriedigen versucht. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Jochen Schuster weigerte sich Immendorff unter Berufung auf seine Privatsphäre, auf Einzelheiten einzugehen.
Immendorff ist seit 1996 Professor an der Düsseldorfer Kunstakademie. Von 1986 bis 1996 hatte er eine Professur am Städelschen Institut in Frankfurt am Main. Als erster Künstler überhaupt begleitete er Bundeskanzler Gerhard Schröder bei einem Staatsbesuch. Sollte er zu mehr als einem Jahr Haft verurteilt werden, droht dem Beuys-Schüler der automatische Verlust seines Beamtenstatus'. Für den Prozess sind sieben Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil soll Ende August fallen.
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